JAIMIE BRANCH, 12.11.2021, Manufaktur, Schorndorf

JAIMIE BRANCH, 12.11.2021, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Martin Schniz

„Jetzt glaub’s uns doch endlich! Jazz ist der neue heiße Scheiß!“ Seit geraumer Zeit werden meine persönlichen Musik-Influencer nicht müde, mich überzeugen zu wollen. Jeder Versuch, mich mit dem Genre in Berührung zu bringen, ist aber bisher gescheitert. Der Hinweis auf das exzessive Sex-Drugs-Rock’n’Roll-Leben einiger Jazz-Stars hat mich ebenso wenig überzeugt wie der Versuch, „niederschwelligen“ Einstiegs-Jazz zu platzieren. Für mich alles Musik, die sich ausschließlich über den Verstand erschließt, die intellektuell sicher spannend sein mag, mich aber letztlich überhaupt nicht berührt. Die Vorliebe für Jazz ist für mich ein ähnliches Symptom für geschmackliche Alterung, wie das zunehmende Gefallen an Zartbitterschokolade, Pfeifentabak und Single Malts. Und wenn ich die biologische Uhr schon nicht aufhalten kann, so versuche ich zumindest, die musikalische Frühvergreisung zu verlangsamen.

JAIMIE BRANCH, 12.11.2021, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Martin Schniz

Da die erwähnten Influencer bei der Konzertankündigung von Jaimie Branch in der Manufaktur aber komplett aus dem Häuschen geraten sind, habe ich mir ihr Live-Album doch mal angehört. Und was soll ich sagen: Es hat „Klick“ gemacht. Dieses breite musikalische Spektrum, die Rap-Einlagen, der Gesang und der durchgängig zwingende Groove, das alles schafft mühelos das Spagat rüber zur Popmusik. Und es animiert nicht nur das Hirn, sondern auch Bauch und Beine. Das will ich live gesehen haben! Und wenn schon, dann wage ich mich als totaler Jazz-Ignorant auch noch an einen Konzertbericht.

JAIMIE BRANCH, 12.11.2021, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Martin Schniz

Als wir kurz nach acht in der Manu eintreffen, sind alle Barhocker und Stehtische bereits belegt. Zumeist von grauhaarigen, bärtigen Herren. (Sollte sich meine These bestätigen?) Dazwischen und davor ist aber noch ausreichend Platz und der Saal füllt sich bis etwa zur Hälfte. Darunter auch viele Gesichter aus der Stuttgarter Musik-Szene.

JAIMIE BRANCH, 12.11.2021, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Martin Schniz

Schon der visuelle Auftritt der Band ist vielversprechend. Dr. Chad Taylor (Drums), Lester St. Louis (Cello) und Jason Amejan (Kontrabass) sind dezent gekleidet und platzieren sich an den Rändern der Bühne. Jaimie Branch hingegen tritt im roten Regenmantel, Baggy Pants, Strickmütze und schwarzem Schleier auf. Eine gewagte Mischung aus Diva und Ghetto Queen. Genau wie das Live-Album, beginnt auch der Auftritt mit „birds of paradise“, einem sphärischen Ambient-Stück, in dem Schlagzeuger Chad Taylor mit einer Mbira komplexe Rhythmen Steve-Reich’scher Manier produziert. Ein sanfter Einstieg in einen Abend voller Überraschungen.

JAIMIE BRANCH, 12.11.2021, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Martin Schniz

Jaimie Branch tigert auf der Bühne herum und animiert das noch etwas zurückhaltende Publikum: “ If you feel like shouting, shout!“ Und das taut auch bald auf. Mit „prayer for amerikkka“ und „theme 001“ haut sie schon früh ein paar „Hits“ raus. Und vor allem: Sie bringt Bewegung ins Publikum. So vertrackt Chad Taylors Rimshot-Kaskaden, so schrägt die Cello- und Trompetenimprovisationen auch sein mögen, das Ganze geht derart voran, dass man einfach nicht still stehen kann. Auch Jamie Branch bewegt sich in kuriosen Dance Moves über die Bühne. Wenn dies ein typisches Jazz-Konzert ist, dann habe ich bisher doch einiges verpasst.

JAIMIE BRANCH, 12.11.2021, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Martin Schniz

Unterbrechungslos geht ein Titel in den nächsten über, die Band zelebriert mühelos schiere musikalische Brillanz, ohne dass dies arrogant-muckerhaft rüberkommt. Spannend ist die permanente Kommunikation zwischen Drummer und Cellist. Eigentlich ein Zusammenwirken, das man eher mit dem Bassisten erwarten würde. Ob Jaimie Branch’s Trompetenspiel nun höchsten Jazzer-Ansprüchen entspricht, mag ich nicht beurteilen. Mir fällt aber auf, dass sich Manches, wie zum Beispiel der Wechsel zwischen Fanfarenstößen und Echo-Effekten, doch recht häufig wiederholt. Nur einmal im Laufe des Abends gibt es ein paar Minuten diesen gefürchteten Moment, wo es so klingt, als wenn die Musiker nichts miteinander zu tun hätten, so ähnlich wie bei einer Orchesterprobe. Ist das Free Jazz?

JAIMIE BRANCH, 12.11.2021, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Martin Schniz

Das Konzert entwickelt sich dennoch prächtig. Nach dem finsteren Zwischenspiel „the storm“, in dem der Cellist das Mikro mit dem Bogen bearbeitet, während Jaimie tonlos Luft durch die Trompete bläst, geht es in den Endspurt. Jaimie Branch begibt sich mit der Trompete in die ersten Publikumsreihen, wo getanzt oder zumindest rhythmisch gewippt wird. Vermutlich sind Ausflüge wie dieser auch typisch für Jazz-Konzerte, kenne mich ja nicht so aus. Einmal darf auch Cellist Lester St. Louis die Lead Vocals übernehmen, im kurzerhand eingedeutschten „Liebeslied für Arschlöcker und Clowns“. Als Kabinettstückchen ganz lustig, verglichen mit dem Rest des Konzerts aber doch eher etwas simpel.

JAIMIE BRANCH, 12.11.2021, Manufaktur, Schorndorf

Foto: Martin Schniz

In der Zugabe gibt es noch einen Country-Song, den die Trompeterin zweistimmig mit dem Bassisten singt und zum Abschluss eine wunderbar dekonstruierte Version des Klassikers „Moonriver“, in der Jaimie Branch auch ihre überraschende stimmliche Klasse demonstriert. Was für ein Spektrum an Musik, was für großartige Musiker! Tatsächlich ein denkwürdiger Abend. Nur eines würde mich jetzt sehr interessieren: Was sagen eigentlich traditionelle Jazz-Fans zu einem solchen Spektakel?

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