JAMIE CULLUM, 17.07.2016, Jazz Open, Schlossplatz, Stuttgart

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Foto: Andreas Meinhardt

Ich stehe auf dem Pressetürmle des Jazzopen, lasse meinen Blick über den Innenhof des Neuen Schlosses schweifen und warte darauf, dass Jamie Cullum die Bühne betritt. Vor dem Auftritt wird dort natürlich emsig gerödelt und geräumt. Der Konzertflügel wird sorgfältig gestimmt, Schlagzeugfelle gespannt, so wie das halt immer ist. Fünf Minuten vor offizieller stage time hopst Jamie Cullum um 20:25 auf die Bühne und legt los. Gleich das erste Stück ist ein Jazz-Klassiker „I get a kick out of you“ von Cole Porter. Der Meister sitzt nur kurz, dann hält es ihn nicht mehr auf seinem Klavierhocker, er beginnt das Instrument zu besteigen und dappt zur Freude aller Anwesenden natürlich auch genussvoll mit Schmackes in die Tasten. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich meine, den Klavierstimmer des lokalen Pianohauses, der gerade noch zärtlich die Saiten ausgerichtet hat, laut aufheulen zu hören.

Ich kenne den schwer sympathischen Engländer vor allem durch seine ausgezeichneten Radiosendungen, die er schon seit langem für den BBC-Sender Radio 2 macht. Dass er selber Musiker ist, habe ich erst mitbekommen, als ich ihm dort schon eine ganze Weile zuhörte (was ich hier und jetzt auch allen uneingeschränkt empfehlen kann, googelt das mal zügig und hört selber rein). Mit drei Musikern, die richtig viele Instrumente spielen, gibt Jamie eigene und fremde Stücke zum besten. Da ist alles dabei: Rihanna, Udo Jürgens, Sinatra…. mir kommt gerade die Floskel „vom bunten Melodienstrauß“ in den Sinn, passt nicht so schlecht, darum sei es hier hingeschrieben.

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Foto: Andreas Meinhardt

Mister Cullum beweist eindrucksvoll, dass er unter den weltbesten Jazz-Pop-Entertainern die Poleposition innehat und alle anderen Vertreter dieses Genres nur an seinem Auspuff schnüffeln dürfen. Genau hier fangen meine Probleme an und ich beginne darüber nachzudenken, warum ich nicht so aus dem Häuschen bin über das, was ich höre und sehe, wie alle anderen hier im Corps de Logis. Mir ist das einfach alles zu viel. Muss man schon beim zweiten Song so mit Schlagzeugschlegeln um sich werfen, wie ein Heavy-Metal-Drummer nach 120 Minuten Schwerarbeit? Was sollen eigentlich alle diese Chris-Martin-Gedächtnischöre? Wenn ich zu Coldplay gewollt hätte, dann wäre ich da hin, bin ich aber mit voller Absicht nicht! Ein wenig nerven mich langsam die ganzen Stadionrockermanierismen und -posen, davon gibt’s einfach zu viel und es wirkt etwas einstudiert. Als er sich blitzfix eine Loopstation für einen Zwischenteil des vierten Songs zusammenbastelt und damit eine ganz feine Melodie zaubert, bin ich dann aber schon wieder beeindruckt. Das Beatboxen danach hätte er aber dann wiederum echt bleiben lassen sollen (jeder hat so seine ganz eigenen Abneigungen, mit diesem Mikrofonvollgerotze kann man mich halt nun mal echt jagen und so richtig ärgern, mein Problem, ich weiß, ich weiß), dann runter von der Bühne und in den Graben, muss der echt alles machen?

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Foto: Andreas Meinhardt

Jamie Cullum sieht aus wie die fitte Version des genau gleich alten Pete Doherty. Haare ähnlich gestrubbelt und trägt auch ganz gerne schwarz. Im Gegensatz zu diesem wirken seine Posen und Gesten jedoch ein wenig einstudiert. Er hat die Bühne, das Publikum und seinen Körper jederzeit voll und ganz im Griff – man muss sagen: leider. Ich wünsche ihm natürlich kein Drogenproblem, aber ein paar Unberechenbarkeitsfaktoren und schräge Töne mehr in der Musik und der Darbietung wären echt nötig. Mit meinen Nörgeleien und Meckereien bin ich natürlich völlig allein auf mich gestellt. Das Publikum ist aus dem Häuschen und bei den Stücken wird schön abwechselnd gekuschelt, brav mit den Händen über dem Kopf geklatscht (hat der Jamie ja gerade eingefordert), Wechselgesänge gesungen und ab und zu ein Selfie für’s soziale Netzwerk der Daheimgebliebenen geschossen.

Jazz war mal der heisseste, wildeste, verruchteste und unzüchtigste Musikstil des Planeten, der New Yorker Cotton Club sozusagen das Berghain der 20er und 30er Jahre, die Zeiten sind lang vorbei und werden nicht mehr wiederkommen. Ich weiß. Aber ich darf doch mal ein wenig trauern. Als kurz vor Ende wirklich alle mit Jamie im Takt hüpfen und nicht mal mehr in den überteuerten Vip-Logen einer sitzenbleibt, muss ich an David Guettas Auftritt bei der Eröffnung der Fußball-Europameisterschaft denken, der ja auch irgendwie ein Ende der Geschichte der elektronischen Musik dargestellt haben könnte und beginne mich zu fragen, was wohl der nächste heisseste, wildeste, verruchteste und unzüchtigste Musikstil des Planeten sein wird, ob ich ihn erkennen werde, oder für so was nun zu alt bin und zu Hause einfach friedlich eine Platte von Cannonball Adderley auflegen und den Schnabel halten sollte?

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