FISCHER-Z, 25.11.2017, Im Wizemann, Stuttgart

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Foto: Michael Haußmann

Meine Befürchtungen hat John Watts mit Fischer-Z schon nach wenigen Minuten zerstreut: Nein, heute im Wizemann erlebe ich nicht eine weitere Selbst-Demontage eines meiner Jugendhelden. Mit John Watts steht hier ein Musiker auf der Bühne, der auch nach vierzig Jahren Studio und Bühne nichts von seiner Energie verloren hat. Dabei ist die Angst, enttäuscht zu werden, wahrlich nicht unbegründet: Zu Beginn des Jahres haben UB40 an gleicher Stelle einen – wohlwollend formuliert – ärgerlichen Auftritt geliefert. Und auch Fehlfarben haben mit ihrem letzten Gig im Theaterhaus nicht überzeugt. Ganz schlimm soll es kürzlich bei Sisters of Mercy gewesen sein.

Selten ein so homogenes Publikum gesehen: Best Ager und Baby Boomer, graue Haare allerorten, Alterssegment 45 bis 55. Noch nicht mal die sonst manchmal mitgebrachten Sprösslinge sind zu sehen, ganz zu schweigen von trendbewussten Youngsters, die das Eighties Revival entdeckt haben könnten. Dabei war Fischer-Z in den Achtzigern durchaus eine Konsens-Band. Sowohl die coolen Kids (Fans von Joy Division, Fehlfarben, Echo & the Bunnymen) als auch die weniger coolen (Spandau Ballet, Kim Wilde, Yazoo, Duran Duran, Police) konnten sich auf Fischer-Z einigen. Zumindest auf ihr Meisterwerk „Red Skies Over Paradise“, eine Sammlung finster-apokalyptischer Songs im New-Wave-Gewand, die auch heute wieder beängstigend aktuell ist. (Nicht das erste Mal, dass wir eine erschreckende Parallele zum Zeitgeist der atomar-aufrüstenden Achtziger feststellen müssen)

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Foto: Michael Haußmann

Die große Halle ist jedenfalls bestens gefüllt und das Konzert beginnt genau so, wie es den restlichen Abend verlaufen wird: erfrischend unprätentiös. Mit Gitarrenakkorden betritt Watts die Bühne, grüßt mit „Hallo, Stuggi!“ und beginnt umgehend sein Set. Schon mit dem zweiten Song haut John Watts den ersten Hit raus. Das reggae-unterlegte „Room Service“ vom zweiten Album „Going Deaf For A Living“. (Letzteres ist übrigens nicht zu befürchten, die Lautstärke ist sehr moderat, nach meinem Geschmack sogar etwas zu gering)

Stimmlich ist Watts bestens in Form. Der stilprägende Wechsel zwischen hohen und tiefen Stimmlagen gelingt immer noch bestens, insgesamt allerdings etwas tiefer als in den Jugendjahren. Die Titel sind recht nah an den „Originalen“, wenn auch manchmal etwas komplexer phrasiert. Nur der zu häufig eingesetzte Echo-Effekt auf der Stimme ist störend. Da verlieren Songs wie das dystopische „Red Skies Over Paradise“ leider ihre lakonische Reduziertheit. Diesen Titel dichtet Watts übrigens spontan um und münzt ihn auf das  „Arsehole“ im „White House“.

Das Programm bietet eine wohlkalkulierte Mischung aus alten und neuen Songs. Von den aktuelleren sticht „Damascus Disco“ hervor, der Opener seines aktuellen Albums „Bridges“, das man durchaus als eines seiner besten seiner wechselvollen Karriere bezeichnen darf. Bei den alten Hits sieht man in nostalgisch-verklärte Gesichter, viele können textsicher mitsingen. Stimmungshöhepunkt ist natürlich „Marliese“, dessen Refrain das Publikum lautstark intoniert. Weitere Highlights sind ein improvisiertes Geburtstagsständchen für den Gitarristen sowie ein Ausflug mit der Gitarre ins Publikum.

Dass das Konzert trotz vieler guter Momente und einem absolut überzeugenden Frontmann nicht die Höchstwertung erreichen kann, liegt letztlich an der sauber und routiniert, aber leider etwas drucklos aufspielenden Band. Sowie am Sound, der zwar schön transparent ist, dem man aber etwas mehr Durchschlagskraft gewünscht hätte.

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Foto: Michael Haußmann

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