THE SPECIALS, 24.09.2011, E-Werk, Köln

Foto: Holger Vogt

Fluch und Segen des Internets: die Reunion-Tournee der Two-Tone-Legende The Specials wird nahezu in Echtzeit online dokumentiert. So kann man die erste (und letzte?) Europa-Tour in der Blogosphäre, in Online-Gaszetten, im ZDF-Morgenmagazin (!) und in Youtube praktisch lückenlos mitverfolgen. Die nahezu identischen Setlists aller Konzerte werden im Rahmen des Merchandisings gleich mit veröffentlicht. Kurzum: hier gibt es nichts geheimnisvolles mehr, die einzige Spannung liegt in der Frage: „werden sie in Köln so gut sein wie in Amsterdam, Berlin und München?“. (Bei wirklich wichtigen Konzerten wird einem übrigens immer wieder schmerzlich bewusst, dass Stuttgart doch in der Provinz liegt. So verwundert es auch nicht, dass man hier im fernen Köln Mitglieder Stuttgarter SkaBands trifft, die ihren Vorbildern huldigen wollen)

Da sich die einzelnen Konzerte offensichtlich doch sehr gleichen, kann ich hier getrost auf Johnny Häuslers ultimative Besprechung des Berlin-Gigs verweisen.

Auch im Kölner E-Werk versammelt sich ein Publikum, das sich zur Feier des Tages wirklich in Schale geworfen hat, und sich auch altersmäßig deutlich von dem des gegenüber im Palladium stattfinden Paul-Kalkbrenner-Auftritts unterscheidet. Hier wird die komplette Fred-Perry- und Ben-Sherman-Kollektion präsentiert, einige (leicht ergraute) Mods fahren stilgerecht auf Ihren Scootern vor, mit dunklen Anzügen und Fishtail-Parkas, die Skins haben sich die Stiefel poliert, die Harrington-Jackets vermutlich an der Garderobe abgegeben. Das E-Werk stellt sich übrigens als perfekte Location heraus: mit ca. 2.000 Besuchern nicht zu groß, nahezu quadratisch im Grundriss und mit einer umlaufenden Galerie für diejenigen, die es etwas ruhiger angehen lassen wollen (also nicht für uns).

Wir wissen aus dem Internet: lange wird das Konzert nicht gehen, eine Vorband wird es nicht geben, sie werden zwischen 21 und 23 Titeln spielen und mit „Do The Dog“ wird es losgehen. Und so singen wir den Refrain des hinter einem Gaze-Vorhang vorgetragenen Openers „Enjoy yourself“ euphorisch mit und machen ihn zum Motto des Abends:

Enjoy yourself, it’s later than you think
Enjoy yourself, while you’re still in the pink
The years go by, as quickly as you wink
Enjoy yourself, enjoy yourself,
It’s later than you think

Und dann fällt der Vorhang, in einem gigantischen Lichtblitz rockt die Band los. Do the Dog! Das komplette Publikum gerät schlagartig in Bewegung und – das kann Youtube dann doch nicht vermitteln – umgehend haben wir die erste Bierdusche und blaue Flecken abbekommen.

Ich will jetzt nicht auf die großartigen Texte der Specials eingehen, auf die Tatsache, dass sie heute nach 30 Jahren wieder genau so aktuell sind wie anno 1980, dass sie damals wegen ihrer politischen Brisanz nicht auf BBC gespielt wurden. Hauptsache, wir haben die Zeilen jetzt parat und können sie vom ersten bis zum letzten Titel mitsingen.

Nach dem ersten Set von Uptempo-Nummern können wir uns zum ersten Mal die Band genauer anschauen. Und die hat sich verdammt gut gehalten. Allen voran Neville Staple, der mit seinen 56 Jahren genau so verwegen über die Bühne hüpft wie in den frühen Achtzigern (dank Youtube können wir ja direkt vergleichen). Sir Horace Panter, John Bradbury und Linval Golding sind würdige Herren geworden, die heute besser denn je in Ihre Anzüge passen. Gitarrist Roddy Radiation gibt den Alt-Rockabilly. Nur um Terry Hall, Frontmann und Sänger, müssen wir uns Sorgen machen. Er steht völlig abwesend vor dem Drumset, meist mit dem Rücken zum Publikum, und dreht sich nur zu seinen Gesangseinlagen kurz um, während er am Mikro-Ständer Halt sucht.

