WILCO, OZARK HENRY, 22.10.2012, Theaterhaus, Stuttgart

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Foto: Andreas Meinhardt

Man kann mir ja viel nachsagen, klar, jeder hat so seine Macken, ich mehr als genug, komischen Musikgeschmack habe ich auch, hör Slayer und Carpenters gleichermaßen gerne, etc. etc.. Aber so wie man mit 99%iger Sicherheit sagen kann, dass man es mit einem ausgewachsenen Hirni zu tun hat, wenn jemand mittlerweile meint, das Wort „Gutmensch“ als Diskreditierung zu benutzen, kann man mit derselben Sicherheit davon ausgehen, dass ich keine Konzertauftritte verreiße. Zu groß mein Respekt vor den Leuten, die viel geübt haben, Herzblut in ihre Musik stecken, und nun ihr Bestes da vorne geben, vor allen Zuschauern.

Aber bei Gott, der Auftritt von Ozark Henry macht’s mir so verdammt schwer. Dabei liegt das nicht an mangelndem Können, schlechtem Sound, lustloser Performance oder sowas. Aber 45 Minuten lang SWR3 kompatible Pianoballaden, mit Mann-Frau Gesangsduetten, die in jeder Sekunde dich am Kragen packen und sagen wollen „Hör her, wie wahnsinnig ausdrucks- und gefühlvoll ich singen kann!“. Dazu noch diese Klavier, das ständig nach „It’s just the way it is, baby“ oder James Blunt klingt… Dabei ist die Laune eigentlich ganz ok, obwohl ja demnächst der Stuttgarter Untergang droht (Tempo 30 auf der Autobahn, Theo-Heuss wird zur Spielstraße umgebaut etc.).

Wahrscheinlich tue ich Ozark Henry auch Unrecht, und die Platten sind super, aber so klingt’s für mich nach Formatradio-Pathos, am besten im Vorprogramm von Maroon 5 aufgehoben, und jetzt habe ich nicht nur miese Laune, weil mir die Musik nicht gefällt, sondern auch noch ein schlechtes Gewissen ob der bösen Worte. Danke! So emotional zerrüttet reicht’s auch nur noch zu einer stichwortartigen Protokollierung konfuser Gedanken zum restlichen Abend.

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Foto: Andreas Meinhardt

…Gott sei Dank guter Retro Soul in der Umbaupause…1100 Zuschauer sind das also, aha…hähä, voll die Middle-Ager…Moment, bin ja selber einer, Fack!…21:15 Uhr, geht los…ruhiger, countryesker Einstieg, geiler Sound…hab Durst…schönes Licht, endlich mal keine rotgeschwängerte Hölle…geht ganz schön lang schon das erste Lied…ah, lydische Skala zum Abschluss, schön…zweites Stück ganz anderer Stil, nennt man das eklektisch?…was macht Turner wohl gerade?…waren Wilco nicht mal eine Weile auch krautrockig?…Alter, Techno-Part!…Alter, Krautrock-Noise Part!!…Alter, saugeil!!!…was ein Finale des Songs, Applaus!…jetzt uptempo…Durst…he, den Song kenne ich…Rickenbacker-Gitarre au will…Gott klingt die Band gut…das laut-leise-Dynamik-Ding haben die aber mal so dermaßen drauf…was ist das, Americana meets „Neu!“?…sauinterssant was die da machen, begeistert…ok, Gitarrensolo des Jahres, leg mich fest. Applaussturm! Unfassbar geile Musiker!…wenn Mucker, dann so…habe ich grad den Mund offen?…Scheiss auf den Durst!…alles ist so perfekt arrangiert, das können nur ganz Große…Ansage: „you got a lot of stairs. I love stairs.“…jetzt was bisschen im The Byrds Style… fettes Sustain die Gitarre…jetzt also ein Blues-Rock Stück…wie macht sich Nierenversagen eigentlich bemerkbar?…das Stück nun fünfstimmig gesungen, und wir hätten einen frühen Beach Boys Hit…dämlicher Vergleich…trotzdem gut poppig (I like!)…das nächste Lied ist aber eindeutig Beatles beeinflusst (I like!)…schon wieder eine Band ohne Frauen…zweite Konzerthälfte vielleicht doch einen Tick weniger spannend als die erste…Durst, Hunger, Sex, hört das bitte irgendwann mal auf?…Zugabe, ein ruhiges Countrystück, schön…WAS WAR DAS? Die eine Hälfte der Band spielt ruhig ihr Stück gelassen weiter, die andere Hälte bombardiert das Stück mit einer atonalen Noise-Attacke und völlig anderem Rhythmus…und zack wieder alle in time und gelassen geht das Stück weiter…meine Damen und Herren, das ist ganz große Kunst!…Erkenntnis, während die dritte Zugabe mit souligem Falsettgesang läuft: Wilco haben vielleicht nicht die allergrößten Kompositionen und Mördermelodien, können aber ihre Songs so dermaßen interessant und gekonnt arrangieren, dass man live aus dem Staunen nicht mehr herauskommt…vierte Zugabe ist mir zu sehr Springsteen Stadionrock-Nummer…fünfte Zugabe, sechste Zugabe…fack, bin zu alt für Zwei Stunden Konzerte…Baby, ich bin zu alt…Wilco? Musikgötter vom anderen Stern.

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Foto: Andreas Meinhardt

Ein Gedanke zu „WILCO, OZARK HENRY, 22.10.2012, Theaterhaus, Stuttgart

  • 24. Oktober 2012 um 09:57
    Permalink

    ich Depp hab ja das Stück, das mich an NEU! erinnert hat, sogar auf CD:

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