NO ANGELS, 23.09.2022, Liederhalle Stuttgart

NO ANGELS, 23.09.2022, Liederhalle Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Meine Erinnerung ist etwas verschwommen, aber es ist wahr: Ich habe mich im Jahr 2000 ganz sicher für die letzten Folgen von „Popstars“ in mein kleines Auto gesetzt und bin so schnell es ging zu meiner Studentinnen-WG in einem beschaulichen Ort in Baden-Württemberg gedüst, wo wir zusammen Eventmanagement studiert haben. Nicht nur der Studiengang verpflichtete uns dazu, pünktlichst ab Sendungsbeginn mitzufiebern, wer in die erste im deutschen TV gecastete Band kommt. Das ganze Land war davon besessen, zuzuschauen, wie Nadja, Lucy, Sandy, Jessica und Vanessa damals die „No Angels“ wurden.

Keine der fünf Künstlerinnen hat in den 22 Jahren, die seither vergangen sind, eine (Über-)Präsenz wie beispielsweise der Dschungelkönig Ross Antony oder Italo-Schmuser Giovanni Zarrella entwickelt (die beide in der darauffolgenden zweiten von insgesamt elf (!) Staffeln Popstars für BRO’SIS ausgewählt wurden). Ich bin nicht sicher, woran das lag, in der Boulevard-Presse gibt es bis heute reichlich Erklärungen dafür. Zwischenzeitlich waren die No Angels sogar ganz aufgelöst, nur noch zu dritt, wieder zu viert, und als Quartett geht es jetzt auch wieder auf die großen Bühnen. Der Abend in Stuttgart ist das erste von zwölf Konzerten auf der Tournee, ein Abend in der Wuhlheide in Berlin wurde von den Fans schon frenetisch bejubelt.

NO ANGELS, 23.09.2022, Liederhalle Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Und die Fans sind nach Stuttgart gekommen! Mütter haben ihre Töchter mitgebracht, Töchter ihre Mütter, die meisten sind in größeren Freund*innen-Gruppen da. Der heißgeliebte Staubfänger Beethoven-Saal in der Liederhalle besticht wie immer durch das herrliche Foyer und Sekt-Orange auf der Getränkekarte. Wie so ein klebriges Retro-Getränk kamen mir beim „Nachhören“ der No Angels-Songs als Vorbereitung auf diesen Abend auch die ganzen Keyboard- und Drum-Computer-Sounds vor. Aber aus zwei zuverlässigen Quellen wird mir schon vorab berichtet, dass es eine sehr gute Band geben wird, die die Musik nach 2022 rüber bringen kann.

Diese vier Live-Musiker*innen kommen um Viertel nach Acht zuerst auf die Bühne und dann stehen sie wieder vorne auf der Bühne im Rampenlicht: Die vier „Engel“, in bonbonbunten Neon-Outfits und es geht direkt mit „Daylight“ los. Der Kreischfaktor ist bei 100% und alle singen den Text des größten No Angels-Hits mit. Der vierstimmige Live-Gesang ist fehlerlos, jeder Schritt zwischen den auf dem Bühnenboden aufgeklebten Markierungen sitzt. Zwischen den ikonischen „Detlef D! Soost-Slides“, die den Mädels damals von dem Choreografen mehr oder weniger charmant eingebläut wurden, sind inzwischen auch ein paar Moves aus dem Repertoire von Beyoncé eindeutig zu erkennen.

NO ANGELS, 23.09.2022, Liederhalle Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Nadja Benaissa, Lucy Diakovska, Sandy Mölling und Jessica Wahls sind Popstars! Daran gibt es keinen Zweifel. Und weil Pop komplett durchchoreografiert ist, sind das auch die Ansagen zwischen den Songs. „Wir hoffen es gefällt euch, Stuttgart!“ lässt sich ganz sicher mit einem „Ja“ beantworten. Später klingen die Moderationen doch etwas nach Kalendersprüchen. „Wir sind auf einer Zeitreise mit euch“ stimmt aber exakt, denn wer singt 2022 schon noch von Telefonanrufen statt Nachrichten im Messenger auf die man sehnsüchtig wartet?

Mit Yasi Hofer haben die No Angels eine hervorragende Gitarristin in ihr Tournee-Team geholt, die total cool bleibt, als beim ersten Gitarrensolo ihr Instrument nicht mehr zu hören ist und der Backliner kurz ins Schwitzen kommt. Das ganze Team funktioniert von unserer Seite der Bühne gesehen eh wie am Schnürchen, wenn zum Beispiel für die langsameren Songs immer wieder vier Barhocker auf die Bühne gebracht werden oder Lucy sehr kurz verschwinden muss, weil etwas an ihrer Hose reißt. Das passt auch, weil sie die Wildeste (und Gefeiertste?) auf der Bühne ist – da scheinen die Rollen nach wie vor klar verteilt.

NO ANGELS, 23.09.2022, Liederhalle Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Nach „Still in Love“ spielt die Band kurz alleine und die vier Sängerinnen wechseln die Outfits zu coolem Schwarz. „No Angels“ und „Let’s Go to Bed“ folgen. Einer der Engel, die die Show trotz aller Arbeit sichtlich selbst genießen, rutscht auch ein begeistertes „Sturgert!“ raus und die klitzekleinen ungeplanten Echtheiten, die zwischendurch rausblitzen, machen alles gleich spannender. Zu „One Life – I’m gonna have a good time, good time, I wanna be free“ blinkt die wirklich amtliche Lichtshow in Regenbogen-Farben.

Das Eurythmic-Cover „Must be talking to an Angel“ ist in der Engel-Version ohne Stevie Wonder an der Mundharmonika ein weiterer Hit. Danach wird die Vorstellung der Band mit dem Kommentar „dass wir auf der Bühne fast zu 100 Prozent Frauen sind“ nochmal ein bisschen früher 2000er-Cringe, aber Jens Golücke am Schlagzeug ist natürlich alles andere als eine Fehlbesetzung! Julia Hofer spielt Bass, Lisa Müller Keyboards.

NO ANGELS, 23.09.2022, Liederhalle Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Unter frenetischem Applaus des Publikums, das an diesem Abend von der ersten bis zur letzten Minute durchgefeiert hat, folgt schließlich der Zugaben-Block und endet mit „Rivers of Joy“. Zu den Ausgängen fließen am Ende ausnahmslos Menschen mit glücklichen Gesichtern und genau darauf kommt es an!

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