Egal. Wir haben unsere Party, behaupten wacker unseren Platz in der ersten Reihe, finden uns in inniger Umarmung mit schwitzenden und grölenden englischen Skinheads und spüren irgendwo im Hinterkopf: ein Konzert wie dieses, so wiederholbar es im Internet auch sein mag, werden wir nie wieder erleben. Dies ist hier und jetzt, also „Enjoy yourself!“

Als letzter Titel vor der Zugabe wird eben dies dann auch gespielt und alle warten gespannt auf Terrys Solo „Hi, I am Terry, and I am going to enjoy myself first“ Aber diese Worte kommen heute nicht über seine Lippen, die Band spielt drüber hinweg und es wird jedem klar: in der ganzen tobenden und glücklichen Masse gibt es heute einen, der definitiv keinen Spaß hat.

Zur Zugabe kommt Herr Hall dann auch gar nicht mehr auf die Bühne, mit dem Schunkel-Ska „You’re Wondering Now“ endet der Abend. Die englischen Skinheads entpuppen sich im Saallicht als freundliche Business Men, die sich für die Rempelei entschuldigen, Visitenkarten übergeben und berichten, dass sie bereits sechs Konzerte der Anniversary Tour besucht hätten und dies sei definitiv das beste gewesen. Vermutlich erzählen sie dies, höflich wie sie nun mal sind, bei jedem Konzert – aber wir glauben es ihnen gern.

8 Gedanken zu „THE SPECIALS, 24.09.2011, E-Werk, Köln

  • 27. September 2011 um 21:47
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    danke fuer diese rewiew!
    war dabei und erlebe beim lesen das konzert nochmal :)
    grüsse an rudolf und martin! :)

  • 27. September 2011 um 21:57
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    Hab The Specials zwar nur auf dem Southside im Zelt gesehen, aber schon da war es der Knaller!

  • 28. September 2011 um 15:42
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    Danke, liest sich toll! Das mit den Scootern hat mir ein Freund auch aus Köln berichtet. :) Und dass Terry Hall wohl als einziger nicht besonders viel Spaß hatte, ebenfalls… aber auch das ist wohl auf der Tour überall gleich und tut einem irgendwie leid.

  • 29. September 2011 um 11:01
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    Eine klasse Review. Danke. Ich war selbst in Köln dabei, habe mir genau so Sorgen um Terry Hall gemacht. Dass er das Intro zu „Enjoy Yourself“ weggelassen hat, hatte ich schon fast wieder vergessen. Im Nachhinein überwiegt bei mir die Anerkennung, dass er trotz seines schlimmen Zustands die Stücke (bei denen er auf der Bühne war) so gut gesungen hat, wie es nur er kann.

  • 29. September 2011 um 11:22
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    Ich war auch mit dabei. Klasse Bericht. Und fühle mich beim Lesen als wäre ich immer noch in Köln letzten Samstag. Zu den Mods wollte ich noch hinzufügen: Fasziniert war ich auch zu ihren „We are Mods! We are Mods! We are, we are, we are Mods!“ Gesänge kurz nach der show, als sie ich links der Bühne in der Nähe des Treppenabgangs zu den Garderoben positioniert hatten.
    Zu Joachim welches Intro bei „Enjoy Yourself“? Enjoy Yourself war das Intro zu Do The Dog, welches noch hinterm Gaze-Vorhang gespielt wurde.

  • 29. September 2011 um 12:23
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    Ich meinte den Anfang der Passage, die Terry Hall in der vollen Studioversion von „Enjoy Yourself“ singt. Da setzt die Musik bis auf die Orgel aus und er sagt: Hi, I’m Terry and I’m going to enjoy myself first.“ Diesen Satz hat er in Köln weggelassen, wurde auch im Artikel erwähnt.

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