KAY RAY, 19.02.2011, Scala Ludwigsburg

Foto: Andreas Elsner

Es gibt Momente, da bin ich wirklich glücklich in einer freien Gesellschaft zu leben! Ein Abend wie dieser mit Kay Ray, schenkt einem einen solchen Moment. Bitterböse und zügellos frivol sind seine Songs und Texte. Gleichzeitig beschwingt den Saal eine wunderbare Leichtigkeit, die aus der Freiheit resultiert, einfach mal einen Abend über wirklich alles lachen zu können – und sei es über den Papst. In den meisten Ländern dieser Erde käme Kay Ray für so viel Unverfrorenheit vermutlich ins Gefängnis. Allein weil er so tabulos, weil er so anders ist. Da passt keine Schublade. Kay Ray gleitet haarscharf am Wahnsinn vorbei und macht Dinge auf der Bühne, die sich so sonst keiner traut. Wer sonst beleidigt so hemmungslos alles was freiheitsfeindlich ist? Und rockt den Saal mit Liedern die wie eine Naturgewalt alles Einengende, alles Spießige hinwegfegen, so dass sich jeder wünscht, einmal so frei sein zu können…so frei, wie Kay.

Zunächst wollte ich von diesem “Spinner“ gar nix wissen. Eine Freundin hat mir dann mal eine DVD von ihm gegeben. Völlig widerstrebend, geriet ich in seinen Bann. Inzwischen macht er nun schon seit Jahren sein Ding und ist sogar im Fernsehen bei den Öffentlich-Rechtlichen gelandet. Glitzernd, funkensprühend, den Saal zum toben bringend, ist er aber nur live zu erfahren. So wie in der Scala Ludwigsburg heut Nacht. Tolles Ambiente im Übrigen – perfekt für Kay!

Er betritt die Bühne (schwarze Punk-Strom-Frisur, Glitzer-Sakko) und nimmt ganz langsam Fahrt auf, mit Kate Bush. Seine erste direkte Kontaktaufnahme mit dem Publikum: „Wenn Sie Kate Bush nicht mögen, werden sie den Abend hassen!“. Er bestellt sich und seinem Pianisten Falk Effenberger erst einmal ein Bier und bittet darum, dass es bitte kein alkoholfreies Bier sein sollte: „Wenn man ein Bier bestellt und bekommt dann eines ohne Alkohol, das ist wie wenn man Sophia Loren erwartet und bekommt Angela Merkel!“.

Dann beginnt die Zotenorgie: Guttenberg, die neuen Bundesländer („West-Polen“), Wowereit und Westerwelle – keiner wird verschont. Kay über Westerwelle: „Der kann nicht schwul sein. Dafür sieht er einfach nicht gut genug aus!“ Kay ist schwul und daher kann er über Schwule mit die besten Witze machen. Aber Kay wagt sich einfach an jedes Tabu. Leidenschaftlich lehnt er sich gegen die Nicht-Raucher-Politik auf und bricht erstmals die Schmerzgrenze an diesem Abend: „Warum hängt man über diese diskriminierend, gelb-markierten Nichtraucherecken an den Bahnsteigen nicht gleich auch noch ein Schild: Rauchen macht frei!“ Da schlucken dann doch einige Gäste ziemlich heftig, aber keiner verlässt den Saal. Das spricht für das Publikum in der Scala!

Dazwischen ein Song nach dem anderen. Mal Parodie, mal großer Herzschmerz. Hat der Mann Stimme? Ja! Donnernd, schmetternd, verraucht, verrucht; manchmal aber auch ganz zärtlich. Sein Repertoire reicht weit: Kate Bush, Amy MacDonald, Milva, Coldplay, Elton John, Lady Gaga. Bis hin zu leisen, nachdenklichen Liedern, wie zum Beispiel von seinem Lieblingskomponisten Robert Long. Das Lied „Jos“ von Long handelt von einem ausgegrenzten Scheidungskind, das Selbstmord begeht. Mit wenigen Worten, manchmal nur Gesten, schafft er die Übergänge zwischen Hoch und Tief, zwischen Party und Blues. Der Pianist Falk Effenberger begeleitet ihn dabei nicht nur musikalisch. Es kommt einem fast so vor, als beobachte er Kay, um ihm immer dann zu verstärken, wenn dem Bühnenberserker dann doch mal kurz die Luft ausgeht.

Höhepunkt des Abends ist sicherlich seine Parodie von Lenas Hit „Satellite“. Nicht nur, dass er mit seiner wuchtigen Interpretation den absolut, krass-denkbarsten Gegensatz zu Lenas Vortrag hinlegt: Er strippt auch noch dabei! Wie von Sinnen tobt er zu der (ursprünglich lieblich anmutenden) Melodie in seinem Slip über die Bühne, zwischendrin weitere Zoten reißend – das hat schon fast was Surreales. Das Publikum grölt!

