SVAVAR KNÚTUR, 20 Uhr, 29.04.2015, Café Galao, Stuttgart

Svavar

Foto: X-tof Hoyer

Ja Mann! Svavar Knútur ist mal wieder im Lande. Zugegeben – eine Seltenheit ist das nicht gerade, denn im Normalfall ist er zwei Mal pro Jahr in der Gegend. Und trotzdem freu ich mich jedes Mal wie Bolle, wenn mein (und nicht nur mein) Lieblingsisländer Stuttgart beehrt. Natürlich wie immer im Galao, denn woanders will er in Stuttgart nicht spielen. Schließlich sind er und Chef Reiner Bocka dicke Freunde. Dass das auch in Zukunft so bleiben wird, verkündet er im rappelvollen und auf (finnische) Saunatemperatur aufgeheizten Café am Marienplatz.

Die Stimmung könnte nicht besser sein als unser zotteliger (Svavar, das ist liebevoll gemeint!) Troubadour die Bühne betritt und mit einem verschmitzten Grinsen in die Runde schaut. Er ist sichtlich erfreut darüber, dass man hier kaum noch einen Fan mehr hätte reinpacken können. Selbst die wenigen Plätze neben, beziehungsweise hinter der Bühne sind besetzt und auch draußen sitzen noch recht viele, die seinen Auftritt durch die geöffneten Fenster verfolgen. Scheint so als würde er langsam aber sicher doch nicht mehr nur Geheimtipp sein. Recht so, weil er angenehm anders ist und es einfach verdient hat.

Schon nach dem Opener „Undir Birkitré“ (bin mir jedenfalls zu 99% sicher, dass das der Opener war) strahlen haufenweise verzückte Augenpaare Richtung Bühne. Wie immer mit viel Inbrunst und geschlossenen Augen zelebriert Svavar Gefühl und Zerbrechlichkeit. Und wir fühlen und leiden und fiebern mit. Und schon bei seiner nächsten Ansage zeigt sich, dass das nach dem Familienkonzert am Nachmittag wieder die Erwachsenenversion ist. Denn wären Kinder anwesend, müsste man ihnen im Anschluss an das Konzert erstmal die Ohren mit Seife auswaschen. Sind aber scheinbar alle volljährig. Dementsprechend nimmt Svavar wie üblich kein Blatt vor den Mund. Er berichtet von Onaniermarathons auf Bahnhofstoiletten, fragt einen weiblichen Fan ob sie als Veganerin auch schluckt oder sinniert über die Größe seines Geschlechtsteils. Manches davon aber auch nur, weil er sich so über die ganz unterschiedlichen Reaktionen im Publikum amüsiert. Wir sind bei denen dabei, die heftige Lachanfälle kriegen. Andere schauen sichtlich verwirrt.

Svavar

Foto: X-tof Hoyer

Genau das ist es, was ich so an Svavar Knúturs Shows liebe und was ihn so außergewöhnlich macht: dieser für ihn scheinbar mühelose Spagat zwischen emotionalen und tiefen und dann wieder einfach nur abartig lustigen Momenten. Und alles eben immer mit ganz viel Charme und Wärme. Svavar liebt was er tut und das spürt man. Freunden, die noch auf keinem seiner Konzerte waren, lässt sich das leider immer nur schwer vermitteln. Diejenigen aber, die ihn schon live gesehen haben, wissen (glaube ich jedenfalls) genau, was ich meine.

Auch heute läuft unser isländischer Troubadour wieder zu Hochform auf. Wie immer teilt er auch viel Privates mit seinen Fans, erzählt von seiner Familie, seiner Kindheit, seiner (atemberaubend schönen) Heimat und seiner großen Leidenschaft für Alzheimer-Patienten zu singen. Sichtlich gerührt ist er dabei und auch ich bekomme eine Gänsehaut, als er uns daran teilhaben lässt, wie wunderschön es ist, diese Menschen aus ihrer Isolation zurück ins Leben zu holen, sei es auch nur für den Moment. Kurz darauf habe ich aber schon wieder Tränen in den Augen vom Lachen, als er begeistert erzählt, dass sich seine Lieblingspatientin immer an ihn ranschmeißt: „Then she feels like a 20-year-old again and she wants to f*** that singer.“ Großartig.

Svavar

Foto: X-tof Hoyer

Natürlich sind auch seine Songs wieder wunderschön. Neben Klassikern wie „Baby would you marry me?“, oder „Girl from Vancouver“ spielt er auch ein paar Stücke seines neuen Albums, das voraussichtlich im Herbst erscheinen wird. Das Galao ist entzückt und hängt voll und ganz im Charme-Schwitzkasten des Isländers. Die Stimmung ist bestens und auch das Bier schmeckt (übrigens nicht nur uns, denn Svavar lässt es sich nicht nehmen eines von vielen unter dem Jubel seiner Fans auch mal kurz wegzuexen).

Ein wenig nervig ist nur der auf Wolke 7 hängengebliebene Galao-Gast, der sich mit einem Besen bewaffnet auf die Bühne schwingt, um lauthals mehr Rock’n’Roll zu fordern. Da ist er hier falsch, blickt er aber nicht mehr. Und so rockt er auf seiner imaginären Gitarre und schwenkt den Besenstil gefühlte 3 Millimeter vor den Gesichtern verdutzter Gäste herum, die leicht besorgt ihre Köpfe aus der Schusslinie nehmen, bevor Schlimmeres passiert. Svavar wäre aber nicht Svavar, wenn er nicht auch diese Situation mit Bravour meistern würde. Und so sitzt der Besenschwinger eine Umarmung und ein Freibier später halbwegs ruhig auf einer Kiste und lässt die Show ungestört in die letzte Runde mit Zugaben gehen.

Waren es zwei Stunden? Oder zweieinhalb? Es war lang, aber wie immer zu kurz.
Im Anschluss erleichtert Svavar noch ein wenig sein Reisegepäck indem er einige seiner CDs an den Mann oder die Frau bringt, plaudert mit Fans und Freunden und trinkt noch das ein oder andere Bier. Echt jetzt, wer ihn noch nie live gesehen hat, muss das unbedingt mal nachholen. Takk kærlega Svavar!

Svavar

Foto: X-tof Hoyer

Ein Gedanke zu „SVAVAR KNÚTUR, 20 Uhr, 29.04.2015, Café Galao, Stuttgart

  • 1. Mai 2015 um 08:57
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    Ja, Mann! Du bist der Svavar-Flüsterer. Besser hätte man den Abend nicht beschreiben können. Auch immer ein Highlight: Svavars Begeisterung für deutsche Worte, die er genüsslich zerkaut. „Waldeinsamkeit“, „Weltschmerz“ (die heimliche Zutat im deutschen Bier), „zauberhaft“. Als er dann angesichts des Nervbolzens, der die Bühne geentert hat (und der mir die zweite Hälfte des Gigs fast verhagelt hätte) das Word „Fremdschämen“ auspackt, hätte ich mich fast weggeschmissen. Auch diese Situation hat mit seinem genialen Humor gerettet. Und am 29. November sehen wir uns dann alle wieder zum Absingen isländischer Weihnachtslieder.

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