SCHWARZ UN SCHMITZ, DENIS FISCHER, 24.10.2012, Renitenztheater, Stuttgart

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Foto: Andreas Meinhardt

Zum elften Mal bereits findet das Stuttgarter Chansongfest statt. Und das Renitenztheater präsentiert seit längerem seine Veranstaltungsreihe „Applaus für zwei“. Am heutigen Abend kreuzen sich diese beide Reihen – und so treten das Berliner Duo Schwarz un Schmitz und der Sänger Denis Fischer zu einem Doppelkonzert an. Nicht gerade das Genre und die Location, über die wir regelmäßig im Gig-Blog berichten. Aber warum nicht auch mal Chanson?

(Einschub: so richtig klar ist mir der Unterschied zwischen Chanson und Singer-Songwriter-Mucke eigentlich nicht. Bei beiden geht es um Text und Musik mit Anspruch und ernstzunehmende Interpreten. Aber irgendwie scheint der Chanson ein respektables Kulturgut zu sein, das in einem richtigen Theater und vor ernsthaftem Publikum präsentiert wird, während zweiteres eher vollbärtige Hipster und Stoffbeutelträger in schummrige Szene-Clubs lockt. Seltsam.)

Leider sind es nicht allzu viele, die die Neugierde ins Renitenztheater gelockt hat. Der in tiefem Rot gehaltene Saal ist nicht wirklich dicht besetzt, als Meike Schmitz und David Schwarz die Bühne betreten. Die Sängerin plaudert trotzdem locker drauf los, erzählt von der Brigitte-Beilage-CD, die sie leider vergessen haben. Wo sie diese doch so dringend brauchen, um sich „immer wieder zu erden“. Macht aber nichts, sie können ja alle Lieder auswendig und werden ein paar davon heute zum besten geben. Von Wünschen handeln ihre Chansons, von Sehnsüchten und Träumen. Große Gefühle, immer hart an der Kante zum Kitsch. Der Pinguin, der fliegen will, die Ballerina mit Migräne, die so gerne Bauarbeiter wäre, die innige Beziehung zu einem Brathähnchen. Das ist manchmal ganz schön albern, pathetisch oder auch absurd. Aber die beiden haben ein Talent, die Situation immer wieder durch knochentrockene, lakonische Einwürfe zu „erden“.

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Foto: Andreas Meinhardt

Der musikalische Vortrag ist virtuos. Schmitz, die studierte Jazz-Sängerin gibt alles: vom kieksigen Kleinmädchen-Stimmchen bis zur lasziven Soul-Röhre hat sie alles drauf. Immer wieder wechselt sie die Kostüme, packt diverse Requisiten von der Federboa bis zum Hendl-Kazoo aus, und spielt dazu noch Fagott und Ukulele. David Schwarz am Konzertflügel hält sich dezent im Hintergrund. Mit meist sparsamen Einsatz begleitet er – auch er natürlich studierter Musiker – den Vortrag seiner Partnerin. Komischer Höhepunkt des Abends ist „Gut, wenn man Freunde hat“. Großartig als ein „Song wie ein Licht am Ende des Tunnels“ angekündigt, ist dies ein tief traurig beginnendes Stück, das im Refrain aber unvermittelt in einen bunten Latino-Tanzrhythmus umschlägt. Nicht nur hier zeigt sich übrigens, was eine Profi-Location und ein guter Licht- und Soundcheck ausmachen. Die Lichtgestaltung trägt an diesem Abend sehr viel zur besonderen Atmosphäre bei und auch der Sound ist exzellent. Zum Abschluss verarbeiten die beiden dann noch Schmitz’s Trauma, niemals in eine Punkband gespielt zu haben und mit einem Schlaflied für Erwachsene als Zugabe geht es in die Pause. (Diese natürlich – ganz theater-mäßig – im Foyer an Stehtischchen mit einem Herrenpils verbracht).

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Foto: Andreas Meinhardt

Die zweite Hälfte des Abends bestreitet der Chansonnier Denis Fischer. Ich bin ehrlich: Auch von ihm hatte ich bis dato noch nichts gehört. Aber nach wenigen Minuten war mir klar: Hier steht ein Vollblutmusiker auf der Bühne, ein Entertainer, eine echte – man verzeihe es mir – Rampensau. Im knallroten Rüschen-Hemd wirft er sich in die Brust, kokettiert mit dem Publikum und startet mit „Liebesserum Nr. 9“, einer schönen Coverversion des Searchers-Klassikers. Sein Programm besteht zum guten Teil aus Liedern zu den Zigeunerromanzen von Federico Garcia Lorca. Inbrünstig trägt er sie vor, die leidenschaftlichen Liebesgedichte, immer mit einer ordentlichen Portion Schalk im Nacken und mit „zwei anständigen Maracas in der Hose“.

Sein Begleiter Carsten Sauer bearbeitet den Flügel nicht nur mit einer ungeheuren Verve, er gibt auch optisch den heißblütigen Südländer.

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Foto: Andreas Meinhardt

Der thematische Bogen zu Fischers „persönlichem Freund“ Leonhard Cohen ist schnell gefunden. Auch dieser hat nämlich Garcia Lorca vertont und so covert Fischer folgerichtig „Take This Waltz„. Sein übriges Programm ist abwechslungsreich, das meiste davon Coverversionen. Mein persönliches Highlight: „Bang Bang“ von Nancy Sinatra auf deutsch. „Sie war fünf, und ich war sechs…“ Herrlich.

Zur Zugabe macht sich Fischer (halb) nackig und dreht nochmal richtig auf. Das Publikum ist begeistert, klatscht lautstark mit. So lustig und kurzweilig können also Chansons sein. Ein wirklich anregender Abend – es lohnt sich, hin und wieder ausgetretene musikalische Pfade zu verlassen.

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Denis Fischer

Schwarz un Schmitz

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