HEINZ STRUNK, 06.03.2015, Wagenhallen, Stuttgart

HeinzStrunk

Foto: X-tof Hoyer

Worin wir (zumindest die Gig Blog Untergruppe Doppelkennzeichen LB) unschlagbar sind: Sich für grundsätzlich alles was wir tun zu Tode schämen, äußert jemand Drittes auch nur leiseste Kritik daran. Jüngster emotionaler Super GAU: Man Crush/ Humor-Ikone Heinz Strunk findet unseren Künstler-Fragebogen eher so mittel und entscheidet sich, ihn lieber nicht auszufüllen. Aufgeregt beratschlagen wir auf der Anreise zur Show, ob wir uns wohl mit der von uns als halbwegs okay empfundenen Fragenzusammenstellung seit Jahren bis auf die Knochen blamieren (unnötig zu erwähnen, dass die von Mitarbeiter T. als am schlimmsten identifizierten Fragen von mir stammen). Ein kurzer Abgleich mit dem hektisch ergoogelten FAZ-Fragebogen beruhigt uns wenigstens ein bisschen. Man kann über uns sagen was man will, unser „Schülerzeitungsniveau“ (gefühlte Fremdeinschätzung) geht im direkten Vergleich mit den von der FAZ bevorzugten Fragenklassikern wie „Was ist ihre Lieblingsfarbe?“, „Welche Eigenschaften schätzen Sie an einer Frau am meisten?“, „Ihr Lebensmotto?“ zumindest als fresh und unbedarft durch.

Egal. Jetzt konzentrieren wir uns auf den Auftritt, freut man sich ja schon seit Wochen drauf.

Mit geschätzt 350 Zuschauern sind die bestuhlten Wagenhallen gut gefüllt. Auf der Bühne steht ein mit schwarzem Stoff abgehängter Tisch, darauf ein aufgeklapptes MacBook, im Hintergrund eine weiße Leinwand. An den Tisch gelehnt ist eine Querflöte, die im Laufe des Abends häufig zum Einsatz kommen wird.

Um kurz nach acht geht’s los. Von dramatischen Breakbeats unterlegt hören wir aus dem Off die bedeutungsschwangeren Worte: „Frage: Sind Sie mit Ihrem Leben zufrieden?“ und lauschen der Erkenntnis, dass der erfolgreiche Umgang mit Informationen auf der exakt zu beachtenden Abfolge der „Steps“ „Aufnehmen – Bewerten – Handeln“ basiert. Dann betritt zu dynamischen Achtziger-Jahre-Synthieklängen der Meister die Bühne. Heinz Strunk trägt schwarze Hose und Jackett, ein weißes Hemd, Krawatte und schwarze Weste. Der Merksatz „Aufnehmen – Bewerten – Handeln“ läuft im Hintergrund in Endlosschleife weiter, während Strunk in einem minutenlangen Spoken-Word-Part weitere absurde bis komplett sinnentleerte Erfolgs-Tipps formuliert.

„Sie können sich wahrscheinlich nicht entscheiden, ob Sie diesen Auftritt eher peinlich oder unsympathisch fanden,“ begrüßt er das Publikum und erläutert, dass es heute vor allem um „Facts statt Feelings“ gehen soll. Zur Aufführung gebracht werden Auszüge aus seinem aktuellen Buch „Das Strunk Prinzip“ sowie der parallel erscheinenden Musik-CD „Sie nannten ihn Dreirad“.

Nach einem Seitenhieb auf den tatsächlich existierenden Motivationstrainer Jürgen Höller, der wohl als eine der wesentlichen Inspirationsquellen für das „Strunk- Prinzip“ gelten darf, trägt Strunk seinen ersten Text vor, „Kriminalität – ein Reizthema im Faktenzwinger.“

Die „Strunk-Prinzip“-Texte wurden bereits als Titanic-Kolumnen veröffentlicht und auch wenn man nicht der größte Fan der formal etwas repetitiven Reihe sein muss, vorgelesen kommt das schon witzig. Noch besser gefallen mir persönlich die Strunk’schen Musikstücke, die hektisch und atemlos und in einer leicht verstörenden Mischung aus Kindersprache und Einfältigkeit vorgetragen werden. So auch das Stück „Überfall“ – passend zum Themenkreis Kriminalität – für das sich Strunk live on stage mit Maske, rotem Sweatshirt und blauer Schildmütze als Panzerknacker verkleidet.

