NILS FRAHM, 04.05.2018, Friedenskirche Ludwigsburg

Nils Frahm

Foto: Patrick Grossien

Es ist mucksmäuschenstill. Jedes Knarzen der Kirchenbänke ist zu hören. Volle Aufmerksamkeit auf den Künstler, der sich nach soeben abgeschlossenem, überbordenden Einsatz seines Synthie-Instrumentariums ans Klavier gesetzt hat und die ersten Töne zart anschlägt. In diese Stille platzt das Tatütata eines vorbeirasenden Krankenwagens. Er wartet, grinst – und stimmt ganz sanft in die Quarte des Martinhorns mit ein. Lacher. Was daraufhin folgt, ist für mich der Höhepunkt des Konzerts, aber dazu später.

Nils Frahm spielt heute im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele in der neobarocken Friedenskirche. Das Konzert ist seit Wochen ausverkauft, so wie alle seine Konzerte derzeit. Hochkulturpublikum und Hipsters gemeinsam unter Gottes Dach, wer hätte das gedach(t). Warum eigentlich?

Nils Frahm

Foto: Patrick Grossien

Im Altarraum sind zwei Keyboardburgen aufgebaut, die kleinere linke mit einem Harmonium, einem Klavier und einer Celesta (Tastenglockenspiel) sowie einem Synthesizer, die rechte mit weiteren vier Synthies, einem Manual zum Ansteuern einer Pfeifenorgel, einem Flügel und jede Menge Elektronik zum Loopen, Modulieren usw. Und, ja, er wird alles benutzen.

Ich habe unnötig oder nötig viele Sachen dabei, und es werden immer mehr. Ich bin auch nicht wirklich glücklich darüber.

Mit seiner sonoren, eher schüchtern wirkenden Stimme begrüßt Frahm nach dem Eröffnungsstück das Publikum. Ein drahtiger Typ, dunkles, einfarbiges T-Shirt und Hose, grellbunte Burlingtonsocken, schwarze Adidas Samba.

Moment, ich muss mal eben da rüber, etwas ausschalten… das vergesse ich gerne mal.

Bahn frei für „All Melody“, zentrale Komposition und Namensgeber seines aktuellen Albums. Mit einem Synthie-Loop beginnt eine Reise auf einem langsam wachsenden, mäandrierenden Fluss aus Loops, Tunes, Melodien, Rhythmen. Und die Reise endet wie jeder Tropfen Wasser in einem großen Delta und mündet ins Meer – voller Einsatz aller Musikmaschinen. Dabei wird die goldene, übermannsgroße Jesusstatue im Chor der Friedenskirche, die die Manualmauern überragt, unter Stroboskoblicht gesetzt. Das ist natürlich ordentlich effektvoll und beeindruckend, das Publikum ist begeistert. An dieser Stelle klingt Frahm wie Tangerine Dream oder mehr noch wie Klaus Schulze, der damals in den 1970ern im Schneidersitz vor seinen Tastaturen saß und mit seiner hypnotisch-elektronischen Musik die sog. Berliner Schule prägte. Oder wie Andreas Vollenweider. Für mich klingt das alles etwas dated.

Nils Frahm

Foto: Patrick Grossien

Nach diesem überbordenden Einsatz seines Synthie-Instrumentariums setzt sich Frahm ans Klavier schlägt die ersten Töne zart an… zaghaft entwickelt sich das Stück. Als würde Rotkäppchen einen Weg durch einen Licht durchfluteten Wald suchen. Mal geht es schneller, und es nähert sich der klanglichen Welt Keith Jarretts Köln Concert, dann scheint es nicht recht weiterzugehen und es taucht ein „In A Landscape“ von John Cage… („Unter – Tristana – Ambre“ heisst die Komposition vom Album „Spaces“). Der Wald lichtet sich, Rotkäppchen und der Wolf stehen sich gegenüber, belauern sich. Das phasenweise an die serielle Musik Steve Reichs erinnernde Stück „Said And Done“ markiert den Abschluss dieser Piano-Waldgangs – absolut großartig Strecke, für mich der Höhepunkt des Konzerts. Anders als die derzeit erfolgreichen Klavierpopper Chilly Gonzales und Lambert, um nur einige zu nennen, mutet Frahm seinen Zuhörern durchaus etwas zu. Entweder man erreicht den Punkt, sich von seiner Musik (ent-)führen zu lassen, oder man findet nicht den Schlüssel und sucht nach dem Sinn der Geplänkels.

Nils Frahm

Foto: Patrick Grossien

Neben seiner elektronischen Musik und seinen Klavierkompositionen sind viele Veröffentlichungen Frahms der Musikrichtung Ambient zuzuordnen, v. a. der Soundtrack zum One-Shot-Film „Victoria“ ist hier zu nennen. Der Soundtrack wird umso langsamer und ruhiger, je spannender der Film wird. Das macht einen ganz rasend. Unbedingt anschauen.

Ambient ist in der öffentlichen Wahrnehmung ein weitgehend unbekanntes Terrain, obwohl gerade in den letzten Jahren ganz hervorragende Alben veröffentlicht wurden (z. B. letztes Jahr „II“ von Vermont). Das mag auch daran liegen, dass man dieser stimmungsbasierten Musik kaum richtig zuhören kann. Mein zehnjähriger Sohn nannte es neulich dann auch bezeichnend „Halb-Musik“.

Absurderweise ist mit „Says“ ausgerechnet ein Ambient-Stück Nils Frahms erfolgreichster Track hinsichtlich Aufrufe im Internet ist. Er komponiere fleißig dagegen an, meint er. Bevor er dieses Stück zu Gehör bringt, erklärt er reichlich despektierlich den simplen Aufbau von „Says“: sechs Minuten C-Moll-Akkord, dazu spiele er kleine Melodien drüber und tue so, als würde er ständig an den Geräten was machen und wechsle dann zu F-Moll und das wirke dann immer ganz toll nach den sechs Minuten und zum Abschluss hämmere er dann auf dem Flügel rum. Jetzt müsse er es eigentlich gar nicht mehr spielen… Lacher. Trotzdem schön.

Nils Frahm erreicht mit seiner Mischung aus Elektro, Pianomusik und Ambient eine breite Zuhörerschaft aus ganz unterschiedlichen musikgeprägten Milieus und schreckt dabei nicht vor genrespezifischen Eigenheiten wie monoton-repetetiven Kompositionen zurück. Vordergründig wirkt seine Musik poppig, aber sie ist es nicht, hört man genau hin, entzieht sie sich einem einfachen Zugang. In schwachen Momenten ist seine Musik trivial, in den guten genial – so banal. In einer Kirche dieser grenzüberschreitenden Musik zuhören zu dürfen ist ein erhebendes Erlebnis. Mindestens so erhebend wie neulich sein Konzert in der Elphi.

Nils Frahm

Foto: Patrick Grossien

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