GUČA FESTIVAL, 9.-12.08.2018, Guča, Serbien

Guca 2018

Foto: Michael Haußmann

„You go to Guča? Ohhhhh.“ Ungefähr so war die Reaktion jedes Serben (und hier interessanterweise nur von Männern), dem wir in Belgrad von unserem Plan erzählten, das legendäre Balkan-Brass-Festival in Serbien zu besuchen. Dieser Plan war von unserer Bloggerin Maren und unserem Fotografen Micha schon lange ausgeheckt worden und schließlich fand sich ein wagemutiges Grüppchen von sechs Personen zusammen, das sich im August (und allein das ist eigentlich schon nicht sonderlich clever, bei den Temperaturen) mit dem Zwischenstopp Belgrad nach Guča aufmachte. – Chris

Dazu muss ich anmerken, dass diese Herren meist vom Essen dort schwärmten, und dass das Bier dort in Strömen fließt, ist sicher ein weiterer Grund für die Begeisterung.

Guca 2018

Foto: Michael Haußmann

Abenteuerlich war schon die Straße von unserem Hotel in Čačak bis nach Guča, vor allem, da wir uns einen 9-Sitzer Ford Transit gemietet hatten. Aber der hat uns zuverlässig über die Piste geschaukelt. Tagsüber bespielen in Guča die am Wettbewerb teilnehmenden Gruppen die Straßen und auf Nachfrage die Gäste der zahllosen Cafés und Kneipen. Zum Glück blieb uns das erspart, bei dieser Nähe wären wir sicher taub geworden. Außerdem ziehen die einzelnen Trachten- und Musikgruppen als Parade durch die Straßen der kleinen Stadt. – Maren

Guca 2018

Foto: Michael Haußmann

Mit lauten Trompeten bin ich 18 Jahre im Musikverein Renningen sozialisiert worden. Vorzugsweise das Klarinetten-Register beklagte sich in unregelmäßigen Abständen über die scheinbar lauten Trompeten. Und wenn man sich diese Szenerien in den Außenbereichen der Bars näher anschaute, konnte man um die Trommelfelle der direkt bespielten Gäste wirklich Angst haben. Ansonsten trafen unsere Befürchtungen nicht wirklich zu. Äußerst entspannt gestaltete sich unser erster Tag (der Freitag). Die Straßen des kleinen Örtchens waren fast leer, die Standbetreiber noch sehr entspannt, die ersten Spanferkel noch bleich am Spieß. Wir besahen uns den Ort und die Szenerie, nahmen uns ein erstes Bier (unschlagbarer Festivalpreis von 80 Cent und vor allem – Dosenbier!) und holten uns eine Akkreditierung, was uns zu einem nicht vorhersehbaren Ereignis brachte. – Chris

Guca 2018

Foto: Michael Haußmann

Na ja, ich bin ja beide Tage nüchtern geblieben, weil ich mich als Fahrerin aufgedrängt hatte (Selbstschutz). Das von Chris erwähnte Ereignis war ein Interview mit der Bürgermeisterin des Landkreises, Vesna Stambolić, eine herzliche, resolute Serbin, die uns die Bedeutung des Festivals für das Land darlegte. Der bereits zum 58. Mal stattfindende Wettbewerb zwischen allen Völkern des Balkans fand sogar während der Kriege statt, nur blieben damals natürlich die Gruppen der umliegenden Länder fern. Inzwischen sind alle wieder dabei und das Festival erfreut sich zahlreicher internationaler Festival-Besucher und Wettbewerbs-Teilnehmer. Und die Serben wollen mit diesem Festival zeigen, dass ihr Ruf in der Welt falsch ist und sich als das darstellen, was sie sind: Gastfreundliche, herzliche Leute. Am Ende hat Vesna, die auch Schirmherrin des Festivals ist, uns das mit einer innigen Umarmung und Küssen bekräftigt. – Maren

