IMPERIAL STATE ELECTRIC, SATAN TAKES A HOLIDAY, 08.04.2013, Goldmark’s, Stuttgart

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Foto: Dominic Pencz

Neulich bekamen wir es ja mal wieder schwarz auf weiß: Der ganze Plunder, den wir aus Elektrofachmärkten und ähnlichen Geschäften heimschleppen, ist so konstruiert, dass er drei Tage nach Ablauf der Garantie kaputt geht. Die Erfahrung hat schließlich jeder schon mal gemacht. Bei mir zum Beispiel gingen – sogar kurz nacheinander – Kaffee- und Wasserkocher kaputt. Teures Edelstahlzeug, das es jetzt nicht mehr zu reparieren lohnt … Der Trick besteht in der Sollbruchstelle. Aber neben solchen Verschwörungstheorien gibt es natürlich auch noch andere Erklärungen für Gegenstände, die von Anfang an Mucken machen, obwohl sie eigentlich Qualitätsprodukte sein sollten. George A. Akerlof hat sogar eine ganze Wirtschaftstheorie zur asymmetrischen Information darauf aufgebaut (wofür unter anderem er sogar den Wirtschaftsnobelpreis bekam): Es sind die Montagsstücke oder – bei uns der bekanntere Ausdruck – die Montagsautos, Gegenstände nämlich, die (mutmaßlich) montags hergestellt wurden, wenn die Arbeiter (weniger mutmaßlich) psychisch noch nicht ganz vom Wochenende zurück oder ausgenüchtert sind.

Aber auch sonst sind Montage nicht so die beliebtesten Wochentage. Manch einer legt mit einer Aussage wie “I don’t do Mondays” gleich eine generelle Antihaltung an den Tag, The Boomtown Rats haben sogar gesungen „I want to shoot the whole day down“ und für The Cure sind Montage einfach nur „blue“, möglicherweise, weil das so der Tag ist, an welchem man dem Wochenende nachtrauert – keine Ahnung.

Dabei geht Montag auch anders! Zum Beispiel heute im Goldmark’s.

„For us it’s Saturday night every day“, wie Nicke Andersson sagt, der Mann mit dem Hutfetisch. Überhaupt riecht alles sehr nach Holidays hier. Songs wie „A Holiday From My Vacation” werden drum auch gespielt und Satan Takes a Holiday treten als Vorband auf. Die sind aus Stockholm und kicken Arsch. Sehr rockig, punkig. „Heartbreaker“ und „The Ooh’s and the Aah’s“ sind da die besten Stücke (und die Jungs haben nebenbei auch noch echt abgedrehte Videos). Ansonsten herrscht wohl „Hipster-Alarm on Stage“, wie Dominic sagt: knallenge Jeans, Chucks, Vollbart, Hornbrille – aber nur schnöde weiße Shirts. Und Bassist Johannes Lindsjöö trägt noch irgendsoeine Knautschkappe.

Die Songs sind straight aufgebaut, kein Schnickschnack, trotzdem kein 08/15-Songwriting. Alles ist sehr rhythmusorientiert, Svante Nordströms Snare wird durchgehämmert, die Vocals hart in der Sprechstimme gesungen, aber mit netten Kicks in die Kopfstimme. Alles sitzt. Also, was die Musik angeht. Das Publikum steht, wenn auch nicht auf der Stelle. Zwar werden Imperial State Electric die Meute nachher richtig zum Toben bringen, aber schon hier kennen die Leute offensichtlich keinen Montag, oder besser: keinen Dienstagmorgen. Das ist schmutzig, vor allem die Gitarre von Fred Burman, die auch mal ein Solo von sich gibt. Die drei sind auf der kleinen Bühne ziemlich engagiert. Johannes legt auch schon bald das weiße Shirt ab. Und während er auch mal im Stehen spielt, fuchteln die zwei Jungs vorne mit ihren Instrumenten rum, dass einem angst und bange werden könnte.

