MARTIN SONNEBORN, 08.12.2012, Renitenztheater, Stuttgart

Foto: Joachim Off

Eiskalt ist der Wind, der den Dezember in Stuttgarts Gassen trägt. Schneeflocken hangeln sich ins Tal herunter, klamme Hände stecken in gefütterten Taschen, beschalte Hälse ziehen sich in hochgestellte Mantelkrägen zurück, rote Nasen tropfen. Überall spüren es die Menschen … der Winter naht.

Und mit ihm, passend zu ihm, weht der unterkühlte Hauch, das herbe Frösteln Martin Sonneborn herein. Zwei Tage nach dem Nikolaus, ein paar Tage vor dem Christkind, mitten in den Advent auf die Bühne des Renitenztheaters. Krawall-Satiriker nannte man Sonneborn einst, und so nennt er seinen abendlichen Vortrag auch ‚Krawall & Satire (Teil 2)‘. (hier der Gig-Blog zu Teil 1)

Die Grenzen des guten Geschmacks ausloten, lautet eine der gebräuchlichsten Binsen, wenn es um Satire geht. Man findet sie auf den unzähligen Blankoschecks, Persilscheinen und Geh-Aus-dem-Gefängnis-Freikarten, die jeder gut organisierte Humorist griffbereit bei sich trägt, falls sich jemand zu sehr auf den Schlips getreten fühlt. Doch wo wiederum befinden sich die Grenzen jener letzten Asse im Ärmel des gut organisierten Humoristen? Gibt es sie? Und wenn ja, lassen sie sich noch ein Stück weiter dehnen?

Das selbsternannte ‚endgültige Satiremagazin‘ TITANIC erhebt den Anspruch, die Frage nach dem Wert von Persilscheinen allmonatlich zu beantworten. Einst durch eine Buntstiftwette bei Gottschalk auch für’s Samstagabendpublikum bekannt geworden, schart es seine kleine Gemeinde Spaßhungriger um sich und versorgt sie mit allerlei Bösartigkeiten der brachialen Sorte. Da jeder Geschmacksgrenzgang aber auch immer ein Stück Randexistenz bedeutet, gilt es, verständlicherweise, ins Gespräch zu kommen, im Gespräch zu bleiben, das interessierte Publikum zu vergrößern und den einen oder anderen Abonnenten mehr abzugreifen.

Warum also nicht eine Dauerwerbesendung schalten?

Martin Sonneborn, TITANIC-Chefredakteur a.D., leitet diese etwa zweieinhalb Stunden dauernde Werbesendung. Getarnt ist das Ganze als Diavortrag mit heiter-bösen Kurzfilmchen, veranstaltet von der PARTEI, sozusagen dem politischen Arm der TITANIC. Was bei rum kommt, ist sorgfältig dokumentierte Verarsche, eine gute Portion Politklamauk und Schabernack der zum Teil entlarvenden Sorte, ein wenig geschicktes Marketing und vielleicht ein paar Fans mehr.

Gelungen ist der Hauptteil der Verarsche. An der Nase herumgeführt wird die CDU, deren überraschte Funktionäre in der Schweiz auf Sonneborn und Kollegen treffen, um einige nicht vorhandene Milliönchen bei der Credite-Swiss verschwinden zu lassen. Einen zweiten ausgiebigen Nasenringrundgang durch die TITANIC-Manege macht eine ahnungslose georgische Oppositionspartei, welche eine Delegation der PARTEI mit allerhöchsten Staatsehren empfängt, plus Kranzniederlegung mit Sonneborn’schem Willy-Brandt-Kniefall. Verhohnepiepelt werden ebenso ein Pressesprecher der Pharmaindustrie (sehr entlarvend), Klaus Wowereit (etwas schwächer) oder auch Norbert Geis (böse).

Weniger gelungen ist der Spaß, den sich Sonneborn da und dort mit sichtbar überforderten Passanten erlaubt, die nicht gerade zur Gattung Medienprofi zählen. Die aus der heute-show bekannte Google-Street-View-Aktion gehört dazu, während derer Sonneborn als Googlehupfer um die und vor allem in die Häuser zieht, um seine üblichen Nettigkeiten zu verteilen. Das schrammt dann schon sehr an der billigen Art Schadenfreude entlang, mit denen manch andere, weitaus weniger talentierte Clowns ihr Publikum bespaßen.

Ziemlich seltsam auch die Sache mit der PARTEI. Ein wie auch immer gearteter ernsthafter Ansatz oder Anspruch wird durch den beliebigen, richtungslosen Politklamauk bereits im Keim erstickt. So fordert man zum Beispiel die Wiedereinführung der Mauer, oder denkt darüber nach, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu klagen, weil man einst bei einer Wahl nicht zugelassen wurde. Ist das nun Satire, oder doch mehr der übliche Spaßsalat, nur ein wenig anders serviert? (Ich bin da ziemlich ratlos)

Was bleibt, ist ein Abend, an dem viel ausgeteilt wird. Eine Fettweg-Nummer folgt der nächsten, selten kommt Langeweile auf, das vergleichsweise junge Publikum lacht sich scheckig. Vielleicht, und besonders an Weihnachten hofft man ja gerne, strahlt das auch auf’s etwas überalterte Kabarett ab.

Falls der leicht bekleidete ‚Flitzer‘ (Shorts und Schuhe), der während der Pause am Renitenz vorbei gerannt ist, diesen Artikel zufällig liest: Hast du eine Wette verloren? Oder gehörst du zum Programm?

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