ASAF AVIDAN, 08.05.2013, LKA, Stuttgart

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Foto: Özlem Yavuz

Jesses, was ein Scheiß mit dem Verkehr in Stuttgart. Sämtliche Abkürzungen und schlauen Kniffe auf dem Weg nach Wangen entpuppen sich als völliger Quatsch. Ich komme mal wieder zu spät. Nur gut, dass mein Bruder – auch wie immer – ebenfalls zu spät kommt. Vor dem LKA ausnahmsweise mal keine leeren Flaschen und Bierdosen und auch keine aufgedrehten, halb bis total besoffenen Kids. Reiferes Publikum heute, die machen sowas nicht. Während ich also warte, höre ich von drinnen schon Frauengesang. Also doch eine Vorband, denke ich so bei mir. Wird sich natürlich gleich als totaler Blödsinn herausstellen. Sollte ich eigentlich wissen, dass der gute Asaf mit seiner hellen Stimme geschlechtertechnisch nur vom Hinhören schwer einzuordnen ist. „Die neue Janis Joplin kommt aus Israel“ titelte mal ein Musikmagazin.

Wir sind jetzt auch endlich drin und eilen zu den sanften Klängen von „Different Pulses“, dem Titelsong seines neuen Albums, an die Bar. Trockene Kehle und so. Das LKA ist schätzungsweise nur zu zwei Dritteln ausverkauft, was mich beim stolzen Abendkassenpreis von 36 Euro aber auch nicht wirklich verwundert. Ist das der Wankelmut-Zuschlag? Egal, jetzt nicht groß rumzicken. Hab ja eh nix bezahlen müssen. Ohne großes Durchgequetsche kommen wir relativ weit nach vorne und ich konzentriere mich auf die Musik. Viel Tammtamm scheint Asaf Avidan nicht zu brauchen, denn ein paar bunte Scheinwerfer sind alles was auf der Bühne aufgeboten wird. Der junge Israeli steht da mit seinem Strubbel-Iro, geschlossenen Augen und seiner Gitarre und singt einfach nur wahnsinnig innbrünstig. Seine vier Bandkollegen, das müssen dann wohl die Mojos sein (obwohl, ist da sonst nicht nur eine Frau dabei?), tun es ihm nach. Asaf Avidans Stimme ist extrem gewöhnungsbedürftig und dadurch ja auch irgendwie sein Markenzeichen. Ich schätze mal man mag sie einfach oder auch nicht. Ich tue ersteres, weil sie immer klingt als ob er alles aus sich herausholt was da eben drin ist, allen Schmerz und alle Leidenschaft. Hab gelesen, dass er in Israel mal die Schlümpfe synchronisiert hat. Haha.

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Foto: Özlem Yavuz

Bei „Setting scalpels free“ erinnert er mich ein bisschen an Bob Marley. Asaf Avidan schüttelt den Kopf hin und her, klopft sich mit der Faust auf die Brust und marschiert zu langsamen Reggae-Klängen auf der Stelle. Ja gut, ist ja als Diplomatensohn unter anderem auch in Jamaica aufgewachsen. Und das hört man immer wieder heraus. Seine Stimme kratzt und beißt und lässt tiefe Sehnsucht erahnen:

In the skies there is a whisper
In the trees there is a wind
On the sands the waves are rolling
Battered hopes are floating in

In your veins the tide is turning
And the ships are sailing home
In your knees there is a trembling
With the thought they’re free to roam

Is it going to last

Was stört ist der infernalische Rülpser, der mich aus meiner Verzückung reißt. Bin da sonst nicht so etepetete, aber gerade jetzt… Welches Schwein?… Ich schau mich um, kann den Missetäter aber nicht ausmachen. Vielleicht auch besser so, denn dem Klang nach zu urteilen, muss das Ferkel etwa zwei Meter groß sein und Trucker oder so. Da hätte ich eh schlechte Karten. Also wieder auf die Musik konzentrieren.

Zwischen seinen Songs erzählt er viel und manchmal schon svavaresk von deren Entstehungsgeschichte und auch von sich. „Beggar“ beispielsweise nach einem Vollrausch in Paris entstanden. Asaf Avidan hatte einen wirren Traum von Nutten und Affen. „What the fuck is wrong with me?“, dachte er am nächsten Morgen (meinem Bruder fällt auf, dass „Fuck“ wohl eines seiner Lieblingswörter ist – sollte man mal zählen, nur so zum Spaß). Sein Psychotherapeut hat ihm dann geraten das Ganze niederzuschreiben. Hätte er besser nicht machen sollen. Denn auch wenn der Israeli hier die vielfältigen Facetten seiner Stimme voll herausholen kann, ist mir das alles zu bluesig und zu frickelig. Hab’s da lieber eingängig poppig.

Wo ich mich jetzt so umschaue sehe ich, dass echt haufenweise Pärchen da sind. Männergruppen finde ich jedenfalls fast keine. Die beiden Paare vor mir üben scheinen beispielsweise für einen Synchron-Knuddel-Contest zu trainieren. Beide die Freundin vor sich, zärtlich von hinten umarmt und den Pulli pfiffig über die linke Schulter gelegt. Haha.

