COCO ROSIE, 25.06.2009, Wagenhallen, Stuttgart

Coco Rosie

Fotos: Steffen Schmid

So langsam spielt sich ein schöner Rhythmus in meinen Konzertbesuchen ein. Kunstzeug mit sexuell unklarer Ausrichtung (Fischerspooner) wechselt sich mit klarer Hetero-Testosteron Mucke (Heaven & Hell) ab. Heute also Coco Rosie aus den USA.

So ganz warm bin ich den beiden Schwestern auf Platte bisher noch nicht geworden, obwohl ich die Musik auch von guten Freunden empfohlen bekommen habe. Gar nicht einschätzen konnte ich auch die Popularität dieser Band. Aber schon beim Hinlaufen wird klar, dass es um diese nicht so schlecht bestellt ist. Und der Frauenanteil ist wirklich enorm hoch. Stylemäßig sieht das aus, als wären da sehr viele junge Mädchen (Einschub: Webtexten für Profis – wenn jetzt jemand „junge Mädchen“ und „Stuttgart“ googlet, landet er ab sofort nicht nur auf Sauspatzkram, sondern auf einer gescheiter Seite) aus der Akademie der Künste am Start. Passend dazu werden wir von einer jungen amerikanischen Lady (nicht die einzige) faul rumhockend in der Industriebrache fotografiert. It’s the art! Körper und Gesichter wie für die Kamera erschaffen.

Auf der Bühne darf man vor Beginn schon einen Flügel und eine Harfe bewundern. Gegen 22 Uhr geht es los. Erster Eindruck: eher ruhig, bunt & recht dunkel das Ganze. Neben den beiden Casady-sisters sind noch 3 weitere MusikerInnen auf der Bühne (Details bitte auf den Fotos unseres weltbesten Konzertfotografen Schmoudi anschauen). Zweiter Eindruck: Die Musik gefällt mir live wesentlich besser als auf Platte. Begeistern tut sie mich nicht, dazu tendiert mir das manchmal zu sehr Richtung prätentiöser Kunstkacke (hartes Wort, meine ich nicht ganz so hart), bekommt dann aber doch wieder die Kurve zu sehr schöner Musik. Insgesamt ist es mir doch zu ruhig und nicht catchy genug. Bestuhlt wäre gut. Andererseits stelle ich nach einer Weile fest, dass Coco Rosie es wirklich geschafft haben einen unglaublich eigenständigen Sound zu erschaffen, der mit nichts anderem zu vergleichen ist, und das nötigt mir dann doch den allerhöchsten Respekt ab.
Der Tagesspiegel meinte wohl dazu: „japanophiler Kinderlieder-Operetten-Electronica-Freak-Folk“ (Danke Anja!). Trifft’s ganz gut, ich ergänze den Mischmasch mit einer guten Portion Hip-Hop Beats, der durch die Art der Percussions teilweise einen leichten Ethnotouch bekommt. Uff, fiel mir selten schwerer Musik in eine Schublade zu stecken.
Noch zu erwähnen ist, dass die Beiden eine sehr angenehme, sympathische Ausstrahlung haben, was in Verbindung mit den bunten Visuals (u.a. Glücksbärchies, Sperma, feuchte Wiesen und so) und der abwechslungsreichen Instrumentierung (zu hören sind u.a. auch Spieluhren, seltsame Flöten, Samples etc.) dafür sorgt, dass ich mich dann doch auch bei den Stücken ganz gut unterhalten fühle, die mir jetzt auf Anhieb nicht so gefallen.
Der Großteil der Leute ist allerdings sehr begeistert, was noch zu drei Zugaben führt. Netter Verhörer am Rande: ich wundere mich nicht zu knapp, warum einer vor dem Zugabenteil wie verrückt Sponge Bob brüllt. Bertramprimus klärt mich auf, dass der Mann „one more“ meint. Ach so…

