UJ SPORTOLOK aka NU SPORTS, 23.09.2011, Laboratorium, Stuttgart

UJ SPORTOLOK aka NU SPORTS, 23.09.2011, Laboratorium, Stuttgart

Foto: Holger Vogt

Sommer 1986 oder 1987: auf dem Rohrer Seefest hatten wir uns bereits einige ebenso laute wie unbegabte Punkbands schöntrinken müssen, als plötzlich acht Herren im dunklen Anzug die selbstgezimmerte Bühne betraten. Zum Check des einzigen noch einigermaßen funktionierenden Gesangsmikros wurden einige lateinische Vokabeln ausgepackt, bevor diese uns völlig unbekannte Combo im Offbeat-Stakkato des Two-Tone-Ska losrumpelte. Was für eine freudige Überraschung an diesem sonnigen Sonntagnachmittag! Das, was unsere Helden aus London und Coventry täglich aus unseren Dual-Plattenspielern hämmerten, sollte es auch in Stuttgart geben? Das Vergnügen war aber nur ein kurzes, die Soundanlage wurde in einem Anfall verfrühter Star-Attitüde als ungeeignet eingestuft und No Sports– so der Name dieser hoffnungsvollen Formation – verließen nach zwei Titeln unter dem Gejohle des Punk- und Jugendhauspublikums die Bühne.

Das Laboratorium kannten wir damals nur vom Hörensagen. Es befand sich nicht nur weitab im Stuttgarter Osten, sondern eigentlich in einer anderen musikalischen Galaxie. Wir hielten es für einen Ort, an dem sich vollbärtige Studienräte, Altachtundsechziger und Hippies mit musikalischen Obskuritäten, Pfeifenrauch, Weltverbesserung und irischem Starkbier beschäftigten.

Viel lieber folgten wir da unseren frisch entdeckten Offbeat-Helden von einem Gig zum nächsten, freuten und an der immer größer werden Fangemeinde, hotteten im Casino, im Heslacher Feuerwehrhaus und verbrachten fortan jeden 23. Dezember im Alten Schützenhaus, wo uns No Sports regelmäßig in einen ziemlich unweihnachtlichen Zustand beförderten.

Viele Jahre später – No Sports hatten sich 2002 nach vielen Umbesetzungen aufgelöst – taten sich vier der Gründungsmitglieder wieder zusammen. Die alte Fan-Gemeinde – inzwischen in Ehren ergraut – versammelte sich schnell um die neu gegründeten Nu Sports. Musikalische Peinlichkeiten aus der poppigen No Sports-Spätphase mied man nun, besann sich auf die alten Two-Tone-Qualtäten und erweiterte das musikalische Spektrum durch ungewöhnliche Instrumentierungen, stilistische Vielfalt und ironische Coverversionen. Als logische Konsequenz und musikalisches Experimentierfeld wurde das akustische alter Ego „Új Sportòlok“ ins Leben gerufen, das nun seit 2008 die traditionelle Spielzeit-Eröffnung in eben diesem Laboratorium spielen darf.

Und so befinden wir uns nun – 25 Jahre später – im „Lab“ und stellen fest, dass es eigentlich genau so ist, wie wir es uns damals schaudernd vorgestellt haben: nikotingelbe Wände mit Hannes-Wader-Plakaten, auffällig viele Vollbärte und Guinness vom Fass mit Bedienung am Platz. Aber wir sehen auch: Dieser Laden bietet optimale Bedingungen für Bands und Musik-Liebhaber. Wer hier spielt, muss Live-Qualitäten mitbringen, der Kontakt zum Publikum ist hautnah, die Bühne ist mitten im Raum und von drei Seiten einsehbar. Und die Veranstalter haben inzwischen gelernt, dass man bei Nu-Sports-Konzerten den Großteil des Mobiliars in Sicherheit bringen sollte.

Anders als in den letzten Jahren, in denen mit kuriosen Instrumenten – von der Sitar über die Singende Säge bis zum Waldhorn – experimentiert wurde, ist dieses Jahr Knappheit das Motto. In vergleichsweise kleiner Besetzung und ohne große Zwischenansagen, werden die altbekannten Hits rausgehauen. Schon nach wenigen Titeln tanzt der Laden und spätestens bei der SHARP-Skin-Hymne „Stay Rude, Stay Rebel“ kommen auch die paar Skinheads in Bewegung, die wohl auch ein Relikt aus No-Sports-Zeiten sein dürften. Als Gastmusiker überrascht dieses Mal Josi „Dreadskin“ von The Mood a.k.a. Der Mann mit der schneidendsten Rhythmus-Gitarre Stuttgarts heizt den Laden weiter an und so strebt der Abend nach gut zwei Stunden dem unvermeidlichen Ende entgegen, dem No-Sports-Gassenhauer „King Kong“.

Sind wir nun alt geworden, dass wir das Laboratorium plötzlich mögen? Oder muss man sich endlich eingestehen, dass ein freundlicher Laden, optimale musikalische Bedingungen und ein perfekt gezapftes Guinness manchmal wichtiger sind als cooler Szene-Schick, brüll-lauter Sound und Designer-Bierchen aus viel zu kleinen Flaschen?

Ein Gedanke zu „UJ SPORTOLOK aka NU SPORTS, 23.09.2011, Laboratorium, Stuttgart

  • 27. September 2011 um 10:53
    Permalink

    Wunderbar, ein Autor, der die ersten NoSportsKonzerte miterlebt hat… wo wenn nicht hier kann man so etwas lesen.

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