LAETITIA SADIER, 05.06.2015, Merlin, Stuttgart

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Foto: X-tof Hoyer

Letzte Woche, anlässlich Jacco Gardners Konzert in München, beklagte ich noch, dass gewisse Musik, die bei mir hoch im Kurs steht, gerne mal einen Bogen um Stuttgart macht. Keine halbseriöse Regel ohne anständige Ausnahme: Laetitia Sadier hat nach Stereolabs Ende drei Soloalben veröffentlicht und war jeweils danach in Stuttgart und Umgebung zu Besuch. Im Schocken, in der Manufaktur, heute im Merlin. Endlich dabei auch Kumpel Ali, der mich Mitte der 90er zu Stereolab führte.

Die Zuschauerzahlen zu Stereolabs Hochzeiten erreicht die gute Laetitia, zumindest hier in Stuttgart, nicht mehr. Aber wie in den vergangenen Jahren sind es doch wieder 50 bis 60 Zuschauer, die sich weder vom heißesten Tag des Jahres, noch den Kirchentagsmassen haben abschrecken lassen, die schwitzigen Füße vor die Tür zu setzen. Nach ein wenig Bossa als Einstimmungsmusik kommt Laetitia mit ihren beiden Mitmusikern um viertel nach neun auf die Bühne.

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Foto: X-tof Hoyer

Mit „Butter Side Up“ vom sehr schönen neuen Album „Something Shines“ wählt die Band ein Stück, das sehr verschleppt daherkommt. Der Sound ist ziemlich perfekt, und man kann gleich mal festhalten, dass Laetita heute sehr gut bei Stimme ist. Eh einer meiner Lieblingssängerinnen, aber live habe ich auch schon Tage von ihr erlebt, die nicht ganz so glorreich waren. Heute ist das anders. Der Song geht dann schlagartig in einen schnellen Krautrock-Teil über. Super, erste Tanzbewegungen des Publikums.

Nach einer charmanten Aufforderung doch näher an die Bühne ranzukommen („at the end we will throw hot oil on you“), gibt es mit „Find Me The Pulse Of The Universe“ und „Between Earth And Heaven“ zwei Lieder aus dem Vorgängeralbum „Silencio“. Beide haben diese unwiderstehliche Mischung aus schwerelosem Samba-Bossa-Flair und tagträumerischem Psychedelic-Pop der 60er, wie ihn z.B. The Free Design zelebrierten. Ziemlich grandioser Einstieg, der auch unterstreicht, dass die Band seit dem letzten Mal deutlich gewachsen ist. Tolle mehrstimmige Chöre, viel Dynamik, und das vom Drummer bediente Tablet staffiert den einen oder anderen Song mit schönen Synthiesounds und anderen Klangfarben aus.

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Foto: X-tof Hoyer

„Release From The Centre Of Your Heart“ ist vielleicht der Höhepunkt des letzten Albums, und wird live interessanterweise auf Französisch gesungen. Die Stimmen schaffen es sehr überzeugend die Bläserparts der Studioaufnahme zu übernehmen. Wunderbares Stück. Davor und danach gibt es viele lobende Worte über den Komponisten des Liedes, Giorgio Tuma, von Laetitia zu hören. Kleiner Exkurs: Giorgio Tuma ist ein im italienischen Salent lebender Musiker, bei Elefant Records unter Vertrag, dessen bisher erschienene Musik ausnahmslos grandios ist. Nebenbei organisiert er noch das „Contronatura Festival“, worüber wir letztes Jahr berichteten. Kauft alles von diesem Mann, was ihr finden könnt. Es soll zu eurem Schaden nicht sein.

Apropos Kollaborationen, neben Tuma hat Laetita in der letzten Zeit noch mit Benjamin Schoos und Little Tornados zusammengearbeitet. Auch hier, alles toll, bekommen wir heute aber nix von zu hören. Stattdessen mit „The Milk Of Human Tenderness“, ein etwas sperrigeres Song über „a working class woman in the 70ies in the USA“. Die Frau hat ja noch nie einen Hehl aus ihrer Abneigung gegen unsoziale, neoliberale Tendenzen in der Welt gemacht, und da passt so ein leicht avantgardistisch angehauchtes Stück mit so einem Text bestens. Das nachfolgende „Oscuridad“ schlägt in die gleiche Kerbe. Vom ganzen Ding her ein bisschen Brecht/Weill.

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Foto: X-tof Hoyer

„Then I Will Love You Again“ ist da wesentlich linearer, mit seinem dominantem Bass und auch deutlich flotter gespielt als auf Platte. Nicht minder toll „Echo Port“ mit seinen seltsamen Vocals, die am Anfang vom Drummer gesungen werden und etwas an Robert Wyatt erinnern. Bei diesem Stück kann man auch noch mal begutachten, dass ein Charakteristikum Laetitia Sadiers Musik auch die Akkordfolgen sind, die fast immer keinem harmonischen Schema so richtig zuzuordnen sind. So klingt das alles fast immer auf irgendeine Art und Weise sowohl hochmelodiös als auch sonderbar, schwebend leicht und doch ernst und irgendwie traurig.

Nach 45 Minuten verlässt die Band das erste Mal die Bühne, aber nur um von wirklich ergriffenem Publikum wieder zurückgeklatscht zu werden. „Statues Can Bend“ vom Album „The Trip“ ist ein furchtbar trauriges, langsames Stück, das auch auf Robert Wyatts „Rock Bottom“ Platz hätte finden können. Schön, aber auch spooky. Die zweite Zugabe, deren Titel mir partout nicht einfallen will, hat dann wieder einen krautrockigen Part, der zum Tanzen animiert, und mit Laetitia „here comes Luis Buñuel in spaceship“ erklärt wird. Wunderbar, reicht aber immer noch nicht, weswegen die Band noch mal herausgeklatscht wird, und zwar zu „Silent Spot“. Einem Song, der irgendwo nicht greifbar in der Luft hängt, und auch ohne richtigen Schlussakkord endet. So gehen wir mit dem schönen Gefühl nach Hause, dass dieses großartige Konzert ja eigentlich noch gar nicht beendet ist.

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Foto: X-tof Hoyer

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