MAIFELD DERBY, Tag 2, 15.06.2019, Maimarkt, Mannheim

MAIFELD DERBY, Tag 2, 15.06.2019, Maimarkt, Mannheim

Foto: Michael Haußmann

Profis teilen sich ein dreitägiges Festival ein. Man kann und muss nicht alles sehen und hören und braucht auch zwischendrin immer wieder eine Auszeit. Zum Glück sind wir keine Profis und haben daher den Anspruch so gut wie alles wenigstens kurz zu sehen und zu hören. Falls wir doch einmal einen Act nicht beachten, liegt es schlicht an absolut subjektiver Ignoranz, zu gutem oder zu schlechtem Geschmack oder am Schienenersatzverkehr der Linie 6. Okay, fairerweise muss gesagt werden, dass wir ein wenig Anlaufzeit an diesem Samstag brauchen, obwohl wir HVOB, die den Freitag abschlossen, ignoriert haben. Tja, wer Fotos vom Auftritt nicht erlaubt, der kommt eben nicht in den gig-blog. Sie und wir werden es verkraften.

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Foto: Michael Haußmann

Leider verpassen wir die interessant klingende Kapelle Anger mit ihrem Autotune-Elektro-Schlager (man sollte diese Genre-Bezeichnungen langsam wirklich sein lassen) und betreten das Gelände, als Les Big Byrd aus Stockholm im Palastzelt gleich mal das Highlight des Tages auf die Bühne zaubern. Der Eindruck beim Durchhören der Timetable bestätigt sich nur teilweise: Ja, die sind gut. Ja, sie verstehen es, psychedelische Sounds mit eingängigen Melodien zu verbinden. Dass es auf Strecke allerdings so eingängig und tanzbar wird, hatte ich nicht vermutet. „The War on Drugs“ ein bisschen weniger verspielt und mit mehr Wumms. Der Maifeld-Groove, der sich am Freitag erst spät eingestellt hat, ist nun bei der ersten gesehenen Band da. Außerdem erwähnenswert ist der sehr tolle Titel des aktuellen Albums: „Iran Iraq Ikea“.

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Foto: Michael Haußmann

Parallel spielt der Überraschungsact Annenmaykantereit. Beim Knyphausen Heimspiel vor zwei Jahren haben wir sie auch schon als Überraschung für die erkrankte Judith Holofernes erlebt – damals äußerst charmant und sympathisch mit einem kollektiven Kater auf der Bühne, der konsequent mit Knypi-Weißwein gekontert wurde. Jetzt platzt der Parcours d’amour aus allen Nähten und A) hab ich keine Lust mich in die Menge zu quetschen und B) haben Les Big Byrd so überzeugt, dass ich wieder den Weg zurück wähle. Trotzdem für viele natürlich eine gelungene Überraschung.

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Foto: Michael Haußmann

Ein Grund für ein Auslassen von Acts hatte ich völlig vergessen: Kollege stegoe nebst Partnerin erweiterten am Samstag und Sonntag mit dem sehr entspannten Nachwuchs die gig-blog-affine Runde und lud immer wieder zu einem lauschigen Aufenthalt auf der im Schatten befindlichen Krabbeldecke ein. Daher entspannt geht es wieder in das Palastzelt zu Cari Cari. Wenn Orpheus so geschoben hätte wie dieser Bass, hätte er doppelt so oft schieben müssen. Was also vorhanden ist: Bass für 2 Bands, Didgeridoo und epische Posen vor rundem Projektionsschirm, der rot beleuchtet aussieht wie die untergehende Sonne in der Wüste. Optimale Musik für Räucherstäbchen und sich bei gechillt stampfendem Desert-Beat die Schweißperlen den Rücken herunterrinnen zu lassen. Mir ist das zuviel von allem, für Fotograf Micha ein Highlight des Tages bzw. des Festivals – so unterschiedlich sind zuweilen die Eindrücke und Geschmäcker. Das Klima im Zelt wechselt mit der Zeit ins Subtropische, sodass ich den Rückzug antrete.

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Foto: Michael Haußmann

Als nächstes stehen De Staat auf der Fackelbühne. Don‘t follow the hype? Oder ist der berechtigt? Der Indie Rock der Nullerjahre wird von der niederländischen Band konsequent weiter gedacht, wo die Wombats an selber Stelle vor einem Jahr musikalisch stehengeblieben sind. Franz Ferdinand oder die Arctic Monkeys gerührt mit Deichkind und Bilderbuch mit mehr off-beat. Tanzbar, nach vorne, schöne Gitarrenriffs und schrullige Synthiesounds. Am ausgemachten Lieblingsplatz und bei brütender Sonne (am hinteren Bierstand im Schatten) gefällt mir die Gruppe, im Gegensatz zu meiner Hörprobe vorab, deutlich besser.

