LEONARD COHEN, 01.10.2010, Schleyerhalle, Stuttgart

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Fotos: Reiner Pfisterer

Herbst. Zwangsläufig stellt sich diese Stimmungslage ein: Saisonale Niedergeschlagenheit. Seit Jahrmillionen versuchen die Menschen damit auf unterschiedlichste Weise umzugehen: Aromabäder, Lichttherapie, vermehrter Schweinkram mit immer neuen Partnern, Autosuggestion („Herbst ist der neue Frühling!“), Anordnung augenmaßloser Polizeieinsätze, usw. usf.
Ich habe folgende Methode entwickelt: Ich höre Musik, von der ich annehme, dass sie besonders traurig ist. Auf heavy rotation laufen momentan also: Lambchop, Gustav, Element of Crime und – Leonard Cohen. Der hat in seiner 43-jährigen Karriere als Musiker sagenhafte Lieder geschrieben, davon viele so tieftraurig, dass selbst Freund Hein davon berührt werden würde.

Es ist kurz nach acht Uhr, als Leonard Cohen mit seiner achtköpfigen Band die Bühne der Schleyerhalle betritt und mit markant-tiefer Stimme Dance Me to the End of Love singt. Dreieinhalb Stunden später verlässt er die Bühne wieder und hat 8500 Zuschauer restlos begeistert.

Cohen zieht keine große Show ab, meist steht er leicht gebückt mit dem Mikrophon in der Hand oder kniet nieder, als würde er um Vergebung bitten. Diesen Mann umgibt eine wahnsinnige Autorität und Aura auf der Bühne. Jede seiner Bewegungen sieht bedeutungsvoll aus. Jedes seiner Worte erscheint voller Weisheit.

Im Laufe des Konzerts wird klar, wieviele Hits Leonard Cohen der Welt geschenkt hat: Bird on a wire, Ain’t No Cure for Love, Who By Fire, Chelsea Hotel No. 2, Sisters of Mercy, Take This Waltz, So Long Marianne, First We Take Manhattan, Famous Blue Raincoat.

Hallelujah ist sein wahrscheinlich am häufigsten gecovertes Stück (sehr schön von Jeff Buckley, zuletzt von Rufus Wainright für Shrek). Cohen singt den Refrain mit unerwartet hoher Stimme und eine kollektive Gänsehaut geht durch die Halle. Viele seiner Texte kreisen um biblische Themen, und es fällt einmal mehr die musikalische Verwandtschaft mit Johnny Cash auf. Vielleicht ergibt sich ja auch hier noch eine Zusammenarbeit mit Rick Rubin?

Die Band begleitet Cohen routiniert, und jeder Einzelne brilliert auch als Solist. Besonders Dino Soldo an den verschiedensten Holzblasinstrumenten und Javier Mas an der 12-seitigen Akkustikgitarre sind neben den im Hintergrund singenden Webb-Schwestern erwähnenswert. Die breit orchestrierten Stücke sind gut, am stärksten ist Cohen aber, wenn er alleine ist. Zu Suzanne begleitet er sich ausschließlich selbst an der Gitarre und bis zur letzten Sitzreihe wird die Luft angehalten.

Die Bühne ist stets in dezentes einfarbiges Licht gehüllt, zu The Partisan, der  Geschichte eines Résistance-Kämpfers verfärben sich die Vorhänge blutrot. Chelsea Hotel No. 2 thematisiert seine Beziehung zu Janis Joplin, zudem enthält es die wundervolle Zeile „We’re ugly but we have the music“, die sich die Schorndorfer Manufakur zum Motto gemacht hat.

Vor Anthem greift Leonard Cohen die aktuellen Ereignisse im Stuttgarter Schlossgarten auf und spricht seine Solidarität mit den Bäumen und den Menschen, denen diese Bäume etwas bedeutet haben aus:

Ring the bells that still can ring
Forget your perfect offering
There is a crack, a crack in everything
That’s how the light gets in.

Man sieht dem Kanadier seine 76 Jahre an und fragt sich, wo er die Energie für einen so langen Auftritt her nimmt. Seinen schwarzer Hut hat er meist tief ins Gesicht gezogen. Hutträger haben den großen Vorteil, dass sie eine längst vergessene Geste wiederaufleben lassen können: demütig den Hut ziehen. Eben das tut Cohen desöfteren, wenn ihm ein Applaus länger als notwendig erscheint.

Mit Hey, that’s no way to say goodbye verabschiedet sich Leonard Cohen nach 28 großartig interpretierten Liedern aus Stuttgart. Auf den Stühlen hält es zu diesem Zeitpunkt schon lange keinen mehr. Seit einer halben Stunde werden Zugaben gespielt, alle sind nach vorne gestürmt, um den großen alten Mann des melancholischen Singer-Songwriter-Folks noch einmal von Nahem zu sehen.

Gerüchteweise hat Leonard Cohen noch mehrere hundert unfertige Songs im Schrank. Man möchte ihm noch viele Herbst- und Winterabende wünschen, an denen er diese Fragmente zu neuen Liedern zusammenstellen kann.

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Fotos: Reiner Pfisterer

8 Gedanken zu „LEONARD COHEN, 01.10.2010, Schleyerhalle, Stuttgart

  • 3. Oktober 2010 um 14:10
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    hab ihn leider verpasst, aber hab allein vom lesen gänsehaut bekommen.

  • 3. Oktober 2010 um 14:22
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    Chapeau Herr Klack! Zum Mitfühlen obwohl man nicht da war. Tolle Fotos auch. Captain Schmoud, die Konkurrenz rüstet auf…

  • 3. Oktober 2010 um 17:13
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    Schade, da wäre gerne dabei gewesen. Hoffentlich bietet sich nochmal die Gelegenheit.

  • 4. Oktober 2010 um 12:47
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    ich kann nur bestätigen das es ein unglaublich schönes und emotionales konzert war. einer der schönes meines lebens sogar. vielen dank für diesen wunderbaren abend…

  • 7. Oktober 2010 um 11:42
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    Wunderbar!

  • 7. Oktober 2010 um 18:32
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    Das schönste Konzert, das ich bisher erlebt habe. Sehr emotional, hat mich sehr berührt, Gänsehaut. Bin jetzt noch hin und weg. Schade, dass man kaum noch die Chance auf ein weiteres Konzert mit diesem Ausnahmekünstler hat.

  • 17. Oktober 2010 um 11:53
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    Es war der hammer, war eigentlich wegen meiner Lebensgefährtin dort, aber ich war tief beeinndruckt und das wirkt bis heute!!!

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