KYLESA, OKKULTOKRATI, PLANKS, LIGHT BEARER, 19.02.2011, Jugendhaus West, Stuttgart

Foto (cc): Mr Guep (David Gallard)

Dass Metal – oder Rock Musik im Allgemeinen – krank machen soll, wurde ja schon vielfach behauptet. Sieht man sich ein wenig um, findet man auch gleich eine ganze Reihe dementsprechender Horror-Meldungen: Zunächst steigert die Musik den Blutdruck (was sie allerdings mit Beethoven gemeinsam hat), dann droht ein Lungenriss (was auch durch andere laute Musik ausgelöst werden kann), und schließlich droht für Headbanger noch ein Schädel-Hirn-Trauma (wie man sich beim Sport auch Tennisarm oder Bänderriss zuziehen kann). Nicht zu verachten ist auch die Gefahr einer deftigen Tröpfcheninfektion. Und das geht so:

Macht man sich Samstagabends auf den Weg zu einem Konzert, stellen sich immer wieder folgende Fragen: Gehe ich zu Fuß, oder fahre ich mit dem Auto? Zu Fuß birgt erhebliche Erkältungsgefahr, also: Auto. Nehme ich dann die Jacke mit in den Club oder lasse ich sie für die paar Meter im Wagen? Auch hier herrscht grimmige Erkältungsgefahr, aber man ist ja auch bequem und will drin nicht die ganze Zeit die Jacke rum schleppen, wegen der paar Meter … Schon bei Light Bearer, den Nachkommen der hochgelobten Fall of Efrafa, stellt man dann gleich fest, dass es im Jugendhaus West so heiß ist, dass man ohne Jacke besser dran ist. Leider erwischen wir nur noch die letzten Töne der Band, deren vertrackte Rhythmen Lust auf mehr machen.

Das ist ganz anders als bei Planks, die ihre Sludge-Variante, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe, um extrem schnelle, flächige Akkordfolgen und Blastbeats angereichert haben, während sie ansonsten weiterhin auf groovende Midtempo-Riffs, einige bluesige Elemente und Hard Core-Gesang bauen. Die Band in klassischer Dreierbesetzung bietet eine ganze Menge Elemente, aus denen wirklich gute Konkurrenten Hervorragendes zusammensetzen. Leider fehlt hier das zündende Etwas, und zudem wird das Ganze recht unmotiviert präsentiert, sodass ich nach dem Gig von vielen höre, dass sie sich bei Planks recht gelangweilt haben. Andererseits sieht das nicht das gesamte Publikum so. Bleibt wohl festzustellen, dass Planks in ihren langsamen und groovigeren, ja jamigeren Passagen besser rüberkommen und bei diesen Leisten dann wohl auch bleiben sollten.

Foto (cc): Matthieu H.

Musikalisch bleiben wir auch mit Okkultokrati im weiten Bereich des Post-Hardcores, wenngleich sich die Liga, in der wir uns bewegen, verändert. Die Norweger sind schon beim Soundcheck-Gedudel besser als Planks und lassen, legen sie erst mal los, nichts anbrennen. Hier walten rohe Kräfte äußerst sinnvoll! Die Gitarren sind gröbst verzerrt, dass es einem durch und durch geht. Sänger Black Qvisling (äußerst problematisches Pseudonym, mit dem es schon der ebenso problematische Varg Vikernes probiert hat) schneidet sich stimmlich die Seele aus dem Leib, und auch der Rest der Band geht ab, als ob nicht ihre Seiten oder Felle, sondern sie selbst in Schwingung versetzt würden. So drischt Schlagzeuger Verminscum bei jedem zweiten Schlag von hinter dem Kopf ausholend drauf los, und Basser Le Ghast tanzt den Veitstanz.

Hier ist alles volle Pulle. Dass die Jungs da auf der Bühne aussehen, als bräuchten sie alle mal ‘ne Dusche, erscheint wie die konsequente Fortsetzung der Musik mit anderen Mitteln. Das Publikum wirkt teilweise völlig überfordert – jedenfalls braucht es viel länger, ihm hier eine positive Reaktion abzuringen, als bei den Vorgängern, dabei haben Okkultokrati etwas von der Urgewalt Electric Wizards inklusive des okkulten 70er Jahre-Horrorfilm-Feelings. Selbst wenn man die Musik nicht hätte, wäre allerdings Le Ghast schon Show genug. Er bietet eigentlich alles, außer den Schaum vor dem Mund, auf den man die ganze Zeit wartet. Mit seinem Bass wirbelt er im Kreis oder spielt ihn auf jeder Höhe zwischen Armlänge über dem Kopf und direkt über dem Boden. Nachdem das Instrument nach dem zweiten Song kurzfristig den Geist aufgibt (vielleicht ist es ja seekrank), springt er ein erstes Mal ins Publikum, um dort weiter zu spielen, wobei er alle am Bühnenrand abgestellten Flaschen mitfegt. Tja, das ist keine Bar, Jungs. Obwohl – ich würde mir solch eine Bar mit Okkultokrati schon loben.

