MISTER MISERY, 19.02.2020, Im Wizemann, Stuttgart

MISTER MISERY, 19.02.2020, Wizemann, Stuttgart

Foto: Madita Nair

Heute ist Geisterstunde in Stuttgart.

Nachdem die Gemäuer des Wizemann vor einigen Wochen schon einmal heimgesucht wurden von den Vampiren aus Helsinki, The 69 Eyes, ergreifen nun die Geister aus den Straßen Stockholms‘ Besitz der noch spärlich gefüllten Gruft. Stuttgart ist eindeutig ein empfänglicher Wirt für finstere Wesen aus Skandinavien.

Mister Misery sind noch eine erstaunlich junge Band für eine erste größere Headliner-Tour quer durch Europa. Vor zwei Jahren erst sind sie ihren Gräbern entstiegen und mit gerade Anfang zwanzig ist hier noch frisches, totes Blut am Musizieren.

Bevor unsere heutige Séance beginnen kann, sollen Aeranea aus Köln unseren Geist wachrütteln und öffnen, um später den Kontakt mit den Toten zu erleichtern.

Schon Mitte des ersten Songs habe ich allergrößten Respekt vor der vierköpfigen Band um Sängerin Lilly Seth, dass sie es als Support an einem Mittwochabend schaffen, die breit verteilten Leute in der Halle zu einem Haufen zusammen zu treiben und diese auch noch zum mitklatschen zu motivieren. Viel Energie kommt von der Bühne und ergreift die anfänglich steife Totenschar. Die größte Stärke der Band ist die stimmliche Kraft ihrer Frontfrau Lilly, die bei Songs wie Any Other Way und Nothing Left melancholisch überzeugt und locker mithalten kann mit Genre-Größen wie Nightwish, Within Temptation oder The Agonist. Wer also seinen Female-Fronted-Metal Horizont erweitern möchte, sollte diese Band auf jeden Fall in seine Playlist aufnehmen. Als persönlichen Favourite möchte ich hierbei Silence nahelegen.

AERANEA, 19.02.2020, Wizemann, Stuttgart
Das dekorierte Schlagzeug lässt bereits erahnen, nun wird es trashig makaber auf der Bühne. Grabsteine der Band, Grablichter am Bühnenrand und um das Schlagzeug herum verteilt, verzierte Kabuki-Masken. Ein Set wie eine Mischung aus einem Rob Zombie – Film und den ganz kitschigen, aber zeitlosen Geisterbahnen, über die man oft etwas verächtlich lacht und sich am Ende völlig überraschend in einem der quitschenden Wägen wiederfindet.

Ich habe ja persönlich ein Faible für geschminkte Männer, wie man vielleicht an meiner Gig-Blog Vita sehen kann. Watain, Wednesday 13 oder 1349. Leichenblässe ist mein Jagdrevier.Wie schon zu Beginn erwähnt, sind Mister Misery erst seit zwei Jahren aktiv, haben es dennoch schon zu Nuclear Blast/Arising Empire geschafft und stehen heute mit ihrer ersten Headliner-Tour, die sie durch 14 europäische Städte führt, in mitten dieses liebevoll dekorierten Friedhofes vor uns.

MISTER MISERY, 19.02.2020, Wizemann, Stuttgart

Foto: Madita Nair

Als das Licht stirbt und nur noch die vereinzelten Grablichter die Bühne beleuchten, kommen vier seltsam anmutende Gestalten mit entrückten Bewegungen auf die Bühne geschlichen und laden uns ein auf einen gemeinsamen Blood Waltz. Und mein lieber Gevatter Tod, ist der Sound schäbig. Gitarren? Harley Vendetta und Alex Nine haben zumindest eine umgeschnallt. Von den schaurig schönen Melodien ist zu Beginn leider gar nichts zu hören.

Im Laufe des Abends und durch Umpositionierung unserer faulenden Körper wird es einen Hauch besser, aber weit unter dessen, was einem Hauptact würdig sein sollte.

Die Band selbst scheint davon nichts mit zu bekommen oder überspielt die Soundprobleme professionell mit unheimlichen Fratzen und frenetischem Headbangen. Auf die Frage hin, ob wir Lust auf eine Geisterschichte haben und nach Rückfrage an den Rest der Band, ob sie überhaupt Lust haben, uns eine zu erzählen, bekommen wir dann doch My Ghost erzählt, der immer wieder unterbrochen wird von traurigem Zirkusgesang, um anschließend wieder in Metal-Geballer auszubrechen. Mir gefallen diese Songstrukturen, die immer wieder wechseln zwischen klarem Gesang, unheimlichen Samples und ein wenig Metalcore. Mit Rebels Calling kommt sogar ein wenig Hardrock im Stile von Hardcore Superstar hinzu.

Nach circa 30 Minuten bekommen wir tatsächlich verkündet, der letzte Song stehe nun da. Dreister war da bisher nur Michelle Darkness von End Of Green, der das öfter mal schon nach dem ersten Song verkündet hat. Doch Mister Misery marschieren nach dem finsteren Hollow wirklich von der Bühne und warten einige Minuten ab, bis die Zugabe-Rufe fordernder werden. Schwerfällig schleppen sie ihre maroden Körper zurück auf die Bühne und geben uns mit Tell Me Now und Live While You Can zwar noch zwei echt starke Zugabe-Stücke und feiern mit uns noch einmal ausgiebig den Tod und laden uns auf ein Bier am Merch-Stand ein, aber dann ist allen ernstes nach knapp 45 Minuten Schluss.

Ich wäre sicherlich schwer angefressen gewesen, stünde da nun eine routinierte Band von Welt, mit ausufernder Discography auf der Bühne und macht nach einer dreiviertel Stunde das Licht aus. Bei Mister Misery finde ich es zwar schade, weil ich gerne noch mehr gehört und gesehen hätte, aber – es gibt einfach noch nicht mehr. Man hat uns das komplette Debute-Album Unalive vorgespielt und ist dann wieder so schnell unseren Körpern entfahren, wie sie heimgesucht wurden.

Man darf gespannt sein, welche Gruselgeschichten Mister Misery in ihrer pechschwarzen Zukunft noch erzählen werden, doch für das erste Album und diesem schrägen Konzept auf der Bühne war das sicherlich mehr als gut und hat mein totes Herz für eine Weile zum Schlagen gebracht.

Mister Misery

Aeranea

Ein Gedanke zu „MISTER MISERY, 19.02.2020, Im Wizemann, Stuttgart

  • 21. Februar 2020 um 20:25
    Permalink

    Bisschen kurz. Hätten sie nicht die Stücke länger ausspielen oder jamen oder gar ein Cover spielen können?

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