THE CHAP, 26.03.2012, Schocken, Stuttgart

The Chap, Maerz 2012, Schocken, Stuttgart

Foto: Michael Weiß

Die Gründe, scheiße drauf zu sein, können ja mannigfaltiger Natur sein. Am einfachsten natürlich, wenn man irgendeinen Unfug erlebt hat, der für schlechte Laune sorgt. Aber das Gegenteil geht natürlich auch, und zwar, wenn man etwas unfassbar Tolles erlebt hat, lies La Casa Azul in Madrid, und die schnöde Realität namens Alltag einen wieder in ihren öden Würgegriff nimmt. Die Laune wird nicht besser, wenn man Montagabends durch Stuttgarts semiverwaiste Straßen ins leider fast komplett verwaiste Schocken läuft. Ich stand doch erst vor kurzem inmitten von tausend euphorisiert singenden Spaniern und hier fehlen jetzt  eigentlich nur noch paar trostlos durch die Innenstadt wehende Strauchballen. Wie soll das gut gehen heute Abend?

The Chap kennen ein Antidot: musikalischer Wahnsinn, dessen bildliche Entsprechung in den Mimiken des barfuss trommelnden Keith Duncan zu finden ist. Besessener finnischer Holzfäller, der schon lange nicht mehr alle seine Rosinen beisammen hat, könnte als bildliche Beschreibung weiterhelfen. Aber auch Bassist/Gitarrist Panos Ghikas in der hotten Ellesse-Buchse und Gitarrist Johannes von Weizsäcker geben sich alle Mühe, um nicht als voll zurechnungsfähig eingestuft zu werden. Singen tun sie irgendwie alle, gerne auch mal dreistimmig.

Ja, und was für Musik spielen die denn so? Ja, keine Ahnung! Experimentellen Hochenergie-Pop mit oft sehr eingängigen Melodien, dann wieder brutal lauten Rockparts, plus Stellen der totalen Dekonstruktion mit Noisemomenten…wie soll ich denn das bitte sauber in eine Schublade packen? Auf jeden Fall ist es sehr spannend, das Ganze zu beobachten. Die Musiker zucken, passend zur Musik, als würden sie sekündliche Elektroschocks verpasst bekommen. Da werden die Texte gestisch unterstrichen, die ganz großen Bühnenposen ausgepackt, an der eigenen Achsel gerochen, der Drummer feilt bei einem Stück seinem Drumstick am Rand der Snare ab und begutachtet dann zufrieden sein Werk. Wie schon angedeutet, Irrsinn halt. Passend, dass drei Stücke hintereinander jeweils mit „Das nächste Lied ist ein kommerzielles Pop-Produkt und es wird euch gefallen“ angesagt werden. Gefällt uns dann auch wirklich. Ebenso wie der funky Bass bei „Ethnic Instrument“, generell das hohe musikalische Können der Band, die Idee, ein iPhone bei einem Stück als Quietschgeräusche-Erzeuger zu nutzen (was passiert eigentlich, wenn jemand just in diesem Moment anruft?), der krachige Einsatz gegen Ende von Violoncello und Geige, wobei die Bögen so dermaßen strapaziert werden, dass Klassikmusiker schreiend davon laufen würden.

The Chap, Maerz 2012, Schocken, Stuttgart

Foto: Michael Weiß

Johannes von Weizsäcker: „Jetzt kommt ein beschissenes Discolied.“
Zuschauerin: „Endlich!“

Was gab’s noch? „The Final Countdown“ wurde kurz mal angespielt, ein paar Ausflüge ins Publikum, und das vermutlich längste und schmerzhafteste Rückkopplungspfeifen ever samt Band, die in eine mehrminütige Starre verfällt. Das war definitiv das kurzweiligste, schlecht besuchte Konzert, auf dem ich je war. Ach ja, Christian B. meint noch, dass die neue Platte nach Human League klingt. Kann natürlich alles sein.

The Chap

2 Gedanken zu „THE CHAP, 26.03.2012, Schocken, Stuttgart

  • 27. März 2012 um 20:19
    Permalink

    my favourite band war 2 Tage davor in Spanien;-)
    aber ein interessanter Wahnsinn mit ner Menge musikalischem Können und viel Energie war’s allemal. Aber viel zu wenig Zuschauer…wahrscheinlich sind Indie-Hörer auch alle bei Verdi und haben gestern warngestreikt.

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