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Foto: Michael Haußmann

Es folgt ein kurzer Ausflug in das Reitstadion, wo auf dem Parcours d‘amour Schreng Schreng & La La ein Stelldichein geben. Das Akustik-Punk-Duo aus Düsseldorf besteht aus Jörkk Mechenbier (Love A) und Lasse Paulus. Wie Kollege stegoe richtig sagt: im Juha West oder im IndieWohnzimmer jederzeit gerne – Hauptsache näher dran, um den Texten aufmerksamer folgen zu können. Scheinen nämlich aus der Entfernung betrachtet zwei anständige Typen zu sein, die intelligenten Humor mit einer stabilen Aussage verbinden.

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Foto: Michael Haußmann

Es folgen die drei Headliner des Tages: Von Wegen Lisbeth, Balthazar und The Streets. Von Wegen Lisbeth spielen „Erstsemestermusik“, sagte eine Person der Besuchergruppe. Man muss bei dieser Band – ganz ähnlich wie bei Annenmaykantereit – zwei Seiten betrachten. Auf der einen Seite ist es natürlich nicht gerade sehr ausgefallen und experimentierfreudig, was man geboten bekommt. Da fallen Smartphones in den Landwehrkanal, Bäcker, die jetzt teurer, aber früher leckerer waren und den Lieferandomann. Hier bewegen wir uns nicht gerade in Gefilden von philosophischen Abhandlungen, sondern eher bei Alltagsbeobachtungen und -themen von… Erstsemestern und ganz allgemein Menschen zwischen 18 und 23. Verteufeln und anprangern werde ich das gewiss nicht, denn wer sich ab und zu mal auf SWR3 oder ähnlichen Kanälen verirrt, hört sehr schnell, dass es für diese Zielgruppe deutlich primitivere Musik gibt. Das ist also alles wunderbar, so wie an diesem Samstagabend im großen Zelt, wo ausgelassen getanzt, mitgesungen und geklatscht wird. Von manchen mehr, von anderen weniger frenetisch.

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Foto: Michael Haußmann

Balthazar aus Belgien sind seit Jahren eine meiner Lieblingsbands – warum, kann man in diesem Bericht ihres Auftritts in Stuttgart Ende 2015 nachlesen. Wie oft bei hohen Erwartungen, hat man oft gleichzeitig Angst, sie könnten nicht erfüllt werden. Und sie wurden es auch nicht zu 100 Prozent. Ja, die Song-Auswahl hat mir gefallen, der Sound hat soweit auch gepasst, aber wie Kollege Matthias von MyIndieBlog treffend formuliert hat: irgendwie war der Auftritt etwas müde. Vielleicht hat das Sänger und Gitarrist Maarten Devoldere auch gespürt und ist deswegen nach einer halben Stunde schnurgerade von der Bühne durch das Publikum gelaufen und sah dabei nicht so entspannt aus, wie ich ihn auf der Bühne schon erlebt habe. Beim letzten Song machte sich dann eine spürbare und hörbare Lockerheit bei den Musikern (Patricia Vanneste ist seit letztem Jahr nicht mehr dabei) breit – die hätte ich gerne früher im Set verspürt.

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Foto: Michael Haußmann

Zum Abschluss (Monolink, ab 0.50 Uhr, durfte man zwar fotografieren, aber da ist es dann auch irgendwann genug in unserem Alter) gab es The Streets im großen Zelt. Am luftigen Zeltrand verfolgten wir diese Revue-Show der Veteranen aus England. Nachdemim Jahr 2011 Schluss war mit Mike Skinners Projekt, gibt es seit letztem Jahr eine Tour und momentan sogar zwei Singles und einige Remixes von früheren B-Seiten. Kollege stegoe könnte eigentlich einen fundierteren Bericht zu diesem Auftritt schreiben, war er doch vermutlich der textsicherste Besucher im Palastzelt. Ich habe mich auf das Mittanzen und das Freuen über Skinners Ansagen beschränkt. Immer wieder betonte er, wie toll er es doch hier fände, was mich bei den meisten Künstler*innen meistens stört. Skinner verknüpfte dies aber immer wieder mit Aufforderungen an die „ladies“, sich nicht unterkriegen zu lassen und überhaupt mehr zu crowdsurfen. Gesagt, getan legten vier Besucherinnen los, was Skinner selbst mit ordentlich Sekt begoss um am Ende zu den gefeierten Klängen des Überhits „Fit But You Know It“ einmal von hinten zur Bühne auf einem Regenbogen-Steckenpferd zu reiten. BÄM, Tastatur-Drop, Ende Tag 2.

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Foto: Michael Haußmann

Atmo Tag 2

Annenmaykantereit

Cari Cari

De Staat

Kate Tempest

Schreng Schreng & La La

The Twilight Sad

Von Wegen Lisbeth

Balthazar

The Streets

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