JAMIE CULLUM, NORAH JONES, 12.07.2017, Jazz Open, Schlossplatz, Stuttgart

JAMIE CULLUM, NORAH JONES, 12.07.2017, Jazz Open, Schlossplatz, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Mit Sonnenbrille nimmt Norah Jones am Flügel platz. Die 38-Jährige wirkt träge. Dennoch lächelt sie und dreht ihren Kopf zum Publikum. Die langen Ohrringe glitzern in der sich vorsichtig aus den Regenwolken tastenden Abendsonne, die nach und nach die Bühne in ein goldenes Licht taucht, nachdem kurz zuvor noch kräftige Schauer über dem Neuen Schloss und seinen Ehrenhof niedergingen.

Das Konzert ist das erste des diesjährigen JazzOpen auf dem Schlossplatz. Bereits im Vorfeld ist es restlos ausverkauft, was auch daran liegen mag, dass JazzOpen-Dauergast Jamie Cullum, der nach Jones spielt, in Stuttgart über ein ihm treu ergebenes Publikum verfügt. Er ist im vierten Jahr in Folge großer Publikumsmagnet. Wir allerdings sind wegen Norah Jones da, deren Debüt „Come Away With Me“ eines der Konsensalben der 00er Jahre war, gleichwohl aber gerne in Listen mit Platten auftauchte, die man in den Wohnzimmern von Leuten findet, die sich eigentlich nicht für Musik interessieren. Das schert uns wiederum wenig, ebenso wie die Tatsache, dass wir Jamie Cullum zum zweiten Mal nach 2014 beim JazzOpen erleben – damals waren wir wegen Dr. John hier. In meinem damaligen Bericht erwähnte ich auch Norah Jones als eine Art Vergleichsfolie zu Jamie Cullum. So schrieb ich, Cullum ergehe es in der allgemeinen Rezeption „wie der Ravi Shankar Tochter Norah Jones, die wundervoll jazzigen Soul-Pop spielt und sich immer mit dem Vorwurf des Milchkaffee-Jazz konfrontiert sieht. Sicher funktioniert ihre wie auch die Musik Cullums in jedem Starbucks der Welt, doch spricht das eher für die Leichtigkeit der Songs, die den Konsens zu treffen scheinen.“

JAMIE CULLUM, NORAH JONES, 12.07.2017, Jazz Open, Schlossplatz, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Die direkte Live-Gegenüberstellung macht nun deutlich, dass der Vergleich auch musikalisch und hinsichtlich ihrer individuellen Karrieren nicht deplatziert ist. Jamie Cullum spricht während seiner ausgelassenen Performance davon, dass man ja quasi gleichzeitig auf der Bildfläche erschienen sei und sich gegenseitig sehr schätze. Tatsächlich sind Cullum und Jones beide Jahrgang 1978 und veröffentlichten 2003 beziehungsweise 2002 ihre ersten Alben, die mitunter als Jazz rezipiert wurden, obwohl es sich letztlich um sehr gefälligen Pop handelte.

Hinsichtlich ihrer Präsentation wiederum unterscheiden sich die Amerikanerin Jones und der Engländer Cullum eklatant. Lebt Cullums Auftritt von seiner Quirligkeit, seinen enormen Qualitäten als Entertainer und einer energischen Performance, hält sich Jones zurück, wirkt müde, enorm stilvoll und wickelt das Publikum mit einem ruhig dahin plätschernden Set mühelos um den Finger.

JAMIE CULLUM, NORAH JONES, 12.07.2017, Jazz Open, Schlossplatz, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Etwas über 80 Minuten singt sich Jones durch ihre nunmehr sechs Studioalben und covert das ein oder andere Stück. Schon die Eröffnung mit „Peace“, eine Jazznummer von Hard Bop-Pionier Horace Silver aus den späten 1950er Jahren, weist die Richtung. Jones spielt auf sehr zurückhaltende Weise Klavier, während ihre Mitmusiker Josh Lattanzi (Bass) und Greg Wieczorek (Schlagzeug) einen entschleunigten Groove entfalten. Immer wieder spielt ihr hervorragender Gitarrist Dan Iead eine sehnsüchtelnde Pedal Steel Gitarre, was Songs wie Neil Youngs „Don’t Be Denied“ oder „Somethin Is Calling You“ ein trockenes Countrygewand verpasst. Immer wieder greift auch Jones zur Gitarre. Die Musik variiert dabei immer von jazzigem Pop („Sinkin‘ Soon“), sommerlicher Entspannung („Chasing Pirates) bis hin Country wie dem vertrackten „All In a Dream“. Dazu spielt sie selbstredend ihre Hits wie „Come Away With Me“, „Sunrise“ und natürlich „I Don’t Know Why“. Das alles ist sehr laidback und man könnte es langweilig finden, würde die Band nicht so fantastisch spielen und Jones so großartig singen. Mit Grateful Deads „Ripple“ endet ihr sehr zurückhaltender Auftritt, bevor Cullum übernimmt und zur großen Party animiert, nachdem die Moderatorin andeutete, es könnte eventuell zu einem Duett zwischen den beiden Protagonisten heute Abend kommen.

JAMIE CULLUM, NORAH JONES, 12.07.2017, Jazz Open, Schlossplatz, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Diese Hoffnungen bleiben unerfüllt, obschon Cullum immer wieder auf Jones verweist und „Come Away With Me“ andeutet. Den Zuschauern macht das relativ wenig. Sie sind zu großen Teilen wegen Cullum hier, der ihnen mit Bläserbegleitung das kredenzt, was sich erhofft wurde: Puren Pop, Performance und mitunter auch fantastisches Jazzklavierspiel. Denn wo Cullum als Jazzsänger an seine Grenzen stößt, brilliert er als Pianist. Und ohnehin steht bei ihm die Verpackung im Vorprogramm. Zwar spielt er auch Jazzklassiker, aber covert eben auch Rihanna oder Ed Sheeran, springt vom Flügel, geht ins Publikum und strahlt selig. Stuttgart und er, das sei eine Liebesgeschichte, sagt er und strahlt, als er nach fast zwei Stunden die Bühne zum letzten Mal verlässt – bis er vermutlich nächstes Jahr zum dann fünften Mal sein treues Publikum beim JazzOpen beehrt.

JAMIE CULLUM, NORAH JONES, 12.07.2017, Jazz Open, Schlossplatz, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Norah Jones

Jamie Cullum

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.