MAIFELD DERBY, Tag 1, 14.06.2019, Maimarkt, Mannheim

MAIFELD DERBY, Tag 1, 14.06.2019, Maimarkt, Mannheim

Foto: Michael Haußmann

Schon im vierten Jahr sind unser Fotograf Micha und ich für den gig-blog bei einem Festival: zweimal Knyphausen Heimspiel, das Guča-Festival (zusammen mit Kollegin Maren) nun das zweite Mal Maifeld Derby . Und auch hiernach darf uns wieder ein anderes Festival willkommen heißen, denn die von uns auf vielen Ebenen geschätzte 3-tägige Veranstaltung auf dem Mannheimer Maimarkt wird in ihrem zehnten Jahr leider nicht stattfinden. Warum, das kann man in diesem Interview mit Veranstalter Timo Kumpf nachlesen.

Warum das Maifeld in unserer gig-blog-Blase so beliebt ist? Ein interessantes und oft gutes Line-up, ein übersichtliches Gelände mit kurzen Wegen, das freundlichste Security-Team, das süffigste Festival-Bier und nicht weit weg von Stuttgart – das dürften wohl die wichtigsten Gründe sein. An dieser Stelle will ich auch nicht darüber lamentieren, dass wir diese Kombination so im Kessel nicht ganz vorfinden, sondern freue mich lieber, die Stadt Mannheim etwas besser kennenzulernen (z.B.: unbedingt empfehlenswert: die neue Kunsthalle!)

MAIFELD DERBY, Tag 1, 14.06.2019, Maimarkt, Mannheim

Foto: Michael Haußmann

Nach dem Ausflug in die Kunstwelt, stehen wir pünktlich um 16.30 Uhr vor der großen Fackelbühne für den Opener Ellmaurer. Es beginnt zu regnen, die Bierverkäufer*innen kennen das Bezahlsystem und uns noch nicht – beides wird sich schnell ändern. Die fünf Musiker aus Heidelberg stehen, komplett in schwarz gekleidet und mit demselben stoischen, fast schon abwesend wirkenden Gesichtsausdruck, auf der großen Bühne. Alles andere als stoisch sind die Texte, eher lyrisch, verwunschen und mit Raum für Interpretationen und eigene Gedanken. Da mischen sich Postrock, Metall-Polka mit Spuren von Funk. Und bevor ich noch weiter in die Hölle der Genre-Schubladen steige, hört man sich das am besten selber an.

MAIFELD DERBY, Tag 1, 14.06.2019, Maimarkt, Mannheim

Foto: Michael Haußmann

Im Anschluss verrät uns Sänger und Gitarrist Jonathan Langer, dass der Bandname von einem Gemälde mit Wald-Motiv eines unbekannten Künstlers inspiriert wurde, das im Proberaum hängt. Das passt zum romantischen Gestus der Band aus Heidelberg, bei der der Drummer kurzfristig einspringen musste und auch der zweite Gitarrist und der Bassist noch nicht lange dabei sind. Dafür klang die Band in den 30 Minuten sehr eingespielt. Im Winterhalbjahr wird an neuem Material gearbeitet, im Frühjahr geht es auf Tour, vielleicht auch in Stuttgart, was uns auf jeden Fall freuen würde.

Foto: Michael Haußmann

Gleich im Anschluss geht es zum Parcours d‘amour, der Bühne im Reitstadion, die wir im letzten Jahr so lieb gewonnen hatten. The Green Apple Sea schlägt leisere Töne an und wartet mit deutlich mehr Ansagen auf, in denen es um einen Charterfolg in Belgien in Form einer schlechten Coverversion einer ihrer Songs und einen Zen-Edeka geht. Dafür wird weniger gespielt. Das sind die Entscheidungen, die man bei einem kurzen Festival-slot treffen muss. Während ich diesen Gedanken aufschreibe, folgt schon die nächste Ansage, in der es um Fast-Treffen mit bekannten Musikern und das Lego-Set zu Stranger Things geht. Für uns die letzte Ansage der Band, denn untermalt von Akustik-Klängen eines Songs, der wie Tom-Petty-Cover klingt, und umhüllt von Café-Duft, treffen wir die Entscheidung weiterzuziehen, um die Beziehung zum Personal des Bierstands weiter zu vertiefen.

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Foto: Michael Haußmann

Insgesamt muss ich in der Rückschau sagen, dass mich die ersten beiden Tage des Festivals musikalisch nicht vollständig von der Bierbank hauen. Ob das an meinen hohen Erwartungen liegt oder daran, dass es mir nicht gut gelingt mich auf einige Bands einzulassen, mag ich nicht beurteilen. Auch der erste Eindruck aus dem Palastzelt ändert diesen Eindruck nicht. Novaa stehen hier auf der Bühne und präsentieren druckvollen Elektro-Pop, bei dem der Bass den halbleeren Bierbecher vibrieren lässt. Schon gut, aber auch ein wenig zu nah am gängigen BigFM-Sound.

