MAGMA, 17.10.2016, Theaterhaus, Stuttgart

Konzertbericht vom Konzert von MAGMA am 17. Oktober 2016 im Theaterhaus, Stuttgart. Text: Lino, Fotos: Michael Haußmann

Foto: Michael Haußmann

Für Fans von angestrengten Vergleichen aus dem Sport-Milieu, aus einem Interview mit Andrea Petkovic, gestern in der SZ: „Empfehlen Sie anderen Spielern Bücher? – Einmal habe ich Ana Ivanovic Unendlicher Spaß von David Foster Wallace empfohlen. Sie hat es tatsächlich gekauft und die ersten zwanzig Seiten gelesen. Anschließend hat sie mir den Vogel gezeigt: Was für ein Scheiß! Sie habe kein Wort verstanden.“ Exakt dies dürfte die Reaktion der meisten Menschen sein, empföhle man ihnen, sich eine Platte von Magma anzuhören, oder gar einem Konzert beizuwohnen. Magma, französische Avantgarde since 1969 mit eigener Kunstsprache (kobaianisch), Sci-Fi-Konzept und einer Musik, die mit nichts zu anderem zu vergleichen ist.

Zusammen mit The Who und King Crimson sind Magma nun schon der dritte seit den 60ern tätige musikalische Meilensteinsetzer, der Stuttgarts Frühherbst 2016 bereichert. Deutlich weniger bekannt als die beiden anderen Bands, trägt Christian Vanders Baby aber sogar die Verantwortung für die Gründung eines eigenen Musikgenres, des „Zeuhl“ (himmlische Musik). Aufgewachsen in einer Pariser Wohnung, in der Jazzgrößen ein- und ausgingen, das erste Schlagzeug von Chet Baker geschenkt bekommen (das dieser nebenbei von dessen Schlagzeuger geklaut hatte), verliebt in die Musik von Coltrane, erschuf Christian Vander mit Magma Ender der 60er seine ganz eigene, musikalische Vision. Eine Science-Fiction Story um den Planeten Kobaia als Gerüst, ist Magmas Musik eine einzigartige Mischung aus Neuer Musik und moderner Klassik, Jazzrock und Prog, osteuropäischer Folklore und Carl Orff.

Konzertbericht vom Konzert von MAGMA am 17. Oktober 2016 im Theaterhaus, Stuttgart. Text: Lino, Fotos: Michael Haußmann

Foto: Michael Haußmann

Mit achtköpfiger Formation auf Tour, zeigt der epische Opener „Theusz Hamtaahk“ gleich mal was einen hier erwartet. Endlos repetierende Gesangsschleifen, die sich mehrstimmig aufschichten und steigern, ein mehrere registerbruttotonnenschweres Bassriff, Vibraphon und Gitarre mit chromatischen Farbtupfern, alles vereint in einem alles zermahlenden Mahlstrom. Das ist keine einfache Kost, eine erdrückende Schwere und ein Gefühl der Gewaltigkeit, aber gleichzeitig Schaffung einer einzigartigen Atmosphäre und Intensität, die einen nicht kalt lassen kann. Ein Bolero der Apokalypse.

Da neben mir mit osteuropäischem Akzent kommentiert wird, leuchtet mir nun plötzlich ein warum so viele Magma-Platten bei discogs aus diesen Gefilden angeboten werden. Der russische Schachspieler, voller melancholischer Schwere und aufgewachsen mit Stravinsky, gibt ein nur allzu gutes Klischeebild eines Magma-Fans in meinem Kopf ab.

Nach einer guten Viertelstunde löst sich der Würgegriff des Anfangsstück auf in einen Part, welches fast schon jazzpoppig heiter daherkommt, sehr nah am Easy Listening, bezaubernd gesungen von Stella Vander. Der einsetzende männliche Gesang sorgt jedoch gleich wieder für eine dramatischere Wendung. Es hat tatsächlich etwas Theatralisches die Musik. Jazz mit Oper, klingonische Oper, wenn Wagner Jazz gemacht hätte (nur ohne Antisemitismus), das sind so einige mehr oder minder hilflose Versuche, die im Netz herumgeistern, um Magmas Musik zu beschreiben.

Konzertbericht vom Konzert von MAGMA am 17. Oktober 2016 im Theaterhaus, Stuttgart. Text: Lino, Fotos: Michael Haußmann

Foto: Michael Haußmann

Die meist auf poppigen Wohlklang geschulte Hörgewohnheit wird hier gefordert, aber es bleibt alles meist nachvollziehbar genug, dass man sich nicht völlig verliert. Das Konzert bietet einem die komplette Palette. Man kann sich in den fantastischen Fertigkeiten von Christian Vanders jazzigem Schlagzeugspiel verlieren, auf die feinen Arrangements der Gesangsparts achten, sich den Bauch vom angezerrten Bass massieren lassen, oder komplett von der einzigartigen, tatsächlich außerirdischen Stimmung der Musik fesseln lassen.

„Mekanïk Destruktïw Kommandöh“ ist der nächste begeisternde Brocken. Vielschichtiger als das erste Stück, bleibt die unfassbare Kraft der Musik und ihrer Darbietung die Gleiche. Beim Zuhören lasst sich etwas ähnliches erfahren, was Christian Vander über sich erzählt hat: „I do a lot of travelling inside the inner world, you see — it’s exactly the same as regular travel but it emits less greenhouse gasses.” Vielleicht nicht ganz regular travel, denn die innere Reise zu Magmas Musik ist eher interstellarer Art, zu fremden Planeten, auf denen mysteriöse Rituale zelebriert werden.

Das dritte und letzte Stück begeistert nicht minder mit einer nicht enden wollenden Spirale der Steigerung. Immer lauter, schneller. Meine Güte, Christian Vander ist knapp 70, so eine unfassbare Kraft, Schwere und Energie, die jede Heavy Metal Band alt aussehen lässt, das geht doch nicht. Geht aber doch. Selten ein Konzert erlebt, dessen musikalische Kraft so erschütternd ist.

Vor der Zugabe bekommen wir noch eine Einladung ausgesprochen von Stella Vander. Am 2. und 3. Februar in Paris werden Magma zusammen mit einem 27-köpfigen Jugendsinfonieorchester auftreten. Klingt so übel nicht, die Reisemöglichkeiten werden schon mal gecheckt.

Nach knapp 100 Minuten intensivstem Musikerlebnis ist dann ein grandioses Konzert beendet. Ein einzigartiger Abend, und die manchmal gestellte Frage, ob die Musik esoterisch-prätentiöser Quatsch oder geniale Ausnahmekunst ist, habe ich für mich ganz klar mit Letzterem beantwortet. Dem Date-Anfrager „Na, Bock auf ’ne klingonische Oper heute Abend?“, wird auf Datingplattformen und im real life auch in Zukunft trotzdem nur ein sehr bescheidener Erfolg beschieden sein.

Magma

2 Gedanken zu „MAGMA, 17.10.2016, Theaterhaus, Stuttgart

  • 19. Oktober 2016 um 13:18
    Permalink

    „Ein Bolero der Apokalypse.“

    Lino is back!

  • 25. Oktober 2016 um 20:08
    Permalink

    Ha! Genau dieser Ausspruch hat mich gerade auch voll beeindruckt!

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