PASCAL PINON, 07.03.2013, Marmorsaal im Weißenburgpark, Stuttgart

Pascal Pinon

Foto: Steffen Schmid

Pascal Pinon, das voll sympathische aber doch eher unbekannte isländische Mädels-Duo spielt im Marmorsaal und gut zweihundert Fans wollen das sehen. Da reibt man sich verwundert die Augen. Noch vor wenigen Monaten hat die weit bekanntere Isländerin Lay Low vor einer Handvoll Zuschauern im Galao gespielt, und nun tritt sich die In-Crowd auf den Füßen herum. Liegt’s an der ungewöhnlichen Location? Liegt’s am Kult-Label Morr (FM Belfast, Lali Puna, Sóley und so…)? Oder nur daran, dass dieses Event hier vom jüngst verblichenen KimTimJim veranstaltet wird? Jedenfalls ist das Konzert unglaublich gut besucht. Zu gut besucht, wie sich zeigen wird.

Die Veranstalter haben offensichtlich nicht nur gut geworben, auch einen prächtigen Rahmen haben sie geschaffen. Der Anstieg durch den Weißenburgpark lohnt sich: die Terrasse ist mit Fackeln beleuchtet, Bar und Stehtische sind aufgebaut. Großes Kino für ein kleines Konzert. Das Publikum ist schick – adrette Vollbärte, markante Brillen, gepflegte Undercuts allerorten. „Hoher Hipster-Anteil“ raunt mir mein Nachbar zu. Ein gesellschaftliches Ereignis quasi. Sehen und gesehen werden und so. Der laue Vorfrühlings-Abend wird – trotz gelegentlichen Nieselregens – allseits genossen.

Der Marmorsaal – eine historistische Prunk-Kulisse mit Marmor, Gold und Kristall-Lüstern – wäre vermutlich der richtige Rahmen für ein Kammerorchester. (Dieses hätte allerdings sicher auch mit der halligen Akustik zu kämpfen) Für ein kleines Singer-Songwriter-Konzertle ist er allerdings einige Nummern zu groß.

Pascal Pinon

Foto: Steffen Schmid

Sichtlich verschüchtert ob des unerwarteten Publikumsandrangs betreten die Zwillingsschwestern Jófríður and Ásthildur die provisorische Bühne, richten sich hinter einer losen Sammlung verschiedener Elektronik-Geräte ein und warten darauf, dass der Lärmpegel im proppenvollen Saal so weit sinkt, dass man sie hören kann. „Pscht!“ Erst das demonstrative Bitten um Ruhe zeigt Wirkung.

Und Stille brauchen sie, die kleinen, aber feinen Songs der Isländerinnen. Mit Akustik-Gitarre, Keyboard, diversen Elektronik-Fiepsern und zweistimmigem Harmonie-Gesang frickeln sie filigrane Stimmungsbilder zusammen, die eine ganze eigene Magie entwickeln können. Der knorrige Klang der isländischen Sprache verstärkt diesen Effekt. Hier und heute mag dies aber nicht gelingen. Und sie spüren dies. Kaum ist ein Song vorbei, schwillt das kaum unterdrückte Palaver wieder an und die Künstlerinnen müssen wieder ihr Recht auf Stille einfordern: „Hey. This ist a concert, not a bar!“ macht die Sängerin klar. Selbst das selbstironisch-lustige „I Wrote A Song“ kommt eher klamm daher. Sie fühlen sich nicht wohl und werden – wer mag’s ihnen verdenken – einfach nicht locker. Dann kommen noch technische Probleme hinzu – und so bleibt der ganze Abend leider weit unter seinen Möglichkeiten. Schade.

Pascal Pinon

Foto: Steffen Schmid

Dass sie das Programm trotzdem weitgehend unfallfrei über die Bühne bringen, liegt sicher daran, dass die beiden trotz ihrer jungen Jahre erfahrene Live-Musikerinnen sind. Bereits mit 14 Jahren standen sie beim Iceland Airwaves Festival auf der Bühne, wovon altgediente (und weitgereiste) Gigblogger mit feuchten Augen berichten. Inzwischen haben die Mädels die Zahnspangen abgelegt, sich auf ein Duo reduziert und zwei komplette Alben herausgebracht. Wer den ganzen Reiz dieser Musik erschließen möchte, sollte sich flugs diese beide Alben besorgen.

Und darauf hoffen, dass er das sympathische Duo nochmal im kleineren Rahmen wiedersehen kann.

Pascal Pinon

Foto: Steffen Schmid

2 Gedanken zu „PASCAL PINON, 07.03.2013, Marmorsaal im Weißenburgpark, Stuttgart

  • 8. März 2013 um 20:32
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    Ach je, das ist ja schade. Dennoch: schöner Text und schöne Fotos!

  • 12. März 2013 um 10:40
    Permalink

    Sehr gut formuliert! Ich habe das ganz genauso wahrgenommen.

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