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Foto: Dominic Pencz

Mit Satan Takes A Holiday ist es genauso wie mit Imperial State Electric: wirklich Musik, als hätte es die 90er nie gegeben. Hervorragend aber natürlich auch, so etwas in einer Bar zu spielen, deren Wände mit Schallplatten gepflastert sind. Aber hervorragend ist noch mehr, denn kaum ist die Band um den Ex-Entombed, Ex-Hellacopters Nicke Andersson auf der Bühne, fährt es den Anwesenden schon in die Beine. Das rockt!

Los geht’s mit – wie könnte es anders sein – „Are you ready“. Und dann „Deja vu“. Sofort merkt man, dass Imperial State Electric mehr Drive haben und mehr Fun bringen. Die wilden Soli werden ausgedehnter. Das ist feinster Rock; vom Punkeinschlag der Vorband keine Spur mehr. Nicke, in Bootcuts und Cowboy-Stiefeln und mit der charakteristischen Militärkappe auf, post für die Kamera – allein es fehlt etwas am Licht. Naja, Dominic holt das Beste raus. Auch die anderen drei Musiker Dolph de Borst (Bass), Tobias Egge (Gitarre) und Thomas Eriksson (Schlagzeug) tragen diese Uniform, wenn auch ohne Hut und mal mit Schnauzer. Kunststück, dass die bei noch weniger Platz auf der Bühne so viel Bewegung hinbekommen. Sie lassen nichts anbrennen. Hinten glitzern die Drums, bis auf den Bass ist alles schwarz.

Das Schlagzeug betont wieder die Stücke, und es wird mächtig über die Snare hergezogen, aber jetzt sind ein paar mehr Breaks drin, als bei Satan Takes A Holiday. Die nicht bis zum Anschlag verzerrten Gitarren haben einen warmen Sound, was gut klingt und sich später bei den echten Rock’n’Roll- und Boogie-Nummern voll auszahlt. Nicke singt ausschließlich mit der Sprechstimme, sodass das Ganze weniger verkopft wirkt, als im ersten Teil des Abends. Dafür klingt seine Stimme aber richtig gut, nicht zuletzt bei „Boogie“. Aber auch „Resign“ ist ein großartiges Stück, ganz organisch und gut zum Mitsingen, was überhaupt kräftig getan wird. Was wir da hören, klingt irgendwie zeitlos. Und hat jede Menge Speed drin. Imperial State Electric gibt uns keine Zeit zum Verschnaufen, die Songs knallen nacheinander rein und scheinen auch immer schneller zu werden, je länger der Abend dauert. Vielleicht musste die Band erst warm werden. Andererseits ging sie ja schon gleich zu Anfang in die Vollen, und das mit gutem Grund, denn es ist ein „super early start for the weekend on this Monday night“, wie Nicke Andersson sagt.

Überhaupt ist das alles ziemlich professionell. Auch für einen Montag. Als eine Bassseite reißt, merkt man eigentlich gar nichts, denn die anderen drei Musiker jammen weiter, während ich durch die Backstage-Türe sehe, wie vier Mann das richtige Case mit dem Ersatzbass suchen (was vielleicht weniger professionell als originell anzusehen ist). Auch die Gitarre muss mal eine gerissene Seite verkraften, und da sieht, beziehungsweise hört man dann eben auch, wie gut die Musiker miteinander eingespielt sind. Das gilt selbst, wenn sie sich gegenseitig die Instrumente streitig machen: Zwar singen Tobias und Dolph fast in jedem Song die Backing vocals, aber bei „Boogie“ wechselt Tobias dann an den Bass und Dolph ans Mikro. Dort schreit er sich die Seele aus dem Leib, während Nicke ein bluesiges Solo zockt. Und bei dem erwähnten „Boogie“ darf dann jeder mal eine Strophe singen, auch der Drummer. „What a Saturday night“, wie Nicke Andersson sagt. Recht hat er!

Zum Schluss ist der Boden im Goldmark’s dann gründlich mit zerbrochenen Flaschen bestreut. Ob das wohl auch an Sollbruchstellen lag? Oder war es mehr ein Montagsbier?
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Foto: Dominic Pencz

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