SVAVAR KNÚTUR, 13.04.2013, Café Galao, Stuttgart

Svavar Knutur

Foto: Steffen Schmid

Sind Isländer in der Stadt, rückt der Gig-Blog normalerweise in Mannschaftstärke an. Da heute aber gar unser Lieblingsbarde Svavar Knútur im Café Galao aufspielt, um die Herzen und Zwerchfelle seiner Fans voll und ganz durchzurütteln, ist gefühlt der halbe Gig-Blog anwesend. Was mich von den meisten anderen Bloggern unterscheidet, ist, dass ich sicherheitshalber schon zwei Stunden vor Konzertbeginn da war, um einen richtig guten Sitzplatz zu ergattern. Denn schon beim letzten Mal war das saugemütliche Galao rappelvoll. Kann man ja noch einen Tee trinken und was futtern. Und siehe da, gar keine schlechte Idee, die ich da hatte. Denn so ca. ab 19.30 Uhr wird es wieder brechend voll. Der Laden ist bis auf den letzten Platz besetzt und Galao-Betreiber Reiner beginnt Stühle und Holzbänke dazwischen zu quetschen, wo es nur geht. Jetzt wird es kuschlig. Sogar auf der kleinen Bühne beziehen Leute rund ums Mikro Stellung. Später wird der Svavar deswegen ein schlechtes Gewissen bekommen: „All these beautiful people can only see my ass.“ Gibt Schlimmeres, denn einige Gig-Blogger müssen sogar von draußen durch die Fenster reinspechten. Mir jetzt aber egal, ich hab schließlich die Pole Position. Lange Nase!

Der erste wohlige Schauer überkommt mich, als Svavar, der zottelige Isländer, das Galao betritt. Der zweite wohlige Schauer dann bei seinem Soundcheck. Svavar covert Nancy Sinatras „Bang Bang“ und das, wie alles was er macht, mit ganz viel Gefühl. Doch bevor es losgeht, zischt er eben noch schnell ein oder zwei Bierchen an der Bar und aktualisiert seinen Facebook-Status. Das Bild vom vollgepackten Galao ziert sein Kommentar: „Loving this night to pieces already!“. Da geht es ihm genau wie mir. So gegen 20.30 Uhr geht die One-Man-Show dann in die erste Runde. Ab jetzt jagt ein wohliger Schauer den nächsten. Welcher Song der Opener war? Ich weiß es nicht mehr. Egal, schön ist er sowieso und wie immer hat der sympathische Isländer den Laden von Anfang an voll in seinem Bann. Leuchtende Augen sind auf die Bühne gerichtet, während Svavar mal auf isländisch, mal auf englisch und mal auf französisch über das Meer singt, dass mich selbst fast die Sehnsucht überkommt auf einem Krabbenkutter anzuheuern und der Natur auf hoher See zu trotzen. Er erzählt viel Privates heute Abend. Von der alkoholkranken Tante, die er sehr liebt. Von den Macken seiner Mutter. Oder von der Beziehung zu seiner besten Freundin, seiner pubertierenden Tochter. Sichtlich stolz präsentiert er sein kleines Anker-Tattoo auf dem Unterarm, das er sich gemeinsam mit ihr stechen lassen hat. So richtig begeistert war er anfangs nicht, weil er noch nie ein großer Tattoo-Freund war. Bislang wollte er sich höchstens ein großes W auf jede Arschbacke tätowieren lassen. Weil das dann unter der Dusche beim nach der Seife bücken ganz lustig „WoW“ heißen würde. Gecheckt? Dauert bissle, gell? Bei mir auch. Als es dann aber soweit ist, breche ich in schallendes Gelächter aus. Die meisten anderen übrigens auch. Svavar ist glücklich, dass wir in Stuttgart seinen Humor verstehen. Ist scheinbar nicht überall so. Verstehen? Spinnt der? Ich verstehe ihn nicht nur, ich liebe ihn! So morbide und derb und überhaupt nicht politisch korrekt. Beispielsweise gesteht er englische Touristen zu hassen, weil die immer so laut sind. Glück gehabt, dass er noch nicht an die falschen deutschen Touristen geraten ist, denke ich so bei mir.

Zwischendrin schickt er zwei Bücher auf die Reise durchs Pulikum. Eines zum Email eintragen zwecks seiner Mailingliste und eines mit echt kranken Cartoons. Hugleikur Dagsson heisst das nicht minder kranke Hirn, das sich das ausgedacht hat. Es geht um Mord, Kannibalismus und Schlimmeres. Da darf man echt nicht lachen drüber. Ich lache mich halb schlapp. Wir werden aufgefordert Widmungen rein zuschreiben und Penisse zu malen. Klar, gern. Es folgt ein Glas für den Unkostenbeitrag, denn eigentlich ist das Konzert für umme. Ich bin kurz davor anzufangen zu beten, dass auch ordentlich was rumkommt für ihn. Würde am liebsten kontrollieren ob irgendwer nur Kleingeld reinschmeißt. Und dann draußen auf denjenigen warten. Scheinen aber alle Scheine auszupacken.

