LESLIE CLIO, 25.10.2013, Wagenhallen, BERND BEGEMANN, 25.10.2013, Merlin, Stuttgart

Leslie Clio, 25.10.2013, Wagenhallen, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

20:00 Uhr: LESLIE CLIO, Wagenhallen

Was haben wir uns Anfang des Jahres gefreut, schon ganz früh Tickets für den Gig von Leslie Clio im Keller Klub erworben zu haben. Denn kaum hatten wir die Karten im Haus, ging der Hype um die Hamburgerin los. Fernseh-Features, Heavy Rotation in allen Radiostationen, selbst die Kids konnten „Told You So“ schon mitsingen. Natürlich war die Tour ausverkauft, und wir freuten uns diebisch, dass ausgerechnet in Stuttgart der viel zu kleine Keller Klub gebucht war. Zu früh gefreut: ausgerechnet dieser Gig wurde aus Krankheitsgründen abgesagt und umgehend mit einem neuen Termin in den viel größeren Wagenhallen angekündigt. Honi soit qui mal y pense.

Inzwischen haben wir das wirklich überzeugende Debut „Gladys“ schon viel zu häufig gehört, im Radio spielt man Leslie Clio nur noch dreimal am Tag und die Berichte von den Festival-Auftritten des Sommers waren nun auch nicht gerade euphorisch. Unsere Erwartungen an das Konzert in den Wagenhallen sind entsprechend gedämpft.


Chefket, 25.10.2013, Wagenhallen, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Als wir um acht noch in der imposanten Schlange vor den Wagenhallen stehen, beginnt drinnen der Rapper Chefket mit dem Vorprogramm. Endlich in der Halle angekommen, sehen wir einen großen leeren Kreis inmitten des Publikums und jeder Tänzer, der sich in die Mitte traut, wird begeistert bejubelt. Als sich dann sogar Leslie Clio dort hinein wagt, steigt die ohnehin recht gute Stimmung noch mehr und wir freuen uns, vielleicht doch eine Konzert-Überraschung zu erleben. Ein wirklich gelungenes Warm-Up.

Punkt neun beginnt die Band mit einem Instrumental-Intro. Der Laden ist voll, die Bühne dezent farbig ausgeleuchtet und Leslie Clio beginnt ganz unprätentiös. Nach drei Titeln wendet sie sich zum ersten Mal mit ein paar knappen Worten ans Publikum. Und wir staunen: irgendwie wirkt das ein wenig unbeholfen. Ist Leslie Clio schüchtern? Einfach nur hanseatisch kühl? Oder etwa arrogant? Richtig warm wird man hier wohl nicht miteinander. Der Applaus ist höflich, aber Begeisterung sieht anders aus. An Band, Sound und Licht kann’s nicht liegen. Das ist alles sehr solide und professionell. Erst als nach etwa zwanzig Minuten der Hit „Told You So“ ertönt, kommt ein wenig Bewegung in den Laden. Klar, das ist jetzt auch nicht unbedingt Musik zum kompletten Ausrasten, aber ein wenig mehr Begeisterung würde man sich auf und vor der Bühne schon wünschen. So plätschert der Abend dahin, das Album wird komplett gespielt und eigentlich warten alle nur auf „I Couldn’t Care Less“.

Leslie Clio, 25.10.2013, Wagenhallen, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Und das ist vermutlich auch das Problem an Gigs wie diesem: Menschen, die sonst kaum oder nie auf Konzerte gehen, treffen auf eine Band, die ein, zwei Hits hingelegt hat, es live aber nicht wuppt. Und die die Erwartung, dies möge genauso klingen wie das Album und man möge doch bitte endlich die Hits spielen, nicht erfüllen kann und will. Da wundert es nicht, dass Leslie Clio trotz ihrer kräftigen und schön variablen Stimme den ein oder anderen Ton nicht trifft. Und wenn sie auch tapfer die Girls in der ersten Reihe mit einer High Five abklatscht und ein paar freundliche Abschiedsworte an die Stuttgarter richtet, man wird das Gefühl nicht los, dass sie an diesem Abend keinen wirklichen Spaß hatte. Und, um ehrlich zu sein, uns ging’s genau so.

Um Viertel nach zehn stehen wir vor der Halle (auch hier verbreitet sich die Unsitte, das Publikum unmittelbar nach Konzertende höflich aber bestimmt vor die Tür zu setzen), und wir beschließen spontan, dass unser Musik-Hunger noch nicht gestillt wurde. Aber es gibt ja noch einen Hanseaten, der heute in Stuttgart spielt und bei dem es immer ausreichend Nachschlag gibt: also ab zu Bernd Begemann ins Merlin!

