JEX THOTH, ANTS ON EARTH, 11.11.2010, Keller Klub, Stuttgart

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Fotos: Patrick Grossien

Vor dem Konzert im Stuttgarter Keller Klub kommt ein Bekannter auf mich zu, um mich zu fragen, ob ich wisse, was Proto-Doom sei. Er habe gelesen, dass Jex Thoth Proto-Doom sei. Nein, den Begriff hatte ich noch nicht gehört, aber der alte Lateiner weiß natürlich sofort, dass wir es hier mit der griechischen Vorsilbe proto- für ur- oder erst- zu tun haben. Aha, Ur-Doom Metal also. Naja, wenn man noch eine Stilbezeichnung will … Dabei ist das Etikett hier mit Sicherheit falsch angewandt. Die frühesten Vertreter einer Musikrichtung wird man ja nicht gerade bei einer Band suchen, deren Debut-Album 2007 erschienen ist, während andere sich in diesem Feld bereits fast 50 Jahre früher tummelten. Hier sind einmal mehr Black Sabbath, Pentagram, Coven und Konsorten zu nennen. In der Tat beziehen sich Jex Thoth darauf stilistisch zurück. Sie sind retro. Ein wenig Surfen im Internet bringt für so etwas dann auch die korrekte – und ebenso überflüssige – Genrebezeichnung ans Licht: New Weird America. So heißt das! Aber ist ja jetzt auch egal.

Als eindeutig Stoner Rock können wir jedenfalls die Stuttgarter Ants on Earth bezeichnen. Ja, das rockt, und ich hätte mir gewünscht, Gates of Slumber, die – eigens aus den USA angereist – am Montag für Cathedral eröffneten, würden sich hier mal eine Scheibe abschneiden, denn Ants on Earth bieten griffige Stücke mit abwechslungsreichen, von Sänger Fabio Costa Miranda meist bis ihm die Adern am Hals schwellen geschrienen aber zuweilen auch hübsch klar gesungenen Vocals. Die meisten Stücke basieren auf dicken Riffs, aber einzelne sind auch um eine Lead-Melodie herum arrangiert. Gut, hier wird eigentlich nirgends ein neues Rad an den Mustang geschraubt, aber die Band ist allemal solide aufgestellt. Nur an ihrem etwas biederen Erscheinungsbild sollte sie vielleicht noch arbeiten. Letztlich kann mal wohl feststellen, dass es eine ganze Reihe Bands gibt, die schlechter sind als Ants on Earth, die aber einen Plattenvertrag haben – und diese hier sind noch unsigned.

Danach kommt die okkulte Jex Thoth, mit bürgerlichem Namen wohl Jessica Bowen, welche der Veranstalter wohlweislich als „Hammer-Frontfrau“ angekündigt hat. Ja, das ist sie in jeder Hinsicht: angefangen bei Ihrer unglaublichen Stimme über ihr betörendes Äußeres bis hin zu der Tatsache, dass sie – wie ich von Hörensagen weiß – sehr nett zu den Fans ist, die sie stets wie Fliegen eine Kerze umkreisen. Auf der Bühne ist sie aber in einer entrückten Sphäre, in welcher es nur ihre Musik und ihre ritualisierten Handlungen gibt. So zündet sie zu Beginn des Konzertes wie schon auf der Festival-Tour im Frühjahr Kerzen an, die sie am Ende löscht, von denen sie aber auch einzelne anzündet und seltsamerweise sofort löscht, um sie fort zu werfen. Außerdem hantiert sie mit Räucherwerk, Sandelholz vermutlich, das sie brennend und rauchend um sich schwenkt.

Jex bricht sich, heute ganz in schwarz und wie immer mit wehendem Cape, Bahn direkt durch das Publikum hin zu ihren Bandkollegen und eröffnet mit „Nothing Left to Die“. Wie bei allen Stücke haben jene den Opener charakterisierenden Elemente etwas sehr Getragenes an sich: der langsame Rhythmus, die weichen Melodien und natürlich die ebenso langsamen Gesangslinien dieser unglaublich samtigen Stimme. Diese Elemente werden häufig von schnellen psychedelischen Melodien flankiert. Daraus entsteht eine dichte Atmosphäre, die vom Okkulten durchdrungen ist, diesem Anschein irgendeines arkanen Wissens, in welchem das Leitmotiv der Band besteht. Transportiert wird es mit einem vollkommen auf die 1970er ausgerichteten Vintage-Sound und mit einer Wiederbelebung des Psychedelic Rock. Man hat den Eindruck, dass hier das Gefühl einer möglichen Bewusstseinserweiterung, eines über sich Hinauswachsens des Menschen, wie es in den 70ern zu einem Massenphänomen geworden ist, noch ungetrübt ist. Und während der auf Stimulanzien basierende Weg zur Bewusstseinserweiterung von Hunter S. Thompson schon in den 1970ern als Illusion entlarvt wurde, scheint für Jex Thoth im Religiösen noch ein Weg zu liegen, ist sie doch auch Unterstützerin einer bizarren Psychogruppe aus dieser Zeit: der Process Church of the Final Judgement, der sie das Side-Projekt Sabbath Assembly widmet.

Ein Album, zwei EPs und eine (Split-)Single hat Jex Thoth veröffentlicht, wobei hin zur letzten Veröffentlichung, der EP „Witness“, eine deutliche Verdichtung der psychedelischen Einflüsse zu beobachten ist, die wohl mit auf den begnadeten neuen Keyboarder und diesen Keanu Reeves-Bassisten zurück gehen. Interessanterweise hat sich dieses Element nun auch auf die älteren Stücke ausgeweitet, so gewinnen diese teilweise neue Intros und die Zwischenspiele werden immer psychedelischer. Vor allem der antiquierte Organ-Sound der Vox Continental– oder der Hammond-Orgel, der bei Bands wie etwa The Doors standardmäßig eingesetzt wurde, ist herrlich. Geboten werden uns die wichtigsten Stücke vom selbstbetitelten Album wie „Son of Yule“, „Seperated at Birth“ oder „When the Raven Calls“, die ganze Debüt-EP „Totem“ und „Slow Rewind“ von „Witness“. Jex Thoth bleibt dabei fast während des gesamten Konzertes in ihrem eigenen seltsamen Kosmos – macht aber anders als auf den Festivals im Frühjahr immerhin zwei Ansagen, und sei es nur um den letzten Song anzukündigen und sich zu bedanken, bevor sie von der Bühne geht.

Und mit „Warrior Woman“ endet schließlich nach ungefähr 70 Minuten eine phantastisch okkulte Show mit dieser tatsächlich in jeder Hinsicht so zu nennenden Hammer-Frontfrau, von der unser Photograph währenddessen immerhin 1.200 Photos macht.

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Fotos: Patrick Grossien

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