BADESALZ, 19.11.2010, Theaterhaus, Stuttgart

Foto: Promo

Name: Badesalz Theater, später Badesalz
Baujahr: 1982
Hubraum: 1,5 Liter Gagvolumen/Atemzug
Zylinder: 2, Henrick Nachtsheim, Gerd Knebel
Leistung: Saxophon, Gitarre, Gesang, Comedy
Gewicht: Leichtsilben-Comedy
Verbrauch: ~5 Pointen/Stunde

Das Jahr 1982. In Worten eins-neun-acht-zwei. Uns Schland heißt BeeRDe, das Weltbild ist bipolar verschraubt, also Mutter und Kontermutter, uns Einheit Helmut Kohl putscht sich per FDP-Ticket ins Bonner Kanzleramt. Mit der Stationierung einer handvoll Pershing-II-Atomraketen steht die geistig-moralische Wende bevor, Gottlieb Wendehals‘ Polonäse Blankenese hats in die Charts geschafft, Thomas Gottschalk dreht mit Mike Krüger „Piratensender Powerplay“ und Otto Waalkes‘ Blödeleien gelten als anarchisch. Inmitten dieser Entertainment-Wüste (okay, geistig-moralische Wende ist kein schlechter Gag, geschenkt), genauer: in Frankfurt, kommt das hessische Duo Badesalz zur Welt, und begründet eine neue Sparte der Unterhaltung mit.
Die (alsbald so genannte) Comedy.

Achtundzwanzig Jahre, einen Haufen CDs plus DVDs und einen guten Satz Fernsehshows später sind aus den einstigen Rotznasen Altväter der Comedy geworden. Man darf also gespannt sein, wie schwer sich das umfassend beheftete Revers aktuell auf die Gelenke des Duos auswirkt.

20h. Halle T1, Kopf an Kopf vollbesetzt, die Wochenendstimmung der Gäste erstickt jedwede spätnovemberliche Terrorangst. Nachdem die letzten Zuschauer eingetroffen sind, gleitet der schwarze Vorhang beiseite und gibt eine üppige Kulisse frei. Zentral die Einsiedlerhütte mit paffendem Kamin, daneben eine aufgespannte Wäscheleine, an der vier bio-tonnen-braune Sweatshirts hängen, ein überdimensionales Teleskop, eine Frachtkiste, Körbe, zwei Gitarren und Kleinkram.

„Bindannda“ heißt das aktuelle Badesalz-Programm, und Henni Nachtsheim ist dann mal da. In Gestalt des Dosenfabrikanten Petä Lembach, der von seinem Mädel Christä einen Edeka-Paraglide-Flug geschenkt bekommen hat (Verkäufer: Carsten „Air“ Bär) und mitten in diese Ödnis abgestürzt ist. Weil Handys in der Wildnis nie funktionieren, spricht er seinen zaghaft-hessisch verfremdeten Katastrophenbericht aufs Tonband, für die Nachwelt, also Christä.

Nach jenem ersten, etwas zähen, aber gefälligen Solo, tritt Gerd Knebel aus der Hütte, seinerseits in Gestalt des griesgrämigen Hüttenmagiers Noah, stilecht im silbernen Zauberkostüm mit Melone. Der bekannte Badesalz-Doppelpass beginnt. Die Situation: Einsiedler trifft Paraglide-Brüchigen. Deren Bewältigung: Ein übereifriges, durchaus plublikumswirksames Frage&Antwort-Spiel, welches sich mit der Dauer des Abends in eine Art Rahmen-Sketch verwandeln wird, den das Duo mit komödiantischem Allerlei befüllt.

Und geklärt werden muss einiges. Warum kann Dosenfabrikant Lembach diese ominöse Urwaldlichtung nicht verlassen? – Weil eine magische Mauer das mit einigem Zunder verhindert. Was treibt der Einsiedler Noah hier so? – Er wartet auf Außerirdische. Woher kommt das Publikum? – Es ist virtuell, von Noah programmiert. Welche nehberg’schen Delikatessen stehen auf dem Speiseplan? – Heuschrecken, Zecken, „Spaghetti Boroliose“, „Bisamratten á la Berlusconi“.

Vor allem aber – wie vertreiben sich zwei einsame Männer abseits jeder Zivilisation die Zeit? Zum Beispiel mit einem Dialektratespiel (hessisch-deutsch), mit Erläuterungen zur Dosenproduktion (Petä soll eingedost werden), Gedichte zu den Themen Kapitalismus und Atomkraft, der Erfindung des Babbelkraftwerks, das aus Geschwätz Energie gewinnt. Mit einem Waldbeerenschnaps-Gespräch, das in einen gewollt peinlich „gerappten“ Song mündet, der hingegen nicht schlecht ausklingt. Und, neben jeder Menge anderer Blödeleien, mit einer Posse für Freunde des Fäkalhumors.

Über viele, munter abgeklapperte, herzhaft verdrehte, aber leider nur selten komische Situationen hangelt sich das Badesalz-Duo so durch den Rahmen-Sketch, der schließlich, gegen Ende der gut eineinhalb Stunden, seine Wende nimmt. Denn das Ganze ist natürlich eine Täuschung. Der Einsiedler Noah ist, man höre, gähne und staune, gar kein Einsiedler, sondern Dauercamper Norbert. Und Petä Lembach der dementsprechend Gelackmeierte.

Einschlägig witzig wird es erst, als Henni Nachtsheim sein Lembach-Kostüm abstreift und beim Zugabeprocedere vors Publikum tritt, um diverse Badesalz-Artikel zu bewerben. Der Zugabesong hat wenig, sehr wenig, mit dem Auftritt davor zu tun, denn er ist richtig gut, besonders gegen Ende, da die Gäste auf Kommando mitpfeifen (Männer und Frauen getrennt).

Der Badesalz-Auftritt dieses Abends ist ein Mix aus Theaterstadl und purer, sinnfreier Comedy. Kalauer und Schenkelklopfer reihen sich etwas müde aneinander, wirken allzu oft gestellt, Gassenhauer vom Typus Jacques Bubu früherer Tage sind leider selten. Die anwesenden Fans hat’s ganz offensichtlich nicht gestört.

Wer’s mag.

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