KOFELGSCHROA, 25.09.2016, Jazzclub Armer Konrad, Weinstadt-Beutelsbach

KOFELGSCHROA, 25.09.2016, Jazzclub Alter Konrad, Weinstadt

Foto: Michael Haußmann

„Das Eigensinnigste, Beste, Schönste, Roheste, was ich seit Langem gehört habe, ist die Band Kofelgschroa aus Oberammergau.“

Eric Pfeil, Pop-Kolumnist bei FAZ und Rolling Stone und Titan der gehobenen Musikkritik, lobt das Oberammergauer Quartett Kofelgschroa über den grünen Klee. Das allein ist ja schon Grund genug, sich auf den Weg nach Beutelsbach zu machen. Der dort beheimatete „Jazzclub Armer Konrad“ hat nämlich die vier Oberbayern auf dem Programm. Und wir freuen uns, eine neue Location zu entdecken.

KOFELGSCHROA, 25.09.2016, Jazzclub Alter Konrad, Weinstadt

Foto: Michael Haußmann

Wobei: neu ist sie nur für uns, denn der Jazzclub (der sich übrigens nach einem Bauernaufstand von 1514 benennt) wurde bereits 1980 gegründet und wird seitdem mit viel Engagement komplett ehrenamtlich betrieben, worauf Vorstand Hartmut Lenz bei seiner einleitenden Ansprache nicht ohne Stolz hinweist. Der Verein stellt jedenfalls ein Programm zwischen Jazz, Rock und Weltmusik auf die Beine, das wir nur dringend empfehlen können. Unbedingt zu besuchender Highlight-Gig in Kürze: die St. Petersburger Folk-Punkerinnen Iva Nova, die uns erst kürzlich im Lab umgehauen haben. Sie sind am 16.10. in Beutelsbach.

KOFELGSCHROA, 25.09.2016, Jazzclub Alter Konrad, Weinstadt

Foto: Michael Haußmann

Der Club befindet sich im Keller der Zehntscheuer mitten im Dorf, zwischen Kirche, Rathaus und Friedhof und kann zwei Säle bespielen: einen kleineren mit ca. 60 bis 70 Plätzen und einen imposanten Gewölbekeller, der bei uns Stuttgarter Club-Gängern erstmal die Kinnlade runterklappen lässt. Stimmungsvoll beleuchtet und technisch picobello ausgestattet. Da kann man schon ein wenig neidisch werden. Geschätzte 250 Personen fasst der Keller. Und so viele dürften heute auch gekommen sein. Die Bude ist voll, ein sehr gemischtes Publikum von dreißig bis siebzig Jahren wartet auf die vier Oberammergauer.

KOFELGSCHROA, 25.09.2016, Jazzclub Alter Konrad, Weinstadt

Foto: Michael Haußmann

Um drei viertel acht betreten Kofelgschroa die Bühne. Haferlschuh sind erstmal der einzige optische Hinweis auf ihre bayrischen Wurzeln, volkstümliche Accessoires wie Lederhosen oder Wadlstrümpf finden sich hier erfreulicherweise keine. Schon mit der ersten Ansage wird klar: Langsamkeit ist das Motto des Abends. Und ja, dieser bayrische Dialekt ist schon ganz schön breit (schwer vorstellbar, dass Kofelgschroa in Hamburg verstanden werden). Matthias Meichelböck – sonst am Tenorhorn zugange – ist ein Meister der verlangsamten Halbsätze und verweigerten Pointen. Und er ist zuständig für die Kategorisierung der Songs: aus den Bereichen „Verkehrswesen“, „Natur“, „Abgrenzung“ und „Geheimdienst“ stammen die Themen.

KOFELGSCHROA, 25.09.2016, Jazzclub Alter Konrad, Weinstadt

Foto: Michael Haußmann

Das Publikum amüsiert sich darüber prächtig. Aber es sind ja Musiker und keine Redner, die sich da aufgebaut haben. Auf dem rhythmischen Bassfundament, das Martin von Mücke mit seiner Helikontuba legt, spielen Meichelböck und Michael von Mücke mit Tenor- und Flügelhorn ein- oder auch mehrstimmige Melodien, zu denen Maxi Pongratz Akkordeon und den Hauptteil des Gesangs beisteuert. Das klingt zuerst mal nach volkstümlicher Stubenmusik und ist in seiner scheinbaren Einfachheit sehr eingängig. Aber so simpel ist es nicht: spätestens wenn die Bläser mit zwei weiteren Gesangsstimmen dazustoßen, dann werden im Kanon die manchmal schwer verständlichen Texte raffiniert und mehrstimmig gegeneinander verschoben.

KOFELGSCHROA, 25.09.2016, Jazzclub Alter Konrad, Weinstadt

Foto: Michael Haußmann

Und auf der instrumentalen Ebene geschieht das gleiche: rhythmisch spielen Akkordeon und Tuba miteinander, gerne mal im Walzer oder Tangorhythmus, aber immer variabel und vor allem: in scheinbar endloser Wiederholung. Kaum ein Titel dauert unter fünf bis sechs Minuten, da mäandern Bläser und Akkordeon umeinander herum. Das ist – vor allem im meist sehr getragenen Tempo – schon fast hypnotisch. Ambient oder Krautrock sind nicht so fern, wie man denken könnte. Das weitere Instrumentarium besteht aus einer grauenvoll klingenden Gitarre und Maultrommeln.

KOFELGSCHROA, 25.09.2016, Jazzclub Alter Konrad, Weinstadt

Foto: Michael Haußmann

Im Gegensatz zu den ehemaligen Label-Kollegen LaBrassBanda, die uns kürzlich mit ihrem Hochleistungs-Techno-Brass mal wieder an die Wand geblasen haben, sind Kofelgschroa eher der Lanz Bulldog unter den Blaskapellen: mit geringer Umdrehungszahl und immer leicht unrund fahrend, so dass man immer befürchtet, der Motor ginge gleich ganz aus. In Wirklichkeit ist er aber äußerst robust und wenn man er dann abgestellt wird, dieselt er noch eine ganze Weile nach: kaum ein Titel, der nach dem erwarteten Ende nicht nochmal in die Verlängerung geht.

KOFELGSCHROA, 25.09.2016, Jazzclub Alter Konrad, Weinstadt

Foto: Michael Haußmann

Es sind diese kleinen Spielchen mit dem Unerwarteten, die stoische Ruhe und die unbewegten Mienen, mit denen Zwischensansagen und Gesang zum Besten gegeben werden, und die den ganz skurrilen Humor der sympathischen Mannsbilder offenbaren. Saukomische Höhepunkte des Abends: Michael von Mückes haarsträubend schräge Gitarrensoli, eines davon in Hendrix-Pose auf dem Stuhl stehend, und der Hit „Oberammergau“ mit seinem Zungenbrecher-Refrain „Ob er aber über Oberammergau, oder aber über Unterammergau…“, den die drei Sänger dann in doch erstaunlichem Tempo vortragen.

Nach zwei frenetisch erklatschten Zugaben und gut zweieinhalb Stunden endet ein Abend voller wunderbarer Musik und vielen ulkigen Momenten. Und mit der Erkenntnis, dass intelligente und zeitgemäße Volksmusik mit Ecken und Kanten mächtig Spaß machen kann.

KOFELGSCHROA, 25.09.2016, Jazzclub Alter Konrad, Weinstadt

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