FENSTER, JAMHED, 28.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

Fenster, 26.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Donnerstagabend, die Arbeitswoche ist schon fast geschafft, sehr okayer Zeitpunkt für einen Konzertbesuch. Ein paar Auftritte der Pop-Freaks-Reihe musste man ja doch leider auslassen, sehr schön, dass dennoch (fast) immer irgendjemand anderes da war und berichtet hat. Auch heute begegnen einem viele bekannte Gesichter, auf die nette Pop-Crowd ist einfach Verlass.

Wie schon in den vergangenen Tagen ist das Merlin-Café mit schwarzen Dreiecks-Wimpeln geschmückt, auf dem DJ-Tisch stehen Schnittblumen (seit neuestem auch ein Kaktus), Bowie wacht in Postkartengröße, quasi als Pop-Freaks-Schutzheiliger, an der Rückwand über die Schallplattenunterhalter.

Heute legen Arne, Valentin und Markus auf (letzterer von Treibender Teppich Records). Die Gast-DJs, die vor und nach den Auftritten für die Musik sorgen, wechseln im Programmverlauf, für jedes Konzert jemand anderes. Mit viel Liebe zum Detail gemacht dieses Festival, merkt man gleich.

Vorband heute Abend ist Jamhed, in kleiner Besetzung, ohne Flöte und Sitar, und nur mit einem 30-Minuten-Set. Dafür mit einigen neuen Songs, wie man im Vorfeld hört.
Jamhed, 26.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Direkt mit zwei neuen Stücken geht es pünktlich um kurz nach neun los. Komplett instrumental, wenn ich mich richtig erinnere. Beide mit den Jamhed-typischen, auffälligen laut/leise- und dynamisch/zart-Kontrasten. Ruft bei mir insgesamt, anders als früher, weniger Hippie- und mehr Kraut- und Dream-Pop-Assoziationen hervor. Immer wieder schälen sich tolle Hooks aus dem flächigen Sound, finde ich sehr überzeugend. Die Stücke ohne Gesang gefallen mir sogar noch besser als „Cold Turkey“. Dieses neue Stück ist mir für Jamhed-Verhältnisse fast schon zu simpel gestrickt, muss ich vielleicht aber auch nur nochmal hören (und sieht der geschätzte Konzertbegleiter auch völlig anders).

Von der offensichtlichen 60er-Jahre-Ästhetik ist, außer einer kleinen Batiklaterne im Hintergrund, auch optisch wenig übriggeblieben. Vom aktuellen Album wird erstaunlicherweise nichts gespielt, dafür (ein oder zwei?) ältere Stücke mit schönem zweistimmigem Gesang.
Jamhed, 26.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Um ehrlich zu sein, habe ich Jamhed schon tighter erlebt, vielleicht liegt’s an der kurzen Auftrittsdauer, vielleicht an einem Entwicklungsprozess, in dem sich die Band gerade befindet. Die magischen Momente wollten sich diesmal nicht einstellen. Wenn die musikalische Fortentwicklung aber so interessant ist, wie es die neuen Stücke versprechen, mache ich mir für zukünftige Auftritte keine Sorgen. Und nächstes Mal gerne wieder mit viel längerer Spieldauer.

Weiter geht es nach kurzer Umbaupause mit Fenster, der Hauptband des Abends. Drei von vier Bandmitgliedern sehen zumindest schon mal sehr auffällig aus. Bassistin JJ Weihl ist ganz in weiß gekleidet und hat die Augen mit bunten Glitzersteinen geschmückt, links von ihr steht ein Gitarrist mit Kassengestell und Poncho-artigem Überwurf, der Mitmusiker auf der rechten Bühnenseite trägt Prinz-Eisenherz-Frisur plus passendem Schnauzbart. Hipster-Alarm oder verrückte Musikgenies? Wir werden sehen.
Fenster, 26.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Der vermeintliche Poncho ist in Wirklichkeit ein üppiger Schal und wird direkt nach dem ersten Stück abgelegt („Ist zu warm. Ich dachte, das wäre gemütlich“, kommentiert Sänger und Gitarrist Jonathan Jarzyna). Wie bei Jamhed ist auch bei Fenster das erste Stück ein Instrumentalstück. Gesang setzt erst beim zweiten Stück ein. Während ich noch über meine Notizen gebeugt bin, bewundere ich die Sängerin, deren helle, klare Stimme mit dem zart schmelzenden Timbre hier zu hören ist. Huch, Überraschung beim Aufblicken, singt ja gar nicht sie, sondern er. Erstaunlich, die Stimme von Jonathan Jarzyna, wow.
Fenster, 26.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Diese bemerkenswerte Stimme ist für mich definitiv das Highlight des Abends. Die Songs gefallen mir schon (dreamy, psychedelisch), sind mir aber ein bisschen zu unspeziell, um wirklich nachhaltig in Erinnerung zu bleiben. Bei einigen Stücken wird auch mehrstimmmig gesungen, und es zeigt sich, dass auch die stimmlichen Fähigkeiten von Gitarrist Lucas ziemlich überzeugend sind. Engelsgleicher Männergesang gefällt mir glaube ich generell gut, z.B. auch hier bei C Duncan.
Fenster, 26.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

Toll natürlich außerdem immer der Einsatz von 80er-Jahre-Synthie-Sounds und lustigen Retro-Quatschinstrumenten wie der Keytar. Lässt mich stellenweise an Phoenix oder die großartigen Tahiti 80 denken. An einer Stelle wird ganz kurz „Boys don’t cry“ von The Cure in einen Song eingeflochten.

Zwischendrin gibt es launige Ansagen auf Deutsch und Englisch und Bassistin Weihl holt sich im Publikum eine Umarmung ab. Das letzte, ziemlich ruhige, hypnotische Stück wird schließlich der befreundeten Vorband Jamhed gewidmet.

Nicht die ganz große Neuentdeckung, aber eine sehr sympathische, unterhaltsame Band mit vielen interessanten musikalischen Anknüpfungspunkten.
Fenster, 26.01.2016, Pop Freaks, Merlin, Stuttgart

Foto: X-tof Hoyer

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