THEES UHLMANN & BAND, 13.12.2019, LKA, Stuttgart

THEES UHLMANN & BAND, 13.12.2019, LKA, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Freitag, der 13. Ist auch nicht mehr, was er mal war. Nix da: Pech, Unglück, schwarze Katze und plötzlich fällt Dir ein Atomkraftwerk auf den Kopf und du bist tot. So war das früher, als die Welt noch in Ordnung war. Heute sieht das so aus: Thees Uhlmann kommt auf die Bühne, obwohl er eigentlich noch gar nicht dran ist und sagt die Autonummer eines Falschparkers durch.

Der solle das mit dem derzeitigen Parkplatz nochmals überdenken und die 400 Euro potenzielle Abschleppkosten doch lieber in Bier investieren. Zack. Und schon wieder geht eine standesgemäße Freitag-der-13.-Anekdote den Bach runter – „abgeschleppt, 400 Euro, Orr!“. Ja, auch das noch: Plötzlich Glück gehabt am Freitag, den 13.

THEES UHLMANN & BAND, 13.12.2019, LKA, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Und weil Uhlmann jetzt schon auf der Bühne rumsteht, sagt er gleich Grillmaster Flash an, norddeutscher Singer/Songwriter oder wie wir coolen Ficker sagen: Liedermacher. Seine Band hat er leider nicht mitgebracht, der Grillmaster macht das heute alleine mit Gitarre, Herz und Hits: „Ich war nie Rock’n’Roll“ – super Lied, „Sottrum“ auch, ein bisschen entspannter Springsteen’scher Landstraßenrock und mit der tollsten Zeile über das Dorfidyll: „Wo die Kinder noch Andreas heißen, und nicht Emil oder Luke“

Ganz arg schön und hinten lacht irgendwo eine Frau so dreckig, hätte man sich einrahmen sollen. Obwohl ich Witze über Kindernamen nicht so super finde, Kinder suchen sich ihre Namen ja meistens nicht selbst aus. Kurz überlegt, wie gut das alles noch sein könnte, wenn Grillmaster Flash mit vollem Besteck, Band und so aufgetreten wäre. Und dann fällt mir wieder ein: Isser aber nicht. Wo kommen wir denn da hin, alles daran festzumachen, wie man sich das selbst vorgestellt und dann natürlich viel besser gefunden hätte? Ich, ich, ich und ich. Nee, nee. Der Grillmaster ist ein Guter. Kann man nicht genug von haben.

Braucht man ja keine Brille dazu: Die Welt ist ein Sauhaufen, das Leben kein Ponyschlecken und irgendwie haben wir uns das alles viel besser vorgestellt. Es klingt so weltmännisch, das Leben abgrundtief zu hassen, die Menschen zu verachten und auf alles zu scheißen. Ich hab trotzdem eine Theorie: Für den Fall, dass man die Menschheit für widerwärtig hält, warum nicht einfach versuchen, ein weniger beschissener Teil von ihr werden? Einfach mal „geil!“ denken und das auch so zu meinen. Ist ja auch noch nie etwas besser geworden, nur weil man sich den ganzen Tag gegenseitig versichert, wie kacke alles ist.

THEES UHLMANN & BAND, 13.12.2019, LKA, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Die Gegenveranstaltung gibt’s bei Thees Uhlmann und seiner Band. Bestes Material, um den Becher in die Luft zu halten und dann Zeilen wie „Wenn der Sommer beginnt, stirbt ein weiteres Jahr“ unter die Hallendecke zu rufen. Wenn einem das Leben schon ständig eine einschenkt, einfach den Becher hinhalten. Glas halb voll, trotzdem bitte Luft rausmachen. Ja, Mann.

Die Zeile ist wiederum aus „Fünf Jahre nicht gesungen“ von Uhlmanns neuer Platte „Junkies und Scientologen“ – klingt zu Beginn immer ein bisschen wie „Cold As Ice“ von Foreigner. Keine Ahnung, was daran schlecht sein könnte. Hier im LKA ist gerade eh gar nix schlecht. Ein Raum voll Lieder, so albern das klingt, so wahr ist das.

Uhlmann und seine sechsköpfige Band sind bestens aufeinander eingespielt und hauen Hits raus, als ob’s morgen reglementiert würde. Das ist entspannter Rock wie eine Jeans und ungebügeltes T-Shirt mit Yoghurtfleck. Irgendwie lustig auch, dass diese Lieder nachts auf der Autobahn genauso gut funktionieren, wie im Club mit Übermut im Herzen und Getränk in der Hand. „Vom Delta bis zur Quelle“, „Danke für die Angst“ – passt in jede Lebenslage und hier im LKA passt nix besser am Freitagabend. Is eh Kackwetter draußen.

THEES UHLMANN & BAND, 13.12.2019, LKA, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Überall nur lächelnde Menschen – grob 1000 sag ich jetzt mal, nachgezählt habe ich nicht. Sowas mache ich nur wenn Konzerte langweilig sind oder kaum jemand gekommen ist. Einer mit Halstattoo singt hier genauso schief mit, wie ich, wie der Typ im Amon Amarth T-Shirt und – eh klar – die Frau im GHVC-Pulli. Es wird geschmachtet weil das schön ist, sich warm anfühlt, und weil keiner das Kackwetter von draußen in den Raum gelassen hat.

