KASIA KALASCHNIKOV feat. REACTIVE ENSEMBLE, 22.07.2016, Palermo Galerie, Stuttgart

KASIA KALASCHNIKOV feat. REACTIVE ENSEMBLE, 22.07.2016, Palermo Galerie, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Kasia Kadłubowska aka Kasia Kalaschnikov ist mir in der Begleitband von Marie Louise aufgefallen. Ihr Percussionspiel hat mich begeistert, und als ich von einem Soloauftritt in der Palermo Galerie höre, denke ich: Fein, da muss ich hin. Ein schöner Abend mit Marimba und Vibraphon… In Kombination mit ein bisschen Elektronik vom Reactive Ensemble. Letzteres kenne ich zwar nicht, klingt aber cool. Sicher nette Ambient-Musik. Genau das richtige für den Start ins Wochenende. Welch ein Irrtum! Ein kleiner Blick ins Programm hätte genügt: Was Kasia Kadłubowska mit Ihrer „Concert Installation“ zu Gehör bringen wird, kann man getrost als experimentell und avantgardistisch bezeichnen.

KASIA KALASCHNIKOV feat. REACTIVE ENSEMBLE, 22.07.2016, Palermo Galerie, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Die Palermo Galerie befindet sich aktuell im ehemaligen „House of Music“ an der Olgastraße. Sie nutzt es noch bis Oktober im Rahmen auf drei Geschossen. Während das Erdgeschoss als Bar dient, befinden sich auf der Galerie und im zweiten Obergeschoss Ausstellungsflächen. Verbunden ist alles über eine große Wendeltreppe. Und als wir die Aktionsfläche im zweiten Geschoss betreten, wird der erste Titel des Abends bereits präsentiert. „Music for Solo Performer“ nennt sich das Stück. Diverse Lautsprecher sind mit kleinen Klangerzeugern verbunden. Die Musikerin befindet sich in einer Meditation, an ihrem Kopf befinden sich Elektroden. Die aufgenommenen Gehirnströme werden verstärkt und an die Lautsprecher übertragen. Das Ergebnis ist ein unregelmäßiges Geklapper oder Geklingel, unterbrochen von langen Pausen.

KASIA KALASCHNIKOV feat. REACTIVE ENSEMBLE, 22.07.2016, Palermo Galerie, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Die folgende Umbaupause nutzen wir, um uns umzuschauen. Der Raum ist voll mit elektronischen Geräten, für die einzelnen Titel sind verschiedene Installationen wie Inseln im Raum verteilt. Das Ganze in spärliches, blaues Licht getaucht. 48 Stunden haben Kasia und die Kollegen vom Reactive Ensemble gebraucht, um die Installation aufzubauen, haben die gesamte Zeit dort verbracht und auch dort geschlafen.

KASIA KALASCHNIKOV feat. REACTIVE ENSEMBLE, 22.07.2016, Palermo Galerie, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Die nächsten beiden Stücke sind von echten Altmeistern. Zuerst John Cages „Child of Tree“, ein Percussion-Stück für Pflanzenmaterialien. Kasia benutzt unter anderen einen großen Kiefernzapfen. Das Zupfen an den Lamellen erinnert an ein Pizzicato auf einem Streichinstrument.

Mit „Pendulum Music“ von Steve Reich folgt für mich das spannendste Stück des Abends. Vier Mikrophone werden an langen Kabeln in Schwingung versetzt. Sie pendeln über vier Lautsprechern. Jedesmal, wenn sie den Lautsprecher überqueren, erzeugen Sie ein Feedback. Die daraus entstehende, scheinbar gleichmäßige Tonfolge verschiebt sich aber mit jeder Schwingung ein wenig, da die Mikrofone unterschiedlich schnell pendeln. Außerdem wird die Amplitude mit jeder Schwingung etwas kleiner, so dass die Tonfolge immer schneller wird. Nach etwa zehn Minuten haben sie den Stillstand über den Lautsprechern erreicht. Ein durchgängiger Ton erklingt. Das Stück wird durch Abschalten des Verstärkers beendet. „It’s audible sculpture. If it’s done right, it’s kind of funny.“ sagte Reich zu diesem Werk. Das Faszinierende daran ist aber, dass die Installation dieses typische Spiel von Phasenverschiebung und Interferenzen bietet, die mit viel Aufwand auch in Reichs Orchester- und Chorwerken erreicht werden. Nur dass bei dieser Installation der Musiker nur einmal am Anfang eingreift, danach spielt sich das Stück von selbst.

