WESTBAM, 11.09.2015, White/Noise Stuttgart

WESTBAM, 11.09.2015, White/Noise Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

We want to sing a big shout to US, and to all ravers in the world!
And to Westbam, Marusha, Steve Mason, The Mystic Man, DJ Dick (…), Sven Väth …

Die “Eintagsfliege” Scooter landete mit diesen Zeilen aus dem Ich-will-auch-dazu-gehören-Track Hyper Hyper 1994 einen Riesenhit. 21 Jahre später sind die meisten der aufgezählten DJ-Götter wieder aus dem Olymp herab­gestiegen, Scooter durfte sich allerdings dort dauerhaft einrichten, wenn auch nur im Sousparterre. Aber gerade der erstgenannte, Westbam alias Maximilian Lenz, gibt weiterhin den Zeus. Gut, er streitet mit Sven Väth seit Anbeginn der (deutschen) Technozeit um diese Position, aber das ist im Olymp eben genauso wie bei uns Menschen auch. Wie auch immer. Westbam, bekannt geworden als DJ-Headliner der Mayday und Love Parade, wird auch heute noch zu Großveranstaltungen gebucht, ist Musikproduzent (u. a. 2013 das Album Götterstraße) und gefragter Zeitzeuge für Arte-Dokumentationen des Schlages „Wie war das damals – heute: Techno“.

WESTBAM, 11.09.2015, White/Noise Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Heute liest er im White/Noise aus seinem Jetzt-erzähl-ich-mal-Buch „Die Nacht der Macht“, präsentiert von der Stuttgarter Zeitung/Stadtkind und dem Elektromusikblog Es ist Liebe, moderiert von Ingmar Volkmann. Vielleicht 50 Interessierte haben sich in der Bar eingefunden und lauern gespannt, was der alte Herr (dieses Jahr 50 geworden) so mitbringt.

Westbam ist erkältet. Im Motörhead-Shirt und mit Isla Moos und Minztee gedopt zieht er seine Sonnenlesebrille Modell Erich Honecker auf (Selbstbezeichnung des Künstlers). Vorab erklärt er, warum er das Buch geschrieben habe: Nach einer Party… na ja… da sei ja alles vorbei. Es bleibe nichts zurück. Und deshalb wollte er das alles mal aufschreiben. Quasi Party-Saga [ Anm. d. Bloggers: Letztlich wie der Gig-Blog ;-) ]

WESTBAM, 11.09.2015, White/Noise Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Als erstes liest er seine Nacherzählung von der zweiten Mayday in der Eissporthalle Köln 1992. Das sei die erste Technoparty mit über 10.000 Ravern gewesen. Normalerweise erreichen einen Berichte über solche Events entweder aus den Medien („Riesenparty“) oder von Teilnehmern („Das war obergeil“). Nun aber die Innensicht eines der Protagonisten. In unterhaltsamen und selbstironischen Worten beschreibt er, wie die Party einfach nicht richtig in Gang kam, wie sein Set nicht so richtig zündete („Ich spielte quickmäßig schnell… viel zu hektisch“), wie andere Weltklasse-DJs sich abmühten und wie um 5 Uhr morgens dann Sven Väth und seine Frankfurter Jungs mit einem neuen, klaren Stil und langen beatlosen Passagen das Ruder rumrissen und er, Westbam, anerkennen musste, dass Väth die Mayday 2 rettete. Tatsächlich outet sich ein Zuhörer aus dem Publikum. Er sei damals dabei gewesen. „Und, war das so“? fragt Westbam. „Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht mehr daran erinnern“. Lacher.

WESTBAM, 11.09.2015, White/Noise Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

An anderer Stelle trägt Westbam vor, wie er als 17jähriger sich in die Berliner Schwulendisko Metropol verirrte und dort, neben den ganzen Ledermännern, zum ersten Mal einen ganz eigenen, harten und beatgetriebenen Sound entdeckte. „Eine Offenbarung“, und für Westbam heute noch ganz wichtig zu erwähnen, dass neben den bekannten Vorläufern von Techno auch diese Musik der 80er-Gay-Community dazugehört.

Es folgen noch Drogenstories aus Leeds und Rotterdam. Sie schwanken zwischen witzigen Anekdoten und anständig redigiertem Schüleraufsatz. Westbam ist übrigens kein geborener Vorleser, das ist nicht sein Metier. Allerdings entwickelt sich eine spannende Diskussion mit dem Publikum. Da kommt er richtig ins Erzählen, das passt viel mehr zu ihm und seiner schnoddrigen Sprechart. Es kommt beinahe ein Kumpelgefühl im positiven Sinne auf.

Er erinnert sich, dass als Kind seine erste Liebe der Marschmusik galt, und von der ging es dann über Disco und House zu Techno. „Letztlich alles Herzschlag“.  Auf die Frage nach dem Ausverkauf von Techno hat er eine schöne Geschichte zu erzählen, einem Gleichnis gleich: Als Mark’Oh „Tears Don’t Lie“ (nach Michael Holms „Tränen Lügen Nicht“) auf Westbams Label Low Spirit veröffentlichen wollte, meinte Westbam, dass er nicht sicher sei, ob das Label diesen Weg noch mitgehen könne (gemeint war: Schlagertechno – ohje!). Daraufhin gründete Low Spirit nur für diese Produktion ein eigenes Sublabel namens Peace Records – „Um des lieben Friedens Willen“. Die Produktion verkaufte sich wahnsinnig gut, bis zu 60.000 Einheiten am Tag, Marc’Oh war jedoch ziemlich beleidigt. So weit, so lustig.

WESTBAM, 11.09.2015, White/Noise Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Jahre später trifft Westbam den Hamburger Elektroproduzenten Kid Alex/Boys Noize. Westbam schätzt die Arbeit von Boys Noize sehr. Kid Alex gebe interessanterweise an, dass für ihn „Tears Don’t Lie“ einer der prägenden Platten in seinem Leben war; diese Produktion habe ihn über die Maßen fasziniert und inspiriert. Und die Moral von der Geschicht: richte über „Ausverkauf“ nicht. Für andere kann das die Initialzündung sein. Alterweisheiten eines DJs.

Westbam muss heute Abend nach der Buch-Signiererei noch nach Offenburg, zum Auflegen. Davor lege er sich allerdings noch eine Runde hin. Ganz schön normal, dieser Techno-Zeus, irgendwie menschlich.

WESTBAM, 11.09.2015, White/Noise Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

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