Ein Junge, vielleicht elf, vielleicht auch 14 Jahre alt, singt jedes Wort von „100 000 Songs“ mit und kurzfristig weiß man dann eben nicht, was jetzt schöner ist: das da vorne auf der Bühne, oder der Junge, der „100 000 Songs haben die Kriege zwar nicht beendet, aber dafür gesorgt, dass wir wieder zusammen kommen“ singt. Hab leider nicht aufgepasst, ob er auch „Dinosaurier liebt man nur, weil sie ausgestorben sind“ mitgesungen hat. Auch so eine Zeile, irgendwie traurig aber schön.

„Was wird aus Hannover, wenn die Scorpions nicht mehr sind“, auch ein wundervolles Lied. Ich glaube, da geht’s um die Schönheit im Mittelmaß, weil ja nicht alles in Glanzpapier verpackt werden und sensationell sein muss. Vielleicht geht’s auch gar nicht darum und eventuell ist auch diese Vieldeutigkeit so toll, mit der Uhlmann einen immer wieder alleine lässt. Denn zumindest lässt er einen nicht mit der Apokalypse allein.

„Wer ist über 40 und hat ein Kind?“, fragt Uhlmann. Zack. Überall Handmeldungen. Die kennen das: „Die Nacht war kurz und ich steh früh auf“ oder „Ich hab’ ein Kind zu erziehen, dir einen Brief zu schreiben und ein Fußballteam zu supporten“.

THEES UHLMANN & BAND, 13.12.2019, LKA, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

In dem Alter, in dem viele Bands normalerweise die Ehrenrunde einläuten, dreht Uhlmann, 45 Jahre alt, richtig auf. Der nudelt nicht die Erfolgsplatte von 2000irgendwas in kompletter Abfolge durch, sondern haut raus, was gestern toll war, heute super ist und morgen auch wieder den Tag ein bisschen besser macht. Und er scheint auch endgültig seinen Frieden mit seiner früheren Band Tomte geschlossen zu haben: „Schreit den Namen meiner Mutter“, „Ich sang die ganze Zeit von Dir“ und „Korn und Sprite“. Wunderbar. Und wieder so was: ich haben noch nie Korn und Sprite getrunken – man ahnt aber trotzdem, was Sache ist. „Obstler und Apfelsaft“ wäre ein doofer Liedtitel.

Auch irgendwie stark: Es ist dermaßen schick, Die Toten Hosen mies zu finden, alleine die Tatsache wie gerne Uhlmann die mag, und sogar ein ironiefreies Buch über die schreibt, ist sagenhaft. Nix da: „Also, früher war ich so doof“. Und dann spielt er „Liebeslied“ von den Toten Hosen oder wie Freunde sagen Die Toten Hosen – Uhlmann bringt die CVJM-Variante, alleine mit Akustikgitarre und der Kerl brennt wie ein Lagerfeuer. Toll.

Was Uhlmann und seine Band da veranstalten, wird gerne als authentisch verklärt. Handgemacht, echt und so. Isses wahrscheinlich auch. Aber wichtig ist das nicht. Wenn Rock’n’Roll je authentisch gewesen wäre, hätten wir schließlich tausende von Konzeptalben über mieses Toilettenpapier auf Tour. Komm, Authenzität ist der größte Quatsch, auch weil‘s Authentizität heißt. Und gute Popmusik erinnert einen auch an die schönen Momente, die man nie erlebt hat und Gedanken, die man noch nicht hatte. Das ist die verdammte Magie des Rock’n’Roll.

Dass Uhlmann trotz dieser freundlichen Gedanken, all dieser Umarmerei, den Anekdoten und lustigen Geschichten zwischen und in den Liedern nicht wie ein Li-La-Launebär wirkt, liegt an dieser abgründigen Melancholie, dieser Dunkelheit und natürlich daran, dass der Mann halt kein Doofie ist. „Triff mich an der Kirche, denn ich habe Lust zu schwören“, die Idee funktioniert eben auch ohne Mitgliedsausweis im Verein.

THEES UHLMANN & BAND, 13.12.2019, LKA, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

„Auf meinem Grabstein steht …“, singt Uhlmann am Anfang des Konzertes und hält beide Zeigefinger nach oben. Alle im LKA: „GESTORBEN UM NEUNZEHN UHR ZEHN!“. Keine Ahnung, was damals um 19.10 Uhr los war. Aber jeder hat so Tage und Uhrzeiten, an denen das Leben nicht so gut war, wie es hätte sein sollen. LKA, grob 21 Uhr, am Freitag, dem 13. war eine gute Uhrzeit.

„Wir bitten um Verzeihung, nicht um Erlaubnis“, sagt das Mädchen in einer Folge der Serie „Stranger Things“ und tut dann das Richtige. Klingt wie aus einem Lied von Thees Uhlmann.

P.S., und bitte, bitte, bitte nie vergessen: „Die Schönheit der Chance, dass wir unser Leben lieben, so spät es auch ist. Das ist nicht die Sonne, die untergeht, sondern die Erde, die sich dreht.“ Und dann die Bläser. Danke.

Thees Uhlmann

Grillmaster Flash

Ein Gedanke zu „THEES UHLMANN & BAND, 13.12.2019, LKA, Stuttgart

  • 15. Dezember 2019 um 19:13
    Permalink

    „Keine Ahnung, was damals um 19.10 Uhr los war.“ – – > „Ich hab’ ein Kind zu erziehen, dir einen Brief zu schreiben und ein Fußballteam zu supporten“… und zwar den Fußball-Club St. Pauli v. 1910 e.V.

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