Natürlich wird auch das Publikum selbst nicht verschont: „Sie sehen mich, ich seh sie auch. Sie haben den Vorteil, nur einen Gestörten zu sehen.“ Aber den Saal hat er da schon längst in der Hand. Vor allem die frivolen Nummern kommen zunehmend gut:
„Onanieren ist Vorhaut-Aerobic!“, „Lieber bi, als gar nicht geil!“, „Wie sollte man das Geschlechtsteil von Nonnen am besten nennen? Christstollen!“. Nein, heilig ist ihm nichts: „Warum trägt der Papst einen Docht unter seinem Hut? Damit man ihn anzünden kann.“ Die Kirche mag er wirklich nicht. Verlogenheit und Scheinmoral, das sind Kays größte Feinde. Und er schont sie nicht!

Wobei: „Das war nicht einfach…“, wie er in seinem anderen großen Abendprogramm „Homo Sapiens“ oft betont. Wer Kay erlebt, erlebt auch das überwundene Trauma eines Bisexuellen, der sich durch die Kunst befreit hat. Befreit von allen gesellschaftlichen Zwängen. Weshalb sein Programm ganz bewusst als Provokation daher kommt, keine Zote auslassend und nichts und niemanden schonend. Frivol und an manchen Stellen bekennend vulgär. Aber über manchen Text, manch vermeintlich harmlosen Witz, muss man länger nachdenken, als einem lieb ist: „Woran erkennt man, dass ein Model schwanger ist? Man hält sie gegen das Licht.“

So geht es weiter: fast drei Stunden lang. Er kalauert, er singt, mal freudvoll und brachial, mal melancholisch. Mit seinem Pianist gibt er einen absurden Schlager Mix: Nena, Klaus Lage, Howard Carpendale. Dabei brilliert Falk Effenberger mit unterschiedlichsten Instrumenten der komischen Art .Wer hat schon mal ein T-Shirt mit eingebautem Klavier erlebt! Die Zugabenrunde beginnt mit Amy MacDonald, „This ist the life“ und Kay läuft noch einmal zur Höchstform auf. Am Ende bekommt dann er mal ein Lied gesungen, von Falk: „Kleiner Bösewicht schlaf ein.“ – eine herrliche Nummer!

Ein Kritiker soll einmal geschrieben haben, Kay Ray sei vom Kabarett so weit entfernt wie die Sonne von der Erde. Nun, die Erde braucht bekanntlich die Sonne, auch wenn sie sehr weit weg ist. Im Fall von Kay ist er sicherlich weit weg von allem “Normalen“. Aber genau so einen wie ihn, brauchen wir (in diesem oftmals düsteren Land) ganz dringend. Er strahlt eine Lebensenergie aus, die einmalig ist. Seine politischer Humor ist so bissig und schneidend scharf, dass manch Kabarettist vor Neid erblassen dürfte.

8 Gedanken zu „KAY RAY, 19.02.2011, Scala Ludwigsburg

  • 22. Februar 2011 um 11:37
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    Wow – super Einstieg, Felix!

    „krass-denkbarsten Gegensatz“ – sehr schön, erinnert an Roland Koch ;-)

  • 22. Februar 2011 um 11:57
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    Du meinst Kochs berühmten Spruch von der „brutalst-möglichen Aufklärung“?
    Kay betreibt die! Er zieht allen die Hosen runter…der Politik, der Kirche, dem Publikum und auch sich selbst.
    ;-)

  • 24. Februar 2011 um 10:06
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    Klasse Artikel!
    Werde mir Kay jetzt wohl mal wirklich live in Hamburg gönnen. Bei seinen Auftritten vor der Kamera scheint er sich ja doch sehr zurückzuhalten.

  • 24. Februar 2011 um 20:48
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    Hallo Felix
    Ich danke für diesen wirklich aufrichtigen Artikel. 1000 Dank mein Lieber.
    Der Kay aus Hamburg

  • 28. Februar 2011 um 13:16
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    In der Tat ein lesenswerter, spritzig geschriebener Artikel. Macht nicht nur Spaß den Artikel zu lesen, sondern auch Lust den Künstler mal live zu sehen.
    Freue mich auf weitere Artikel von Dir. Weiter so !!!
    In diesem Sinne, beste Grüße von der am liebsten oben bleibenden Ostalb.

  • 1. März 2011 um 16:45
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    Vielen Dank für das Herzblut dieses Artikels. Da hat einer aufgesogen und durch die Feder ausgedrückt was gemeint war. WOW!!!!! Mein Kompliment! Andreas

  • 1. März 2011 um 22:50
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    Merci! Das mußte einfach raus, genau so.
    ;-)
    Kay ist und bleibt für mich einer der größten deutschen Entertainer und mehr…
    Hoffe, dass ihn noch ganz viele Menschen entdecken.

  • 3. März 2011 um 15:50
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    Wohl doch mehr, als nur ein Paradiesvogel…

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