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Foto: Özlem Yavuz

Zum poppig-rockigen „Hoist up the colors!“ sollen wir mitklatschen. Nö, mach ich nicht. Die meisten anderen schon. Sogar mein Bruder. Vielleicht doch nur adoptiert? Die Stimmung im Publikum ist jedenfalls gut. Asaf Avidan erklärt uns, dass er kein lineares Konzert machen will weil es das Leben eben auch nicht ist. Sollten wir also feststellen, dass fröhliche und extrem traurige Lieder wild durcheinander wechseln, liegt das nicht daran, dass er ein Depp ist. Hat auch keiner behauptet.

Die wirklich sehr hübsche Blondine vorn auf der Bühne scheint Expertin für seltsame Kleininstrumente zu sein. Sie schüttelt die Rassel und das Tamburin, bläst zu „613 shades of sad“ sogar eine Kinderpfeife und klopft auf merkwürdigen Holzdingern rum. Hat sie von einem Altmeister in Peru gelernt, einem buddhistischen Mönch. Erzählt Asaf zumindest. Jetzt müssen sie beide lachen. Buddhistischer Mönch in Peru und so. „Oh my God, three people clapping for such a shitty story“, sagt Asaf und lacht wieder. Überhaupt lacht er recht viel. Klingt sympathisch und lustig. Wie seine Stimme. Viel charmanter könne er sein, beteuert er. Es gibt nur ein Problem: „Fuck, I’m drunk.“

Trotzdem singt er seinen „truely depressing“ song „My latest sin“ mit ganz viel Gefühl. Das LKA wippt langsam von einem Fuß auf den anderen. Und gerade als es am Traurigsten und Schönsten wird, drehen sich die beiden verhältnismäßig jungen Mädels links von mir um und fragen charmant und ladylike: „Ey, wo ist hier das Scheißhaus?“. Leute, echt! Ich zeige hinter mich und die beiden ziehen Leine. Schnell wieder an was Schönes denken. Eines meiner absoluten Highlights ist „Small Change Girl“, ein wirklich wunderschöner Song. Tolles Video auch, sollte man sich mal auf Youtube anschauen.

Um 21.30 Uhr kündigt Asaf Avidan seinen letzten Song an. „Yeah I know you’re just here because of this fucking remix“, kommentiert er den Wunsch seiner Fans nach dem „Reckoning Song“. Naja, immerhin hat ihn der hierzulande bekannt gemacht. Hat er aber auch nicht so gemeint, hoffe ich zumindest. Immerhin hat er ja auch selbst gemerkt, dass im Vergleich zu seinem letzten Auftritt in Stuttgart deutlich mehr Fans gekommen sind. So ist das halt mit dem einen großen Hit: Fluch und Segen in einem. Spielen tut er aber „Love it or leave it“. Macht nix, ist auch schön. Die Fans grooven gepflegt vor sich hin und klatschen noch mal ordentlich mit.

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Foto: Özlem Yavuz

Asaf und seine Mojos verlassen die Bühne, selbstverständlich nur um ein paar Minuten später nochmal zurückzukommen. Und jetzt gibt es ihn als erste Zugabe unter riesengroßem Applaus doch noch, den „Reckoning Song“. Handys werden in die Luft gehalten um den einen großen Hit auf Video zu bannen. Mein Bruder präsentiert stolz seine Gänsehaut und das LKA

No more tears, my heart is dry
I don’t laugh and I don’t cry
I don’t think about you all the time
But when I do I wonder why

You have to go out of my door
And leave just like you did before
I know I said that I was sure
But rich men can’t imagine poor

One day Baby, We’ll be old
Oh Baby, we’ll be old
And think of all the stories that we could have told

Ist aber auch ein klasse Song. Bei der zweiten Zugabe „Her Lies“ röhrt es plötzlich wieder wie Schwein in altbekannter infernalischer Tonlage aus dem Publikum. Diesmal finde ich den Unruhestifter aber sofort: die beiden Scheißhausmädels! Sie lachen wie frisch aus der Klapse entkommen, die eine rülpst gleich nochmal und dann gießen sich beide vergnügt grunzend ihr Bier über den Kopf. Ernsthaft, ich kann Zeugen benennen. Jesses! Aber immerhin: ihrem wilden Veitstanz nach scheinen sie mächtig Spaß zu haben, auch wenn sie wohl irgendwie auf dem falschen Konzert gelandet sind.

„Hangwoman“ ist der letzte Song des Abends. Nach zwei Stunden geht das schnörkellose und wirklich sehr schöne Konzert zu Ende. Und vielleicht ist das LKA ja bei der nächsten Tour ausverkauft auch ohne schicken Umzumz-Remix einer seiner Songs.

4 Gedanken zu „ASAF AVIDAN, 08.05.2013, LKA, Stuttgart

  • 9. Mai 2013 um 20:06
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    der Spruch von den 2 Mädels ist aber wirklich mal so dermaßen schlimm schlimm schlimm…

  • 9. Mai 2013 um 20:10
    Permalink

    Vor allem während dieses Songs.

  • 9. Mai 2013 um 20:55
    Permalink

    Sehr schöne Fotos!

  • 10. Mai 2013 um 16:31
    Permalink

    Er lacht echt viel was ich auch sympathisch finde. (Danke Carsten. Tolle Text :)

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