Die Band lässt Lücken zwischen den Songs gar nicht aufkommen. Vielmehr werden die beispielsweise durch Spiel auf den Cymbals gefüllt. Herrlich, was man aus einem einzelnen Ride-Becken herausholen kann, wenn man es kann. Dazu greint das Gitarren-Feedback, bevor der Bass wie eine Wand über uns hereinbricht. Diese basslastigen Grooves bilden jeweils das Grundgerüst der Songs, das jedoch mit allerlei Brüchen und Fills variiert wird. Vor allem der Schlagzeuger besticht in dieser Hinsicht. Am Ende springt Le Ghast ein zweites Mal ins Publikum, wobei er seinen Bass einbüßt, der von irgendjemandem aus dem Publikum weiter gespielt wird, bis die Band von der Bühne geht.

Inzwischen bin ich klitsch-nass und muss mal nach draußen gehen, um den hier drin kargen Sauerstoffvorrat auszugleichen. Das könnte sich natürlich später als ein Fehler herausstellen, ist jedoch zunächst einfach erfrischend, um fit zu sein für Kylesa. Und das muss man auch, denn der Band, die uns hier mit zwei Drums, zwei Gitarren, zwei Vokalisten und einem Basser, der zugleich die Keyboards bedient, aufwartet, eilt ein großer Ruf voraus. Das Set beginnt verträumt mit schwebenden Tönen der Gitarren und den synchron spielenden Drums. In den nun folgenden Sludge-Songs wird mit schweren Riffs operiert, bei denen ganz klar der rhythmische Aspekt im Vordergrund steht. Bei den beiden Schlagzeugen ja kein Wunder, zumal nicht, wenn man bedenkt, dass Sänger Phillip Cope teilweise seine Rolle als Gitarrist ebenfalls mit der als Perkussionist vertauscht. Die Rhythmen können dabei natürlich um einiges vertrackter aufgebaut werden, als dies mit weniger schlagenden Händen der Fall wäre. Dazwischen werden immer wieder Passagen eingebaut, die – aus Melodien aufgebaut – einen eher schwebenden Charakter haben.

Gesanglich werden dazu alle möglichen Kombinationen herangezogen, welche sich aus den zwei Vokalisten ergeben: Sängerin Laura Pleasants schreit oder singt klar, wobei sie ihre Stimme dennoch zumeist sehr presst, oder ihre Stimme öffnet sich und nimmt einen warmen Klang an. Cope wechselt ebenfalls zwischen Schreien und einem meist eher sehr rhythmischen, gepressten Gesang. Mit ihren überwiegend im Uptempo-Bereich liegenden Stücken heizen die Amerikaner dem Publikum mächtig ein. Vorne ist es sehr gedrängt, so sehr, dass man bei der hier sehr niedrigen Bühne schon nach wenigen Metern eigentlich nichts mehr sieht. Darauf kann man eigentlich nur reagieren, indem man voll mitgeht, was ganz schön schweißtreibend ist. Egal: Der Druck und die akustische Aggression, die von der Bühne kommen, werden vom Publikum jedenfalls begeistert aufgenommen. Immerhin saust einem hier anders als bei einem Death Metal-Konzert nicht die ganze Zeit der komplette Flohbasar um die Ohren.

Die Band lässt nur wenige Momente der Ruhe aufkommen. Zwischen den wuchtigen, geradlinigen und in sofern leicht nachvollziehbaren Riffs habe ich manchmal das Gefühl, es hier bei aller Härte eigentlich mit Pop Musik zu tun zu haben, oder mit Kim Wilde goes Hard Core. Gepogt wird vor und auf der Bühne, bevor sich Laura während des letzen Songs auf das Publikum legt und weiter ihre Gitarre spielt. Als Zugabe bekommen wir dann noch ein riesiges Drum-Duett und eine herrliche Version von „Set the Controls for the Heart of the Sun“, bevor das Konzert im Feedback-Gewitter endet.

Das hatte es in sich. Dementsprechend gibt es vor der Türe mit Freunden auch noch viel auszutauschen. Mitgegangen, mitgefangen. Kann sein, dass es etwas kalt war. Kann auch sein, dass es an dem Tölpel lag, der sich später, um nicht seine Gesprächspartner anzuniesen, zur Seite dreht und dahin niest – wo eben ich stehe –, statt sich die Hand vor den Mund zu halten. Jedenfalls lag ich dann erst mal drei Tage flach, bevor ich wieder wusste, wie herum man die Hände auf die Tastatur legen muss, um das hier zu schreiben. Kann also sein, dass Metal krank macht. Kann aber auch sein, dass einem das überall hätte passieren können.

2 Gedanken zu „KYLESA, OKKULTOKRATI, PLANKS, LIGHT BEARER, 19.02.2011, Jugendhaus West, Stuttgart

  • 25. Februar 2011 um 19:26
    Permalink

    Ich wollte mal ein Lob auf diese fantastischen Metalberichte abgeben.
    Ich bin jedes mal begeistert, wenn ich auf Grund einer dieser Zusammenfassungen wieder Geld gegen CD tauschen muss. Mir selbst wären da doch einige Bands durch die Lappen gegangen.

    Danke vielmals!

  • 26. Februar 2011 um 13:22
    Permalink

    Light Bearer ungleich Ex-FOE Light Bearer!

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