Es folgt die Vorstellung eines etwas sperriges Mantras, das uns durch den Abend begleiten soll, und das wir im idealen Fall am Ende des Auftritts mitsprechen können sollten. Satzanfang: „Der schwarze Fakir Günter Voss..“ (Rest leider nicht behalten).

Dann gibt es Texte und Songs zu den Themenbereichen „Senioren/ Ruhestand“ und „Tiere – Partner der Menschen“ mit besonderem Schwerpunkt auf dem „Scheiß Tier Pferd“ (Zitat Strunk). Auffällig viele Lacher an dieser Stelle bei Kollegin und Supergirl S. – was hat sie eigentlich gegen Pferde?

In der darauf folgenden Pause spielen sich die Begleiterin und der Begleiter mit wachsender Begeisterung gegenseitig den Studio-Braun-Clip „Zeit für Mimik“ vor. Nebensitzer L. gibt einen durchaus überzeugenden Rocko Schamoni ab, not bad.

Es geht weiter im Programm mit einem vom Akkordeon begleiteten Roger-Whitaker-Medley.Jetzt wird auch die Leinwand als Projektionsfläche gebraucht. Gezeigt werden Zeichnungen (Euphemismus: „Studien“) vom Meister himself. O-Ton-Strunk: „Handwerklich sehr schlecht, kommen aber von Herzen“. Außerdem fällt der wunderschönste Satz/Claim des Abends „Gefühle – den Kampf wirst Du verlieren.“ Zu sehen ist ein Rückblick in Bildern in die frühen Tage der Laufbahn des Künstlers als Mitglied der Showbands „Party Time“, „Balance“ und natürlich „Tiffanys,“ sowie das Wirken mit Studio Braun, Fraktus und am Theater in Hamburg. Dazu gibt’s eine Vorausschau auf die Figur Michael Kiesel aus dem kommenden Filmprojekt „Drei Eier im Glas“ in verschiedenen, Blouson-basierten Outfits.

Ein weiterer Themenzyklus ist der Bereich „Ernährung“ mit den Stücken „Langsame Esser“ und dem sehr witzigen „Fernsehkoch“. Abschließend das erneute Aufsagen des Günter-Voss-Mantras und ein ekstatisches Querflötensolo, mit dem der reguläre Auftritt zu Ende geht.

Als Zugaben folgen die Classics „Computerfreak“ mit Schellenkranz-Begleitung und „Mariacron“, das angeblich keine Eigenkomposition ist, sondern Strunk Mitte der 1980er Jahre auf einem Schützenfest als Demokassettenaufnahme zugespielt wurde.

Hinweise auf anstehende Projekte dürfen nicht fehlen, interessiert uns natürlich auch. Also: Neben dem Film „Drei Eier im Glas“ wird ein Bildband mit dem Titel „Drei Farben Braun“ zur Feier des 20-jährigen Jubiläums der Gruppe Studio Braun angekündigt, ein neues Fraktus-Album im Oktober, ein Diätratgeber mit dem Titel „Noch sieht man nichts“ sowie eine neue Titanic-Kolume ab April mit dem Titel „Heinz Strunks Intimschatulle“.

Klingt vielversprechend, wir sind gespannt.

HeinzStrunk

Foto: X-tof Hoyer

3 Gedanken zu „HEINZ STRUNK, 06.03.2015, Wagenhallen, Stuttgart

  • 7. März 2015 um 21:14
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    Mir ist schon den ganzen Tag schlecht, wegen meines Fragenbogen-Bashing. Schlimmer hättest Du mich nicht abstrafen können. An Deinem Bericht gibt es aber gar nichts zu motzen. Freut mich auch zu sehen, dass nicht nur ich das Mantra des Abends trotz sehr vieler Wiederholungen nicht behalten kann. Untergruppe LB – dumm aber sexy.

  • 7. März 2015 um 21:21
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    Shoshin haben kürzlich die Antworten auf unser Q&A eingeleitet mit „thanks for asking good questions – these were much better than what we normally get asked“ ;)

  • 9. März 2015 um 20:22
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    Hier die Erklärung für meinen Pferdehass: Hatte bei der Projektwoche „Eine Woche auf dem Bauernhof“ in der 3. Klasse ein prägendes Erlebnis. Beim Striegeln eines Pferdehinterteils getreten worden…

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