THE CURE, THE TWILIGHT SAD, 6.11.2016, Schleyerhalle, Stuttgart

The Cure

Foto: Steffen Schmid

Am Morgen danach versuche ich die Befindlichkeiten all derer, für die The Cure eine Herzensangelegenheit ist, zur Seite zu schieben und stelle fest: Diejenigen, die gestern in die ausverkaufte Schleyerhalle gepilgert sind, haben das vornehmlich aus demselben Grund gemacht, wie diejenigen bei meinem letzten Besuch in dieser unwirtlichsten aller Stuttgarter Konzert-Lokalitäten, und da spielten die Scorpions. Die Schnittmenge derjenigen, die auf beiden Konzerten waren, wird äußerst klein gewesen sein, das Motiv für den Besuch aber ähnlich: Nostalgie. Vermutlich steht The Cure wie kaum eine andere noch aktive Band für das Lebensgefühl für eine Generation in der Dekade zwischen NATO-Doppelbeschluss 1979 und dem bedeutenden Jahr 1989, die sich musikalisch nicht auf das Terrain des Glitzer- und Stadionrocks begeben wollten. Die Band kündigt an, sie würden ihr Publikum auf eine „Entdeckungsreise durch den Cure-Katalog der letzten 37 Jahre nehmen, werden Hits, Raritäten und Lieblingssongs und sogar bisher unveröffentlichtes Material präsentieren – natürlich in einer nagelneuen Bühnenproduktion, die verspricht, eine der Shows des Jahres 2016 zu werden!“.

The Twilight Sad

Foto: Steffen Schmid

Zunächst durften The Twilight Sad die vorderen drei Meter der Bühne als Vorband nutzen und kamen so zu ihrem dritten Gastspiel in der Region nach 2009 (Manufaktur Schorndorf) und 2012 (Club Schocken). Eine Entwicklung der Saalgröße, die nicht vielen Bands beschieden ist. Ich persönlich hätte diese Jungs aus Schottland sehr gerne in einem kleineren Rahmen kennengelernt. Dort hätte sich viel genauer beobachten lassen, wie intensiv Sänger James Graham in seiner Rolle des Frontmanns aufgeht und beglückt, die Arme von sich werfend Pirouetten dreht. Es hätte sich auch besser nachvollziehen lassen, wie der Gitarren- mit dem Keyboardsound bei jedem Stück um klangliche Dominanz ringen. Allein, aus der Distanz lässt sich das für mich nur erahnen. Wahrscheinlich ist es doch so, dass mit jedem zusätzlichen Quadratmeter des Veranstaltungsorts die Intensität abnimmt. Mir fehlt die Möglichkeit, mich ganz auf die Musik zu konzentrieren und der Sound lässt in meinen Ohren wenig Spielraum für Differenzierungen. Sollte The Twilight Sad zu einem vierten Mal hier aufspielen, werde ich definitiv dabei sein.

The Cure

Foto: Steffen Schmid

Der Sound wird bei The Cure besser (natürlich, möchte man da schreiben – klassische Differenz im Sound zwischen Vor- und Hauptband). Die Stimmung unter den 12 000 ist von Anfang an erwartungsfroh, mit leichter Tendenz zur Euphorie, schließlich liegt das letzte Studioalbum („4:13 Dream“) samt begleitender Tour schon acht Jahre zurück. Tasten wir uns ganz behutsam vor, der Dramaturgie des Abends entsprechend. Erste Erkenntnis: Robert Smiths Stimme klingt wie Robert Smith. Wenn auch äußerlich die Jahre nicht spurlos an ihm vorüber gegangen sind, so doch weitestgehend nicht an seiner Stimme – auch wenn er das bei einer seiner beiden Ansagen an diesem Abend etwas anders sieht: Darüber, dass er an manchen Stellen nicht mehr jede Höhe erreicht, kann ich jedenfalls hinwegsehen.

The Cure

Foto: Steffen Schmid

Getragen, fast hymnisch gestaltet sich der Auftakt mit „Plainsong“ – das Keyboard legt großzügig Flächen und dominiert anfangs die Melodie, bevor der für diese Band typische Gitarrensound bedächtig einsteigt. Es folgt „Pictures Of You“, im Original schon über acht Minuten lang, live mindestens ebenso, das fast nahtlos in das Instrumentalstück „Closedown“ übergeht. Mit diesen drei Songs ist der Abend vorgezeichnet: Böse formuliert, eine Zusammenstellung der längsten Intros aus 40 Jahren Bandgeschichte. Positiv gesagt, ein Querschnitt des breiten musikalischen Spektrums, den The Cure hervorgebracht haben. Dazu gehören nicht wenige Songs, die keine Hits wurden und die zum Teil ihre Längen haben. Dass sie genau diese ausgewählt haben – kann man das ihnen als Musiker vorwerfen? Dieser Vorwurf wird zwangsläufig laut bei einer Band, welche einen bestimmten Lebensabschnitt so vieler Menschen musikalisch geprägt hat. Jede und jeder hat ganz individuelle Bezüge zu den unterschiedlichsten Songs und somit ganz persönliche Erwartungen an einen Abend, der einen Überblick über das musikalische Schaffen verspricht. Daher ist eine Kritik an der Auswahl der Songs ein Ausdruck der eigenen Erwartungshaltung, welche nicht ausreichend zufriedengestellt wurde.