Bertramprimus betrachtet CocoRosie auf der Meta-Ebene und meint folgendes:
„Ähnlich wie sich mein Auge auf dem Gelände des Inneren Nordbahnhofes deshalb entspannt, weil dort eben nicht alles sauber aufgeräumt ist wie auf der Theodor Heuss, sondern auch „mal was rumliegt“, so entspannt sich mein Ohr auf dem akustischen Gelände von CocoRosie, weil es nicht so aufgeräumt ist wie der House Beat auf der Theodor Heuss. Normalerweise beim Musikhören tun sich bei mir Welten an Assoziationsketten zu anderer Musik auf, ich erkenne Verweise, Huldigungen, Diebstähle, Mitnahmeeffekte und Herkünfte zu anderen Bands, Stilen, Richtungen. Und heute Abend: außer der großenkleinen Isländerin, die immer für alles herhalten muss und deshalb nicht genannt werden kann, vielleicht noch Hanne Hukkelberg und Joanna Newsom fällt mir nichts ein. Und das ist großartig, weil es für einzigartige Musik steht.

CocoRosies verspielte Musik und ihre artifizielle Art der Darbietung hat etwas von einer „positiven Attitüde“:  CocoRosie weist niemanden ab, CocoRosie läd ein, damit andere an ihrer Welt teilhaben können.

Die meiste Zeit habe ich die Einladung angenommen, bis auf den allerletzten Song, der propagierte, dass die – Zitat – „Ladies“ sich doch vor allem für sich selbst und für niemand anderen aufhübschen mögen. Um mich herum standen gefühlt fünfunddreißig „Ladies“, alle Mitte zwanzig und unter 1,70 und himmelten mit geweiteten Augen Bianca und Sierra a.k.a. Coco und Rosie an. Das war mir jetzt nicht direkt unangenehm, textlich fühlte ich mich jedoch als Familienvater jenseits der Dreißigermitte eher nicht angesprochen. Man muss auch nicht immer voll in der Zielgruppe sein. “

Mehr Fotos von CocoRosie gibt’s hier.

P.S. gerade beim Schreiben davon erfahren: Michael Jackson R.I.P.

7 Gedanken zu „COCO ROSIE, 25.06.2009, Wagenhallen, Stuttgart

  • 26. Juni 2009 um 11:09
    Permalink

    Ich hab sie 2007 in Frankfurt im Mousonturm gesehen/gehört. Damals hat ein Beatboxer (?) die Percussions übernommen und war absolut phänomenal! Hinterher wäre er aber auch fast von der Bühne gekrochen (er war auch noch eine der beiden Vorgruppen)…

  • 26. Juni 2009 um 20:32
    Permalink

    danke lino und bertram das ich nie wieder aus dem haus muss. so schön wie ihrs erzählt könnte ich es selber nie empfinden.

  • 26. Juni 2009 um 20:47
    Permalink

    @Cathrin: das ist auch unser Ziel. Mit diesem Blog jeden unserer Leser zu einer Sofalarve devolutionieren.

    @ALLE: bitte alle am 16ten September zu The Freeks kommen. Das letzte Mal gab’s totale Nacktheit, besoffenes Umfallen (mehrmals) des Gitarristen, den bekifftesten Merch-Salesman ever etc. Don’t miss it!

  • 27. Juni 2009 um 12:32
    Permalink

    Vielen Dank für den tollen Bericht und die klasse Photos. CocoRosie schaffen es jedesmal wieder mich (neu) zu bezaubern. Es war ein unvergesslicher Abend – auch gerade deshalb weil ich das unglaubliche Glück hatte auf die Bühne zu dürfen!

    Leider hab ich davon aber leider gar keine Photos von diesem „Event“, weshalb ich gerne hier mal vorsichtig anfragen möchte, ob es bei euch davon welche gibt und ob ich an die herankommen könnte ? Das wäre der absolute Wahnsinn!

  • 27. Juni 2009 um 15:29
    Permalink

    „Glücksbärchies, Sperma, feuchte Wiesen und so“ wird auch ordentlich reinhauen bei Google.

  • 27. Juni 2009 um 21:30
    Permalink

    Hi Martin, muss dich leider enttäuschen. Von deinem Auftritt gibt’s leider keine Fotos.

  • 20. August 2009 um 00:58
    Permalink

    Zu meinem Entsetzen oder vielleicht auch Freude, muss ich feststellen das ich wohl gerade eines dieser Mädchen gewesen sein musste, wie sie oben beschrieben werden.
    Jedoch ist es außerordentlich schwer, so meine ich, angesichts solcher Charaktere seine sonst so Beherrschte Art nicht zu verlieren.
    So sei es.
    Der Abend war sehr schön!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.