WE INVENTED PARIS, 08.09.2016, Keller Klub, Stuttgart

WE INVENTED PARIS, 08.09.2016, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Achtung Klischee! Präzision, Qualität, Zuverlässigkeit, Gründlichkeit. Attribute, die man der Schweiz so allgemein zuschreibt, scheinen auch für Bands aus unserem südlichen Nachbarland zu gelten. Was We Invented Paris bei ihrem Gig im Keller Klub angeliefert haben, darf man jedenfalls durchaus als Referenz für einen Club-Gig hernehmen. Ein Konzert, so voll von Ideen und musikalischer Vielfalt, dass es glatt für zwei gereicht hätte. (Als weitere Beispiel-Bands für die Qualitäts-These fallen mir spontan Sophie Hunger, Heidi Happy oder auch die Aeronauten ein)

WE INVENTED PARIS, 08.09.2016, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

In den letzten Jahren ist ein wenig ruhig gewesen um die Band um Frontmann und Mastermind Flavian Graber (das vielzitierte und etwas unscharfe Attribut „Künstlerkollektiv“ ersparen wir uns mal). Songs für ihr drittes Album sind aktuell im Entstehen, auf einer kleinen Club-Tour geben sie ihren Fans schonmal einen Einblick und Stuttgart steht erfreulicherweise auch auf dem Tourplan. Und der Keller Klub ist gut gefüllt. Das Publikum eher jung, studentisch – Pärchenabend, würde ich sagen. Schon beim Warmup-Gig des Berliner Singer-Songwriters Edges (klassischer Folk mit schöner Stimme) steigen die Temperaturen im Laden allerdings auf unangenehme Werte. Warum man die Lüftung (wenn überhaupt) nur im Minimalbetrieb laufen lässt, während man es wenige Tage vorher beim exzessiven Ska-Punk-Konzert der Interrupters schaffte, den ganzen Abend auf Wohlfühltemperaturen herunterzukühlen, bleibt ein Geheimnis des Betreibers.

WE INVENTED PARIS, 08.09.2016, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

We Invented Paris – in klassischer Vierer-Rockbesetzung – lassen sich davon allerdings kaum stören und schmeißen sich in ein Set, das das Publikum vom ersten Ton an in Begeisterung versetzt. Schon beim zweiten Titel, dem unverschämt eingängigen „Mont Blanc“ wird getanzt, geträumt und mitgesungen. Und die Band hat auch alles mitgebracht, um dem Gig die erforderliche Dichte zu geben. Eine erstaunliche Menge an Technik, einen versierten Mischer, der den nicht ganz unkritischen Keller Klub in den Griff bekommt und eine eigene Lichtinstallation, die zusammen mit der vorhandenen Beleuchtungstechnik eine stimmungsvolle Atmosphäre schafft.

WE INVENTED PARIS, 08.09.2016, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Und hier überraschen mich We Invented Paris mit einer genialen Idee, die ich nach fast 700 Konzerten zum allerersten Mal sehe. Da Club-Gigs in den allerseltensten Fällen einen Lichtmischer haben und deshalb meist in drögem – gerne roten – Dauerlicht versumpfen, nimmt sich die Band dieses Problems einfach selbst an. Der ohnehin schon gut beschäftigte Gitarrist hat das Lichtmischpult auf der Bühne und kümmert sich um verschiedene Lichtstimmungen für die einzelnen Songs und das Abblenden in den Songpausen. Simpel und extrem wirkungsvoll. (Das ist es, was ich mit Qualität meine. Das dürfen sich andere Bands gerne abschauen)

Das Programm ist liebevoll zusammengestellt. Dramaturgisch und stilistisch geschickt gestaffelt, eine Mischung aus Titeln ihrer ersten beiden Alben und einzeln eingestreuten neuen Werken. Titel wie „Polar Bears“ kommen live weit rockiger als von der Platte. Hier werden schonmal richtige Soundwände hochgezogen. Frontmann Flavian mit Hornbrille und akkuratem Seitenscheitel erinnert mich mit seinem energischen Einsatz ein wenig an den jungen David Byrne, nur dass er stimmlich weit mehr zu bieten hat als der kauzige New Yorker.

WE INVENTED PARIS, 08.09.2016, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Während der Arbeit am neuen Album habe ihn die akustische Gitarre gelangweilt und er habe sich sich diese schicke Umhängekeyboard gekauft, erzählt Graber. Zu „Spiderman“ kommt diese Peinlichkeit der späten Siebziger und frühen Achtziger auch prompt zum Einsatz – und heraus kommt ein Disco-Klopper, der einen schnurstracks in die Ära von Queen und Konsorten zurückbefördert. Das Publikum nimmt den Song begeistert entgegen, die Tanzfläche ist in Bewegung und wir freuen uns, dass We Invented Paris noch eine weitere Farbe auf ihrer musikalischen Palette haben. Mit „Fuss“ wird gleich ein ähnliches Kaliber rausgehauen.

WE INVENTED PARIS, 08.09.2016, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Ein wohlgesetzter Break im Programmablauf ist eine Solo-Einlage von Grabner. Mit einem kleinen, batteriebetriebenen Vintage-Keyboard setzt er sich an die Bar, lässt den Saal abdunkeln (die Band verschwindet Backstage) und gibt zu cheesy Billigelektonik-Beats eine ergreifende Version von „Lost With You“ zum besten. Unverstärkt natürlich. Ein Gänsehaut-Moment vom Feinsten.

WE INVENTED PARIS, 08.09.2016, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Die zweite Hälfte des Konzerts bringt eine weitere Steigerung und endet mit dem furiosen „Iceberg“, bei dem zum Schluss alle Musiker auf das Schlagzeug eindreschen. Jetzt wäre es aber Zeit nach Hause zu fahren und das Album fertig zu machen, scherzt Graber. Oh ja, das können wir nur unterschreiben, da kündigt sich ein Werk an, das locker an die ersten beiden heranreichen kann. Aber vorher sind noch ein paar Zugaben drin. Nach einer ersten Runde lassen sich We Invented Paris nicht lange um einen weiteren Nachschlag bitten, und schlagen vor – die Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Keller Klub haben inzwischen alle Rekordmarken geknackt – einen letzten Titel vor der Tür zu spielen. Dass dort gerade eine Baustelle ist und ein Bagger direkt vor dem Eingang steht, verschafft dem Konzert einen skurril-spektakulären Höhepunkt: Flavian und sein Gitarrist erklimmen das Baugerät und singen eine wunderbare Akustik­version von „Bohème“ in den Nachthimmel. Ein Grande Finale für einen großartigen Gig!

WE INVENTED PARIS, 08.09.2016, Keller Klub, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Setlist

The Busker
Mont Blanc
Bubbletrees
Polar Bears
Spiderman
Fuss
Auguste Piccard
Catastrophy
Touriste
Lost With You (Acoustic)
Dance On Water
High Tide
Sleeptalker
Kaleidoscope
Farmer
Iceberg

Air Raid Shelter
Nothing To Say
More

Bohème (Acoustic)

We Invented Paris

Edges

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