The Cure

Foto: Steffen Schmid

Aus der gesetzten Stimmung, welche durch den Auftakt vorgegeben wurde, reißt mich der vierte Song, „A Night Like This“, heraus, ein fast klassischer Rocksong. Das schon angesprochene weite Spektrum zeigt sich zum ersten Mal an diesem Abend. Der Schlagzeugsound ganz im 80er-Gewand, Gitarren und Bass deutlich im Vordergrund und weniger akzentuiert, da wird die musikalische Quelle für Bands wie The Twilight Sad deutlich: Treibendes Tempo, famos aufgetürmte Gitarrensounds und dabei immer aber ein Bewusstsein für die Melodie. In dieser Art und Weise nimmt das Konzert für die ersten 16 Songs seinen Lauf. Abwechselnd zwischen melancholischem Happy-Sound, unterstützt mit viel buntem Licht („In Between Days“) und Songs, bei denen jene herzzerreißende Untergansstimmung durchschimmert, die viele mit The Cure verbinden – ob aufgrund des drohenden atomaren Erstschlags oder dem ersten Tiefschlag in Sachen Liebe, da sind wir wieder auf der persönlichen Ebene.

The Cure

Foto: Steffen Schmid

Was man der Band vorwerfen kann, ist die Reihenfolge der ausgewählten Stücke. Es zieht sich schon sehr im mittleren Teil, ca. zwischen dem ordentlich krachenden „Want“ und dem dahinplätschernden „From The Edge Of The Deep Green Sea“. Das toll gespielte „A Forest“ lässt meine Aufmerksamkeit wieder aufblitzen. An dieser Stelle befinden wir uns schon am Ende des ersten Zugabenteils (die Setlist gibt dessen Länge mit 27 Minuten an), gefolgt von zwei weiteren Zugabenblöcken à 20 Minuten. Und so großartig diese Band ist und immer noch spielt, so erfreulich sie ohne abgespackte Rockergesten auskommt – dramaturgisch kann man dieses Konzert spannender gestalten. Zumal die letzten sechs Songs wie angeklebt wirken, nach dem Motto: Die Radiohits müssen aber bitteschön schon auch noch mit rein.

The Cure

Foto: Steffen Schmid

So ist es für mich nicht eine „der Shows des Jahres 2016“. Es ist ein solider, in Teilen spannender, in Teilen langatmiger Überblick über das Werk einer großen Band, die das Kunstwerk vollbrachte, mit Melancholie und Zweifel erfolgreich zu sein, die aber ein Problem hat, wofür sie nichts kann: Die Stimmungen und Gefühle, mit welchen das Publikum diese Musik in ihrer Zeit der Veröffentlichung hörte, lässt sich nicht in das Jahr 2016 kopieren. Es bleibt eine Projektion der individuellen Verbindungen mit diesen Songs auf einen Konzertabend, der dadurch nie so intensiv sein kann wie das Gefühl, das vor 36 Jahren bei „A Forest“ oder vor 27 Jahren bei „Lullaby“ aufkam. Trotzdem bleiben The Cure wichtig, dass das, was sie transportieren auch den späteren Generationen bekannt ist – in welcher Generation bestehen keine Zweifel und Ängste vor dem Scheitern? Vielleicht gelingt es beim nächsten Mal, die Spannungskurve konstant oben zu halten, zu wünschen wäre es. Robert Smith wird das egal sein. Er freute sich sichtlich über den enthusiastischen Schlussjubel und verabschiedete sich mit der Gewissheit eines ganz Großen seiner Zunft: „See you soon“.

The Cure

Foto: Steffen Schmid

The Cure

The Twilight Sad

6 Gedanken zu „THE CURE, THE TWILIGHT SAD, 6.11.2016, Schleyerhalle, Stuttgart

  • 7. November 2016 um 19:39
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    Chapeau! Brillianter Artikel, messerscharfe Analyse, Herr Kollege. Und ich verstehe, warum mir das Konzert nicht gefallen hat. Manchmal braucht’s halt den unverstellten Blick derer, die nicht vierzig Jahre Verklärung mitbringen. ;)

  • 7. November 2016 um 20:10
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    Verdammt, die waren schon zwei bzw. jetzt drei Mal hier? Ich ärgere mich gerade, dass ich Twilight Sad nicht bereits vor 4 Jahren kannte, sondern erst vor zwei Jahren entdeckt habe. So kann ich auch nur auf ein viertes Aufspielen hoffen.

  • 7. November 2016 um 20:23
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    triffts auf den punkt.
    danke!

  • 7. November 2016 um 20:44
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    „Es bleibt eine Projektion der individuellen Verbindungen mit diesen Songs auf einen Konzertabend, der dadurch nie so intensiv sein kann wie das Gefühl, das vor 36 Jahren bei „A Forest“ oder vor 27 Jahren bei „Lullaby“ aufkam.“

    Sehr gut! Das triff ins ins Mark.

  • 7. November 2016 um 21:42
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    Ja, das trifft es wirklich perfekt. Genau so war der Abend auch für mich. Und es haben viele sehr prägende Songs gefehlt – und das sind nicht die am Schluss gespielten Radiohits. Ich hab zuhause dann noch einiges von The Cure gehört und da hat es mich dann doch noch oder wieder berührt – 100 Mal mehr als beim Konzert. Und das hat mich zu dem Schluss gebracht, dass auch die Live-Performance der Songs nicht so überzeugend war und das Potenzial dieser wunderbaren Musik leider nicht ausgeschöpft wurde.

  • 8. November 2016 um 07:01
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    Nach der gestrigen Nacht in Frankfurt kann ich den hervorragenden Artikel fast komplett unterschreiben. Es war ein starker Abend mit dramaturgischen Schwächen in einer euphorischen Menge. Dieser Junge hat nicht geweint, Gänsehaut war aber dennoch am Start.

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