RED FANG, 07.06.2015, Juha West, Stuttgart

Red Fang

Foto: X-tof Hoyer

Der Kirchentag endet am Sonntagmorgen mit einem Bombastgottestdienst auf dem Cannstatter Wasen. In der Folge gibt es abends wieder Beinfreiheit und Luft zum Atmen in Bahnen und Bussen der SSB. Zeitgleich mangelt es eben daran im Juha West. Es ist sehr eng, stickig und über allem liegt ein erschlagender Mief, obwohl das Konzert noch nicht einmal begonnen hat – und das Schöne daran ist: Es scheint niemanden zu stören. Red Fang aus Portland, Oregon, sind in der Stadt und der Andrang entspricht dem Ruf der Band. Zurecht gilt diese längst als wichtiger wenn auch nicht gerade innovativer Vertreter zeitgenössischen Stoner Rocks, einer Spielart also, deren Fundament längst gefestigt ist. Dennoch scheint es den US-Amerikanern ohne Mühe zu gelingen, Fans außerhalb der beengten Genregrenzen zu gewinnen.

Dass man mit „Wires“ von 2011 obendrein eines der besten Musikvideos dieser Dekade in der Vita stehen hat, entstanden ohne Finanzspritzen eines Majorlabels, ist sicherlich ein weiterer Grund, warum die Gruppe zehn Jahre nach ihrer Gründung den Status eines reinen Geheimtipps hinter sich gelassen hat, wenn auch nicht der entscheidende. Denn eines wird nach 70 Minuten brachialer Rockmusik klar: Live funktioniert Red Fang am Besten.

Brothers of the Head

Foto: X-tof Hoyer

Nachdem die Vorband The Brothers of Head, eine Stuttgarter Formation mit englischen Wurzeln und hervorgegangen aus Bomb Whateva¿, über eine halbe Stunde Artverwandtes zur Verzückung des Publikums auf die Bühne brachte, wird der Beginn des Red-Fang-Konzerts mit Freudenschreien goutiert: Drummer John Sherman gibt das Tempo vor, dann geht es los. Waren beim Support Act  noch an Black Sabbath erinnernde Doom-Klänge prägend, lebt die Präsentation bei Red Fang auch von der Schnelligkeit. Maurice Bryan Giles, ein Hühne mit langem Bart und Haaren, singt den ersten Song in bester Shouter-Manier. Sein Gitarristen-Kollege David Sullivan ebenfalls mit Vollbart und zerzauster Antifrisur spielt mit offenem Mund und versteinerter Miene bei großem Bewegungspensum schnelle Riffs. Dann setzt Aaron Beam, Bassist und zweiter Sänger, ein. Beam, mittlerweile mit kurzen Haaren, trägt Brille und Bart und sieht im Auftreten einem jüngeren J Mascis gar nicht so unähnlich. Dazu passt es, dass sich hier und da zu Assoziationen zu Genregrößen wie Queens of the Stone Age, Kyuss oder Mastodon auch solche zu Dinosaur Jr. gesellen. Höflich bittet der unscheinbare Mann in der Bühnenmitte schon ganz am Anfang das Publikum, einen Schritt nach Vorne zu treten, damit alle Zuschauer Platz im Saal finden. Den Worten wird Folge geleistet, Schweiß läuft und das Konzert begeistert zunehmend.

Red Fang

Foto: X-tof Hoyer

Leben andere Szenebands von instrumentaler Virtuosität, sind es die gelungenen Tempowechsel, mit denen Red Fang glänzt. Das ist mindestens so eindrucksvoll wie ausschweifende Soli und dabei doch so viel angenehmer, herrlich unprätentiös. Der immer wieder zwischen Beam und Giles ausgetauschte – und dabei vollkommen unterschiedliche – Leadgesang tut sein übriges: Das Konzert ist unvorhersehbar und außergewöhnlich. „Explosiv“, nennt so etwas dann der Metal Hammer und trifft den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf. Beispiele dafür lassen sich einige finden: „Malverde“, eine frühe Single, ist wunderbar abgründiger Sludge, mit leichten Doom-Metal-Appeal und Giles‘ bellendem Gesang, „Dirt Wizzard“ gehetzter Stoner Rock von Josh Homme’schen Format mit großartigem Refrain. An der gleichen Stelle setzt „Crows in Swine“ an, ein schnelles Stück Rock ’n‘ Roll à la Motörhead.

Als dann inmitten des Sets der große Crowdpleaser „Wires“ folgt, gibt es kein Halten mehr: Stagediving und ausgelassenes Pogotanzen bestimmt die zweite Konzerthälfte. Kleine Hits wie „Prehistoric Dog“ werden zurecht gefeiert wie Welterfolge. Das Ende eines rauschhaften Abends nähert sich unaufhaltsam. Zwei Zugaben gibt es noch, da die Band selbst, wenn sie es versuchen würde, die Bühne nicht verlassen könnte, da sie hierfür das Publikum durchqueren müsste.

Red Fang

Foto: X-tof Hoyer

Die Ansagen Aaron Beams schwanken zwischen Englisch und Deutsch und warten durchweg mit einem feinen, ironischen Humor auf, der ausgezeichnet zur eigenen Songlyrik passt. „Bei unseren ersten Konzerten in Deutschland dachte ich immer, die Zuschauer würden ‚USA, USA!‘ rufen, dann lernte ich Deutsch und das Wort ‚Zugabe‘ und verstand“, verkündet Beam spitzbübisch, legt zwei Musterbeispiele des trockenen Bandsounds nach. Giles richtet seine E-Gitarre wie ein Maschinengewehr auf die ersten Reihe. Red Fang geben noch eine zusätzliche Stoner-Rock-Lehrstunde. Ein letztes Pogotanzen erfasst den düsteren Saal, dann ist wirklich Schluss. Beam dankt den Gästen persönlich, schüttelt Hände, klopft Schultern und umarmt geradezu herzlich, während er und seine Mitmusiker gemeinsam mit dem Publikum langsam frische Luft schnappen.

Red Fang

Foto: X-tof Hoyer

Red Fang

Brothers of the Head

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