KASIA KALASCHNIKOV feat. REACTIVE ENSEMBLE, 22.07.2016, Palermo Galerie, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Nach jedem Stück schreibt Kasia Kadłubowska Titel und Komponist fein säuberlich auf ein Plakat. (Am Ende des Abends lässt sich übrigens ein Fan von ihr das Plakat signieren und trägt es freudestrahlend nach Hause) Immer wieder lädt sie das Publikum ein, Fragen zu stellen oder erzählt Anekdoten über die Stücke und ihren musikalischen Werdegang.

Während der Abend bisher eher leise und meditativ ablief, ändert sich das mit den drei folgenden Stücken erheblich. „?Corporel“ vom französischen Avantgarde-Komponisten Vinko Globokar ist ein Solo-Stück für einen Perkussionisten und dessen Körper. Kasia ist dazu mit einem Körpermikro verkabelt und erzeugt die Geräusche und Rhythmen durch Klopfen und Reiben auf Kopf und Körper. Das Ganze ist eher ein Tanztheater, unterstützt wird sie von dem Tänzer Gonzalo Marquez Cruzinia. Das Stück wirkt auf mich eher verstörend.

KASIA KALASCHNIKOV feat. REACTIVE ENSEMBLE, 22.07.2016, Palermo Galerie, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

„Modes of Interferences“ arbeitet mit Interferenzen auf akustischer und optischer Ebene. Zwei Gitarren werden an Verstärkerboxen angenähert, die entstehenden Rückkopplungen beider Instrumente verschieben sich gegeneinander und erzeugen  Schwebungen. Gleichzeitig wird die Performance gefilmt und mit einem Versatz von wenigen Sekunden auf die Wand hinter den Musikern projiziert.

KASIA KALASCHNIKOV feat. REACTIVE ENSEMBLE, 22.07.2016, Palermo Galerie, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Den Abschluss bildet „Raving Signs“, eine Komposition des Chilenen Remmy Canedo, einem Mitglied vom Reactive Ensemble. Eine Installation aus Video-Visuals, zu denen Kasia synchron auf selbstgebauten Drumpads trommelt, die wiederum extrem verzerrte und infernalisch laute elektronische Sounds abrufen. Ein geradezu körperlich erfahrbares musikalisches Ereignis, dass mich sofort an die frühen Einstürzenden Neubauten denken lässt. „Hören mit Schmerzen“ eben.

KASIA KALASCHNIKOV feat. REACTIVE ENSEMBLE, 22.07.2016, Palermo Galerie, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Fazit: Ein Abend, der völlig unerwartet verlief und mein musikalisches Spektrum erheblich erweitert hat, der mich gefordert und begeistert hat. Und der mich darin bestärkt, mich wieder mehr abseits der ausgetretenen Konzertpfade zu bewegen. Das Programm der Palermo Galerie werde ich jedenfalls im Auge behalten. Und vielleicht werde ich Kasia Kadłubowska, die übrigens aktuell Stipendiatin der  Kunststiftung BW ist, ja mal mit ihrem konventionelleren Percussions-Programm hören. Ihre aktuelle CD „Transient“ klingt jedenfalls sehr vielversprechend.

Die Setlist:

Alvin Lucier – Music for Solo Performer (1965)
for enormously amplified brain waves and percussion

John Cage – Child of Tree (1975)
percussion solo

Steve Reich – Pendulum Music (1965)
for microphones, amplifiers, loudspeakers and performers

Vinko Globokar – ?Corporel (1985)
for one Percussionist, using his/her body

Agostino Di Scipio – Modes of Interference 3 (2007)
autonomous feedback system with electric guitars, combo amplifiers, and computer

Remmy Canedo – Raving signs (2013)
for gestures, percussion, live video & live electronics (2013)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.