Svavar schafft wie immer gekonnt den Spagat zwischen Melancholie und Komik. Einerseits singt er mal mit Gitarre und mal mit Ukulele bewaffnet mit so viel Seele und Inbrunst, dass man einfach nur dahin schmilzt.  Andererseits treiben einem die Ansagen zwischen den Songs immer wieder vor Lachen die Tränen in die Augen. Er erzählt beispielsweise davon, wie miserabel er den Film „Armageddon“ mit Bruce Willis findet, weil die Erde nicht wirklich untergeht und führt sein alternatives Ende bis ins kleinste Detail aus. Nur die zwölf Männer im Spaceshuttle überleben (Gratulation liebe NASA, ohne Frau war’s dann wohl mit der Menschheit) und alles endet in einer einzigen Onanier- und Spermaorgie. Ich schaue umher und suche pikierte oder entsetzte Gesichter, finde aber keine. Vor allem in diesen Momenten erinnert mich der etwas moppelige und zauselige Svavar an Jack Black, aber an den guten längst vergangener Tage.

Songs wie „Baby would you marry me?“, „Clementine“ oder das wunderschöne „While the world burns“ höre ich am liebsten. Aber auch seine isländischen Songs kommen bei mir und im Galao gut an. Weil man, obwohl man kein Wort versteht, das Gefühl hat, die Hoffnung und die Trauer zu spüren, die Svavar Knútur reingepackt hat. Man glaubt förmlich die Seeluft Islands zu riechen und die schneebedeckten Berge sehen zu können. Oft gibt es einen kleinen Mitsingpart, der dann durch das komplette Galao schallt. In der ersten Reihe sitzt einer verträumt mit geschlossenen Augen und auch eine Dame hinter der Bühne schwenkt ihr Rotweinglas mit geschlossenen Augen hin und her während sie mitsummt. Überall verzückte oder zumindest schwer amüsierte Gesichter. Das hier heute ist irgendwie mehr als nur ein Konzert. Das geht’s ans Herz. Das ist ganz groß.

Svavar fühlt sich sichtlich wohl und bekennt, dass Konzerte in Stuttgart für ihn ein bisschen wie Heimspiele sind. Und dass er sehr dankbar ist, dass er für uns spielen darf. Sagen viele, ihm glaube ich’s. Und dann… dammdammdammdamm… tatsächlich… der Gig-Blog wird auf der Bühne zum ersten Mal namentlich erwähnt. Es sei denn ich habe irgendwann etwas verpasst: „I want to thank the guys from Gig-Blog, because they alway write so positively about me.“ Gern geschehen Svavar, sehr gern sogar. Ehre wem Ehre gebührt!

Und die hat er sich wirklich verdient. Auf Zuruf aus dem Publikum spielt er noch einen isländischen Song, der von einem Jungen handelt, der auf wem Weg zu seiner Angebeteten von einem Zombie gebissen wird. Als sie ihm die Tür öffnet, schwankt er irgendwo zwischen ihr seine Liebe gestehen und ihr Hirn essen wollen. Ich versteh wieder kein Wort, aber irgendwie merkt man an Svavars Stimme immer worum es gerade geht. Wie der abgeht. Als letzter Song steht das Badass-Cover von Leonard Cohens „Hallelujah“ auf dem Programm. Mit elvisgleicher Stimme schmettert Svavar durchs Galao, so dass nochmal alle mitsingen. Pantomimisch stellt er dabei dar wie The King  Außerirdische vespert. Und dann ist es nach etwa zwei Stunden vorbei. Verdammt. Svavar bleibt aber noch und signiert seine neue CD, die er im Gepäck hat. Auf Facebook wird er zwei Tage später posten: „Hey Stuttgart! Thanks so much for Saturday night! It was one of the sweetest nights of my life.“ Und wieder glaube ich ihm das blind.

Und jedem der die etwas andere Art von Humor hat und wunderschön melancholische Songs mag, oder auch nur eines von beidem, kann ich nur empfehlen: Schaut euch Svavar Knútur an! Denn das heute war wieder ein Abend für die Gig-Blog-Geschichtsbücher. Da Svavar dem Galao-Reiner versprochen hat,  in Stuttgart nirgendwo anders zu spielen, sollte er nächstes Mal vielleicht gleich zwei Abende buchen. Ich bleib dann auch gleich das ganze Wochenende da.

3 Gedanken zu „SVAVAR KNÚTUR, 13.04.2013, Café Galao, Stuttgart

  • 15. April 2013 um 23:46
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    Genau so war’s und nicht anders! Und wieder mal ein Aspirant für den Gig des Jahres.

  • 16. April 2013 um 17:09
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    …ich könnt heulen, dass ich’s verpasst hab. arbeitsklausurtagung das ganze wochenende…hätt ich mich aufmachen sollen nach tübingen, wo er gestern abend nochmal gesungen hat? es wär nicht das gleiche gewesen…nicht im heimeligen rahmen des großen gig-blog-familientreffens … ich verdrück jetzt noch ein tränchen fürs nicht dabei sein und versprech hoch und heilig, dass auch ich das ganze wochenende bleib, wenn’s mal soweit kommt. svavar forever !!

  • 17. April 2013 um 10:58
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    Hugleikur Dagsson ist ganz groß! Hab isch 2 Bücher von und nen Kalender!

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