Guca 2018

Foto: Michael Haußmann

Ganz ohne war dieses spontane Interview nicht. Eigentlich war unser Plan, nur kurz in das „Pressezentrum“ zu schauen. Fünf Minuten später saßen wir in einem abgekühlten, repräsentativen Raum bei Kaffee und Wasser und haben in gemeinsamer Arbeit kurzerhand spannende Fragen aus den Ärmeln geschüttelt – Profis halt. Interessant war noch zu erfahren, dass es bei allen teilnehmenden Orchestern nur eine Musikerin gibt und ein Großteil des Festivals mit ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern gestemmt wird. Auf den Straßen wirkt sich das unter anderem so aus, dass alle im Umkreis, die einen Kühlschrank haben und die Möglichkeit hatten, ihn nach Guča zu transportieren, wild Bier verkaufen. Dies nutzten wir im Laufe des Tages reichlich und kamen so in gelassener Stimmung durch den Tag. Dazu noch klassisches serbisches Essen und aus allen Richtungen Brass-Musik – das Leben könnte schlimmer sein. – Chris

Guca 2018

Foto: Michael Haußmann

Übrigens darf man sich von den Besucherzahlen, die man im Internet findet, keinesfalls abschrecken lassen. Wir hatten großen Respekt vor den 500 000 angekündigten Besuchern der kleinen Stadt auf dem Balkan, aber es waren zumindest am ersten Tag eher 30 000 und die Atmosphäre war total entspannt und freundlich. Um 20 Uhr öffnete das Stadion für die Hauptkonzerte die Pforten, aber wir hatten den Eindruck, dass viele Besucher lieber im Ort saßen und aßen. Um uns herum illustres, mannigfaltiges Publikum, vom Stiernacken bis zum Rastafari war alles dabei. Und alle haben gemeinsam gefeiert, gelacht und getrunken. Vor dem Höhepunkt Dejan Petrović, ein Balkan-Brass-Popper, spielten 3 sehr gute Kapellen, aber unser Highlight folgte nach Petrović – für uns überraschend (wir waren schon am Gehen): Das Mitternachtskonzert der diesjährigen Finalisten (gefühlt 100). Zwei Gruppen gaben jeweils ihr Stelldichein auf der Bühne und haben in stetigem Wechsel zwei Stücke zum Besten gegeben. Wir hatten diese Kapellen bereits in den Straßen gehört, wo der Klang nicht unbedingt vielversprechend war. Mit unfassbarem Können und Sound wurden wir bezaubert, hingerissen – Punkt Mitternacht mit begleitendem Feuerwerk. – Maren

Guca 2018

Foto: Michael Haußmann

Schöner hätte es tatsächlich nicht sein können. Hier ein Smalltalk, da ein Tänzchen, hier ein offensiver Flirt. Das alles gepaart mit einem entspannten, aber beeindruckenden Bierkonsum. Schließlich konnte ich einem sich bildenden Moshpit nicht widerstehen, der diesen ganzen Tag symbolisierte: der ganze internationale und bunt gemischte Haufen hatte einfach einen riesengroßen Spaß. Selbst die Heimfahrt verlief entspannt und die serbische Polizei war sichtlich überrascht von den veritablen Serbisch-Kenntnissen und dem nicht vorhandenen Promille-Stand unserer Maren. – Chris

Zurück in Čačak standen wir an der Ampel und unsere Mitreisende Andrea und ich wurden von einem Serben, der im Garten einer Bar saß, mächtig abgefeiert, weil wir gefahren sind und die Männer (und Anne) hinten pennen durften.

Guca 2018

Foto: Michael Haußmann

Tag 2 in Guča war etwas hart, wir waren sichtlich reizüberflutet und haben uns ob der massiven Beschallung im Ort ein wenig in ein Waldrestaurant zurückgezogen. Um 20 Uhr sind wir dann wieder ins Stadion gepilgert, wo der Wettbewerb losging. Dieser gestaltete sich wegen Werbepausen etc. etwas zäh. Die Stücke des Vorabends waren sehr viel schöner, heute wollten alle zeigen, was sie können und haben für meinen Geschmack etwas viel rumgefrickelt. Meine Empfehlung für das Festival wäre daher: Tag 1 mitnehmen, einen Tag Pause einlegen – z.B. in den zahlreichen Klöstern in der Umgebung – und dann am 3. Tag wieder nach Guča. Allerdings haben wir es an Tag 3 wie geplant vorgezogen, in den Tara Nationalpark weiterzufahren.

Ein Gedanke zu „GUČA FESTIVAL, 9.-12.08.2018, Guča, Serbien

  • 16. August 2018 um 08:18
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    Großartige Reportage, sensationelle Fotos! Respekt, liebe Kolleg*innen. (Und auch ein wenig Neid)

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