THE SLOW SHOW, I HAVE A TRIBE, 18.11.2015, Schocken, Stuttgart

The Slow Show

Foto: Steffen Schmid

Es ist voll im Schocken. Gar nicht so selbstverständlich wenn eine Nicht-Radioband zum ersten Mal den Weg nach Stuttgart findet. Aber bei The Slow Show aus Manchester eigentlich auch kein großes Wunder. Wurden sie doch für ihr Debüt-Album vom Label Haldern Pop Recordings musikalisch sozusagen eingedeutscht und verbringen somit viel Zeit in Deutschland. Besonders für Konzerte. Nur bisher eben nicht in Stuttgart.

Für den Supportslot haben sich die musikalischen Wahldeutschen aber nahe ihrer Heimat bedient. Nordengland ist zumindest geographisch nicht so weit weg von Dublin und somit kommt von dort der heutige Support: Patrick O’Laoghaire alias I Have A Tribe. O’Laoghaire sieht auf den ersten Blick aus, als wäre I Have A Tribe sein Soloprojekt, welches er neben seiner Hardcoreband betreibt. Das City And Colour Syndrom wenn man so will. Allerdings setzt er neben seiner Stimme nicht wie dabei sonst üblich auf eine Gitarre sondern auf ein Keyboard.

I Have A Tribe

Foto: Steffen Schmid

Beim zweiten Blick sieht er dann auch nicht mehr aus wie der typische Schreihals. Die Tattoos sind zu fein und die Uhr irgendwie zu schick. Seine Lieder sind durchweg Popballaden; einfache Texte, schlichtes Songwriting und keine großen Überraschungen. Das Ganze trägt er ein bisschen zu pathetisch vor. Im Zusammenspiel mit seiner Mimik und Grundtraurigkeit wirkt er somit ein bisschen wie der singende Seeelefant der Augsburger Puppenkiste.Bei zwei Liedern schafft er es seinem Keyboard so etwas wie einen Beat zu entlocken. Dies sind die Momente in denen die Musik von I Have A Tribe wirklich Spaß macht. Wäre also durchaus interessant O’Laoghaire mal wirklich mit ‚Tribe‘ im Rücken zu hören.

The Slow Show

Foto: Steffen Schmid

Bei The Slow Show reicht eigentlich auch der Gesang von Rob Goodwin, um total zu versinken. Aber eine Band schadet ja selten. Somit sehr erfreulich, dass das Stammpersonal von The Slow Show heute zusätzlich noch von einer Trompeterin unterstützt wird. Mit „Long Way Home“ und „Testing“ startet The Slow Show den Abend.

Neben der großartigen Musik ist The Slow Show vor allem unglaublich sympathisch. Dank ihrer Authentizität und Demut gepaart mit ihrem nordenglischen Akzent. Dies bekommt man direkt nach den ersten beiden Liedern zu spüren. Sichtlich überrascht von den vielen Menschen bedankt sich vor allem Rob Goodwin per Kopfnicken beim Zuhörer. Viel mehr als ein Kopfnicken wird es, neben der Musik natürlich, auch nicht geben. Das ist aber auch gar nicht nötig.

The Slow Show

Foto: Steffen Schmid

The Slow Show ist eine authentische Band. In allen Belangen. Der Mann an den Tasten Fred Kindt produziert die Band. Damit musikalisch genau das rauskommt was die Band haben will. Auch deshalb sind sie bei Haldern Pop Recordings gelandet. Um diese Freiheit zu behalten und trotzdem gehört zu werden. Und hinhören lohnt sich. Neben der Musik sind auch die Texte meist sehr persönlich. Jedes Lied erzählt eine Geschichte. Meist eine traurige. Beim Lied „Brother“ singt Goodwin über den Bruder seines Opas, der viel zu früh gestorben ist. Wenn man nicht weiß, worum es in dem Lied geht, wird es aber plötzlich irgendwie aktuell:

Let’s go back to football fields and backyard alleyways,

Before God let you down, boy, and took your life away.

Too young to leave me, brother.

Auch das ist The Slow Show. Sie wollen nicht die Deutungshoheit über ihre Lieder behalten. Dafür sind sie viel zu abstrakt. Nur so kann ich mir erklären, dass neben mir jemand eine Träne verdrückt und hinter mir jemand fröhlich mit wippt. Gleichzeitig. Deshalb schenkt The Slow Show, als eher melancholische Band, mir dennoch meistens gute Laune. Goodwin meint, das größte Geschenk, das man einer Band wie seiner machen kann, ist die Stille. Die bekommen sie heute. Ausnahmslos. Selbst an der Bar wird das Geldzählen verschoben, als er akustisch und ausnahmsweise ohne Band „Lucky You, Lucky Me“ anstimmt. Heute müsste es wohl eher „Lucky Us“ im Schocken heißen.

The Slow Show

Foto: Steffen Schmid

Es gibt noch zwei neuere Lieder zu hören. „Breaks Today“ klingt sehr vertraut, wobei „Hopeless Town“ mit einer ungewohnt fröhlichen Klaviermelodie aufwartet. Beides macht Lust auf das, was in den kommenden Monaten von The Slow Show noch so kommen mag. Und nährt die Hoffnung dass sie nach dem Debütalbum den schmalen Grat zwischen zu viel und zu wenig Weiterentwicklung finden.

Einmal kurz nehmen die Mancunians mit „Paint You Like A Rose“ noch mal die Fahrt raus. Um dann mit „Flowers To Burn“ und  „Bloodline“ das absolute Finale zu beschließen. Als The Slow Show für die Zugabe wieder auf die Bühne kommt, meint Goodwin, sie müssten wohl in Zukunft die Zugabe weglassen bzw. direkt spielen. Wäre nicht ungewöhnlich für diese ungewöhnliche Band. Nach „Coraline“ und „God Only Knows“ ist Schluss. Zumindest auf der Bühne im Schocken. Im Kopf bleibt noch sehr lange zumindest die letzte Textzeile des Konzerts:

Everybody’s home now.

The Slow Show

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I Have A Tribe

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