MARKE MENSCH // TAUGENICHTS, 08.12.2012, Universität, Stuttgart

Marke Mensch // Taugenichts

Foto: Marc Engenhart

Die dritte Inszenierung in der Theaterserie „Marke Mensch“ beschäftigen sich das freie Theater SpielZeugen auf ein Neues mit einem sozialen, psychologischen wie auch philosophischen Thema:

„Ich habe keine Zeit.“

Ein schnell gesagter Satz und ein Persönlichkeitsfresser. Ehemalige, baldige wie auch derzeitige Studenten werden diesen Satz nur zu oft sagen müssen. In der Universität Stuttgart, in einem der sterilen Seminarräume, trifft Systemkritik am Bologna-Prozess mit seinen Bachlor-/Masterstudiengängen auf Joseph von Eichendorffs „Taugenichts“ – so auch der Titel des neuen Stücks.

Eine Germanistikstudentin – dargestellt durch Renate Regel – durchlebt während des Stückes ein gesamtes Studium: Die anfängliche Euphorie, die bürokratischen, sinnfreien Strukturierungen, den Leistungsdruck und schließlich das Zusammenbrechen unter der Last. Der zwar unpassende, aber treffende Zwischenruf eines Zuschauers stimmt: „Literaturingenieur“. Denn statt der Freiheit, eigenen, neuen Gedanken nachgehen und selbst verstehend Zusammenhänge herstellen zu können, steckt sie im Bologna-Korsett. Statt der Freiheit, welche der Universitätsreformer Wilhelm von Humboldt als Voraussetzung der Bildung erkannte, kann die Studentin immer nur sagen:

„Ich habe keine Zeit.“

Am Punkt der endgültigen Verzweiflung nimmt sie sich Zeit. Die Protagonistin erzählt dem Publikum die Geschichte „Aus dem Leben eines Taugenichts“ von von Eichendorff. Dessen Leben ist weder auf Sicherheit noch auf Erfolg ausgerichtet: Reisen. Tanzen. Lesen. Faul sein. Die Liebe suchen. Das Glück in der Ferne finden.

„Essen und schlafen und essen und schlafen und fernsehen und essen und Briefe und schlafen.“

All dies verkörpert er.

Die Protagonistin des Stücks, lässt sich durch ihren eigenen Vortrag mitreißen, stimmt Lieder an: „Wenn ich ein Vöglein wär“ und „New York, New York“. Die Reise des Taugenichts reicht von Rom über Frankreich bis hin ins Hochgebirge. Dann ist der Spuk vorbei: Die Protagonistin fällt zurück in die Realität. Das Studium. Das wahre Leben. Um die Erkenntnis reicher, dass ein jeder sich nur zu wehren braucht gegen Systeme und Zyklen, dass ein jeder sich selbst seine Zeit einteilt und sein Leben statt dem Räderwerk dem Schicksal, dem Zufall überlassen kann – dieser jedoch Zeit braucht –, verlässt die Schauspielerin am Ende das Gefängnis des Seminarraums.

„Ich nehme mir Zeit, genau die, die ich brauche. Denn Zufall braucht Zeit.“

Die Regie führte auch diesmal Sabrina Glas. Katrin Wetzel entwarf Bühnenbild und Kostüme. Das Drehbuch jedoch haben Studenten der Germanistik an der Uni Stuttgart unter der Leitung von Frau Glas und gefördert von der außerplanmäßigen Professorin Dr. Barbara Potthast geschrieben. In einem Zusatzseminar entwarfen sie Dramaturgie und Text, welche sie in Verbindung mit dem „Taugenichts“ brachten. Untermalt ist das komplette Stück mit zufälligen Tonaufnahmen einzelner Studenten unterschiedlicher Studienfächer der Uni, melancholischen Liedern und abstrakten Hintergrundfilmen. Besonders zu beachten ist, dass es nur eine Schauspielerin gibt, die gefühlte 100 Rollen einnimmt und mit voller Überzeugung und Leidenschaft erfüllt.

Ein Stück, das zum Nachdenken und zum Anpacken anregt. Denn eigentlich sind die Ziele des Bologna-Prozesses 1999, in welchem das Bachlor-/ Masterstudium festgelegt wurde, sinnvoll: mehr Möglichkeiten zur Mobilität, also internationales Studieren, höhere Wettbewerbschancen und Beschäftigungsmöglichkeiten. Nicht dumm, jedoch falsch getaktet. An vieles wurde gedacht: Mitbestimmung, soziales Arbeiten, europäische Zusammenarbeit, Eigenstudium – jedoch anscheinend nicht auf den, der am Ende studiert. Und auch nicht an die Zeit, welche dieser benötigt, um studieren zu können. Denn auf meine Frage an eine der derzeitig mitwirkenden Studentinnen, ob jene Kritik am System und ihre Erfahrungen mit dem Stück übereinstimmen, bekam ich eine klare Antwort: „Ja.“

Weitere Aufführungen:
14. und 15.12.2012, 11., 12., 18. und 19.01.2013 – 20:00
Universität Stuttgart Mitte, Keplerstr. 17, 70174 Stuttgart, Raum 17.21 (2. Stock)
Kartentelefon: 01 63/6 33 25 64

Marke Mensch // Taugenichts

Foto: Marc Engenhart

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