Bernd Begemann, 25.10.2013, Wagenhallen, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

23:00 Uhr: BERND BEGEMANN, Merlin

„Unten am Fluss, unten am Hafen, wo die großen Schiffe schlafen…“ Der ganze Laden singt inbrünstig den Refrain, als wir das gut gefüllte Merlin betreten. Was für ein Kontrast zum eben gesehenen! Jaja, das gehe sicher noch eine Weile, lassen wir uns versichern. Bernd Begemann habe gerade erst – es ist 23 Uhr! – mit der zweiten Konzerthälfte begonnen.

Sein rosa Hemd (zur obligatorisch beigen Anzugshose) ist total durchgeschwitzt, und wir merken gleich: dies liegt nicht nur an der gewohnt exzessiven Live-Darbietung, der Künstler kränkelt. Nach einem Hustenanfall nimmt er erstmal ein derben Schluck aus der bereitstehenden Hustensaftflasche, bevor er eine Improvisation über die tödliche Wirkung des Kodein einbaut. Mit seiner Mischung aus virtuos-schrägem Gitarrenspiel, urkomischen Rockstar-Posen und einem Gesangsvortrag der mühelos zwischen brüllendem Rock (gerne auch mal fernab vom Mikro direkt in den Saal) und unverständlichem Genuschel changiert, ist Begemann der Entertainer schlechthin. Er hat das Publikum im Griff, ist schlagfertig und spontan. In der Ecke liegt seine berüchtigte Setlist mit gefühlten 150 Titeln, die er aber nur selten – quasi als Gedankenstütze – braucht. Er verlässt sich lieber auf die Zurufe des Publikums und spontane Eingebungen. „Judith, mach deinen Abschluss“ begeistert die anwesenden Pädagogen (vermutlich einige), der „Sicher ist Sicher“-Refrain kommt punktgenau und laut aus der Runde. Begemann reicht das aber nicht und er mäkelt, ob dies denn schon alles sei. Als sich das Publikum dann in der nächsten Strophe noch mehr ins Zeug legt, meint er, das sei jetzt zwar besser, aber wir sollen doch bitte den ironischen Unterton weglassen. Und so treibt man sich mit kleinen Neckereien gegenseitig zu immer neuen Höchstleistungen. Selbst einen alkoholschwer-derben Zwischenruf aus der letzten Reihe  pariert der Hamburger mit Bravour und hat die Lacher auf seiner Seite.

Bernd Begemann, 25.10.2013, Wagenhallen, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Keine Ahnung, was er in der ersten Hälfte des Sets zum Besten gegeben hat, aber die zweite Halbzeit ist voller altbekannter Mitsing-Klassiker wie „Du  bist mein Niveau“, „Zweimal zweite Wahl“ oder auch „Gut im Bett (nirgendwo sonst)“. Übrigens könne er nur zwei Arten von Liedern, Liebeslieder und kommunistische Kampflieder. Obwohl: vor den Schlurchis von der DKP wolle er nicht singen, nicht so wie Konstantin Wecker, dessen Buch übrigens furchtbar sei. Und ja: er sei eher der dynamische Singer-Songwriter. Kleine Publikumsspielchen halten zudem die Laune hoch: „Wer weiß, wie der kleine Bruder von Bibi Blocksberg heißt, gewinnt eine CD“…

Bernd Begemann, 25.10.2013, Wagenhallen, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Als ihm eine besorgte Zuschauerin einen Kamillentee reicht, findet er dies reichlich udo-jürgens-mäßig. Prompt stimmt er „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ an, ist dann aber wieder mit dem Refrain-Chor der Zuschauerinnen nicht  zufrieden. Ob ihnen dieses „blond“ zu arisch sei? Die nächste Strophe handelt prompt von der blonden Arierin, deren Gebärfreude zum Wohle des Volkes sei. So kippt das Witzige ins Absurde und das Lachen bleibt im Halse stecken. Bis kurz vor halbeins geht es so weiter, den letzten Titel der Zugabe singt er zu seinem iPod, bricht dann mittendrin ab, lässt das Gerät weiterdudeln, marschiert von der Bühne und macht sich zum CD-Verkauf. Eine One-Man-Show, wie es (außer bei Svavar Knutur natürlich) wohl keine weitere gibt.

Die gewonnene CD bekommt meine Begleiterin übrigens auch noch ausgehändigt. Mit persönlicher Widmung von Bernd „Boris“ Begemann. (womit wir nun alle den Vornamen von Bibi Blocksbergs Bruder kennen)

 

Leslie Clio

 

Chefket

 

Bernd Begemann

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.