33 JAHRE MERLIN – ENNO BUNGER, SEA + AIR, GISBERT ZU KNYPHAUSEN, 22.10.2016, Merlin, Stuttgart

Konzertbericht: GISBERT ZU KNYPHAUSEN, 22.10.2016, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Als das Kulturzentrum Merlin das Licht des Stuttgarter Kessels erblickte, wusste ich weder, was Pershing-II-Raketen waren, noch der Nato-Doppelbeschluss. Meine Alternative zum Merlin war auch nicht das „Exil“ am Marienplatz, sondern wahlweise das Kinderbett oder der Kinderwagen, beides aber in einem 80er-Jahre-Look, den jede hippe Stuttgart-West-Familie heute vor Neid erblassen lassen würde. Nein, mein erstes Konzert im Merlin muss Anfang der Nullerjahre gewesen sein, die Band ist mir nicht in Erinnerung geblieben. In Erinnerung werden mir aber immer manch späteren Konzerte und vor allem diese besondere Merlin-Stimmung rund um die Veranstaltungen bleiben, welche durch die vielen wunderbaren Menschen entsteht, die – ob haupt- oder ehrenamtlich – dieses typisch vielfältige und hochklassige Programm auf die Beine stellen und für dessen Gelingen beitragen. Und so konnte es gar nicht verwundern, dass die Tage des Feierns dieses Schnapszahl-Jubiläums einige Schmankerl bereithielten.

Nach dem Marathon-Abend von Bernd Begemann & die Befreiung am Donnerstag und der musikalischen Huldigung eines Teils der hiesigen Musikszene am Freitag, stand am Samstag ein ungewöhnlicher Abend an: Enno Bunger, Sea + Air und Gisbert zu Knyphausen folgten der Einladung und gaben ein an Höhepunkten nicht armes Stelldichein in der Augustenstraße. Vor dem musikalischen Genuss kamen die Freundinnen und Freunde des gepflegten Sekt-Empfangs-Small-Talks voll auf ihre Kosten und die lokale Politprominenz sowie langjährige Unterstützer*Innen bevölkerten das mit viel Liebe zum Detail hergerichtete Café.

Konzertbericht: ENNO BUNGER, 22.10.2016, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Nachdem sich das Zuneigegehen des Sekts und die Zunahme der Gesprächslautstärke in Abhängigkeit zueinander entwickelten, konnte man doch ein wenig um eine angemessene, konzentrierte Zuhörerschaft bangen, zumal alle Künstler eher leise Töne vermuten ließen. Dementsprechend bestritt Enno Bunger seinen Teil auch komplett am hauseigenen Klavier, das eventuell schon ein paar Jahre länger seinen Dienst verrichtete als 33, jedenfalls nach den charmanten Schrammen zu urteilen. Klanglich einwandfrei schaffte es Bunger, seinen Songs damit wieder die intime Eindringlichkeit zu verschaffen, durch die ich ihn fast auf den Tag zwei Jahre zuvor bei einem Wohnzimmerkonzert zu schätzen gelernt habe. Diese erreichte er mit seiner Band beim „Heimspiel Knyphausen“ in meinen Augen nicht mehr ganz, aber im picke-packe-vollen Merlin. Und so zog er das aufmerksame Publikum in den Bann seiner Songs: Ob durch das verträumte „Neonlicht“, das unglaublich traurige „Abspann“, das politische Ausrufezeichen „Wo bleiben die Beschwerden“, bei dem er in einem spannungsgeladenen Zwischenspiel die deutsche Hymne andeutet. Beeindruckend, wie es Bunger gelingt, in 33 Minuten alle im Saal hörbar zu überzeugen, und so endet der Auftakt mit dem verzaubernden Stück „Regen“.

Konzertbericht: SEA & AIR, 22.10.2016, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Nach einer kurzen Umbaupause folgen Sea+Air. Ansonsten mit einer Vielzahl von Instrumenten auf der Bühne, beschränken sich Eleni Zafiriadou und Daniel Benjamin auf Klavier, Gitarren und einen Gong. Viel mehr ist aber auch nicht nötig, um das zentrale Element ihrer Musik in den Vordergrund zu stellen: Ihre Stimmen. Hervorragend aufeinander abgestimmt wiegen sich in den wenigen Songs, die sie spielen, ihre Stimmen harmonisch in einem Wohlklang, dass es eine wahre Freude ist. Benjamin wechselt immer wieder die Tonlage und schafft somit noch eine weitere Varianz, was zeigt, dass sie bei ihren stillen Songs sehr auf Kleinigkeiten wert legen. Zudem scheuen sie sich auch nicht vor manch vermeintlich schrägen Einfällen: z.B. das Mitsingen Zafiriadous bei einer Gitarrenphrase Benjamins oder ein sehr fragiles Gitarrendelay, zu dem es eine Kunst ist, überhaupt auf dem Klavier begleiten zu können. Eine halbe Stunde, die sich wunderbar einfügt in die Klammer der zwei Songwriter.

Konzertbericht: ENNO BUNGER, 22.10.2016, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Womit wir bei Gisbert zu Knyphausen wären, wegen dem sicherlich die meisten der wenigen verfügbaren Karten in sehr schneller Zeit ausverkauft waren. Es ist eine Besonderheit, diesen für seine beiden Soloalben und dem gemeinsamen Projekt mit Nils Koppbruch gefeierten Sänger in so kleinem Rahmen zu erleben. Und dabei zeigt sich auch, welche Bedeutung das Merlin immer noch für Künstler hat, die schon längst größere Säle füllen, und für solch einen Abend trotzdem spürbar gerne vorbeikommen. Knyphausen fängt an, einen erheblichen Teil seines musikalischen Schaffens darzubieten und eine unverwechselbare Atmosphäre im Raum zu schaffen. Wenn ich mich umblicke, sehe ich glücklich lächelnde, konzentrierte Gesichter. Vor mir tanzt eine Besucherin zu manchen Songs und ihr Begleiter kann sein Glück kaum fassen, dass dieser oder jener Song gespielt wird – man merkt an den Reaktionen nach den jeweils ersten Takten jedes Liedes, dass alle einen eigenen Lieblingssong haben,

Konzertbericht: ENNO BUNGER, 22.10.2016, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Das Publikum lauscht fast andächtig und jubelt nach dem Verklingen jedes letzten Tons aufs Neue mit einer Begeisterung, die den Wunsch ausdrückt, Knyphausen möge doch bitte einfach alle seine Songs zum Besten geben. Teilweise werden die Texte mitgesungen, aber immer so dezent, als wolle man den Künstler nicht stören, nicht zu aufdringlich sein und ihn aus seiner Konzentration herausholen. Knyphausen scheint genau das in vollen Zügen zu genießen. Ein ums andere Mal lächelt er verschmitzt und wirkt glücklich, dieses Konzert in dieser Atmosphäre und mit diesem Publikum spielen zu können. Und so habe auch ich diese ca. 90 Minuten fast ohne Gedanken an den Bericht genossen, ohne ein Wort aufzuschreiben und ohne nach der Setlist zu fragen. Ich habe schlicht zugehört, den Texten gelauscht, mich innerlich lauthals über „Flugangst“ gefreut und nach diesem wunderbaren Konzertabend – nicht nur einmal – das Glas erhoben: Danke und alles Gute, Merlin!

33 Jahre Kulturzentrum Merlin, 22.10.2016, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Gisbert zu Knyphausen

Sea & Air

Enno Bunger

Gala Impressionen

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