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Foto: Michael Haußmann

Deutlich interessanter finde ich dann das Duo Ider. Auch Elektro-Pop, aber eher 2019 als 2012. Ich hab ja nichts gegen BigFM und das Jahr 2012, es darf aber gerne etwas experimenteller sein wie hier bei Ider. Natürlich auch Kiffer-Musik, aber zielgerichtet, das muss man erst einmal hinkriegen. Und aus UK, das ist mir meistens schon von Grund auf sympathisch.

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Foto: Michael Haußmann

YĪN YĪN spielen den ersten Akkord als der letzte von Ider gerade verklungen ist und überzeugen schon 20 m vor dem Eingang des Hüttenzelts, das dieses Mal kein kleines Zirkuszelt ist, sondern ein klassisches Bierzelt. Dafür ist der Sound deutlich besser. YĪN YĪN aus den Niederlanden klingen nach weiten mongolischen Steppen und Allrad-9er-Bussen, die an Yak-Herden vorbeifahren – aber gleichzeitig nach dem letzten stickigen Underground-Club in New York oder London. Die Band wird mit Szenenapplaus bedacht, um dann noch die richtig guten Disco-Tracks zu präsentieren. Wahnsinnig gut. Festival der Kulturen oder Laboratorium: Please announce this band!

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Foto: Michael Haußmann

Es ist inzwischen 20.10 Uhr und wir nehmen Teil an der Belanglosigkeit. Oder auch an einer von Anfang an überzeugenden Band Gurr, die ich tatsächlich zum ersten Mal live sehe und mich durchgehend überzeugt. Straighter Post-Blues-Rock-Punk. Wahnsinnig souverän bespielen die vier Musiker*innen die Fackelbühne und versetzen mich nach meinem kleinen Tief und im Paket mit YĪN YĪN endgültig in Festival-Laune. Well done, Gurr!

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Foto: Michael Haußmann

Gleich darauf geht es zu den Parcels, die im Palastzelt vom ersten Takt an so tight klingen, als seien sie eine Kreuzung aus den Whitest Boy Alive und der Begleitband von Michael Jackson. Wohl dosierte, wahnsinnig präzise, smoothe und druckvoll Pop-Funk-Nummern, bei denen einzig die Bläser-Kombo zum vollkommenen, unbeschwerten Dance-Glück fehlt. Auf die Länge von einer Stunde dürften es gerne zwei Überraschungsmomente mehr sein und die Rikas aus Stuttgart könnten stattdessen auch gut dort oben stehen – aber sonst läuft das durch wie geschmiert.

MAIFELD DERBY, Tag 1, 14.06.2019, Maimarkt, Mannheim

Foto: Michael Haußmann

Zu den Sleaford Mods brauche ich nichts mehr zu schreiben, Kollege Holger hat dies schon zweimal treffend gemacht. Ergänzen möchte ich nur zwei Dinge: Die Sounds sind nicht mehr so „schepprig“ wie 2014 und der Tick von Jason Williamson, sich dauernd an den Kopf oder ans Ohr zu fassen, ist quasi verschwunden und durch einen bezaubernden Tanzstil ersetzt worden.

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Foto: Michael Haußmann

Den Headliner Hot Chip lasse ich aus – zu denen habe ich 2015 schon auf Island getanzt. Zu den Sleaford Mods zwar auch, aber die punkten durch ihre Art einfach immer. Stattdessen schaue ich mir die Stuttgarter Band Karies an, deren aktuelles Album „Alice“ eins meiner meist gehörten des letzten Jahres waren und es immer noch ist. Druckvoll, schrammelig und doch klar im Sound. Leider war der Auftritt im kleineren Hüttenzelt nicht ganz so überzeugend. Das kann natürlich immer viele Gründe haben, die im Sound, bei mir oder bei der Band liegen können.

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Foto: Michael Haußmann

So geht der erste Tag des 9. Maifeld Derbys langsam zu Ende und schon jetzt ist abzusehen, dass es ein paar Tage dauern wird, um die zahlreichen Eindrücke zu verarbeiten. Aber erst einmal stehen noch zwei lange Tage voller Musik und lieber Freunde aus. Doch davon mehr im Text zu Tag 2.

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Foto: Michael Haußmann

Atmo Tag 1

Ellmaurer

Novaa

Ider

YĪN YĪN

Gurr

Parcels

Sleaford Mods

Karies

Hot Chip

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