GOGOL BORDELLO, 05.05.2018, LKA, Stuttgart

Gogol Bordello

Foto: Steffen Schmid

Woran erkennt man schwäbischen Balkan? Wenn auf dem Ticket steht, dass das Konzert um 20 Uhr beginnt, wird auch Punkt 20 Uhr losgelegt. Zumindest die Vorband für Gogol Bordello im LKA scheint es so zu halten. Und die Voraussetzungen für Fezzmo sind ja auch wirklich gut: die siebenköpfige Gruppe, die ihre Musik selbst als ‚Schwalkan – schwäbischer Balkan‘ bezeichnet, darf vor einem im Grunde ausverkauften Haus eröffnen. Und in straffen 40 Minuten können sie auch durchaus unterhalten. Zugegeben, textliche Tiefe und ein aufgeklärtes Frauenbild darf man nicht erwarten. Frauen treten in den Songs nur als Statisten eines erhofften Geschlechtsverkehrs auf. Auch in der Band scheint man es kaum anders zu halten, wenn man die einzige Frau der Gruppe mit Textzeilen wie „Wir sind Stuttgarter Jungs mit Balkan-Bumms“ schlicht unterschlägt. Viel öfter handeln die Texte dann allerdings von Alkohol. Das virtuelle Konsumieren steigert sich mehr und mehr („danach noch drei Cerveza, dann fühle ich mich besser“) bis dann zum Song ‚Schnapsleichen‘ alle Bandmitglieder in die Horizontale wechseln und liegend zu Ende spielen. Die in diesem Schema etwas einfach gestalteten Texte kann man Fezzmo aber ohne Weiteres als eine ironisch gebrochene Hommage an die eher partylastige Seite der Balkan-Musik verzeihen und sich stattdessen dafür entscheiden, musikalisch gut unterhalten zu werden. Und das tun sie. Mit viel Brass, Klezmer-Elementen und treibenden Rhythmen wird zumindest der vordere Teil des LKA schnell zum Tanzen animiert (PA-gedrosselt, hinten kam dann nicht mehr so viel an). Und nach einem schwäbischen Reggae über das ‚bruddeln‘ dürfen sich Balkan-Fans schließlich auch über das fast schon obligatorische „Disko Partizani“ mit eigener Stuttgarter Strophe freuen. Ein gelungener Support für Eugene Hütz und Gogol Bordello.

Fezzmo

Foto: Steffen Schmid

Vor elf Jahren besuchte ich ein Konzert der grandiosen russischen Gruppe Pakava it im Schocken. Gefühlt weit über 50% der Besucher an diesem Abend sprachen russisch oder eine andere osteuropäische Sprache. Niemals wieder habe ich ein Konzert erlebt, bei dem so euphorisch, so überbordend gefeiert und getanzt wurde. Und das ab dem ersten Lied. Höhepunkt des Abends war, als die vier Meter hohe gläserne Eingangstür unter dem Druck der ekstatischen Menge in tausende kleine Teile zerbarst (was das Tanzen aber höchsten für einen Atemzug ins Stocken brachte). Glaubt man den euphorischen Berichten über Gogol Bordellos Konzerte, könnte der Abend im LKA dieses Erlebnis toppen. Werfen wir einen Blick darauf, ob das geklappt hat:

Gogol Bordello

Foto: Steffen Schmid

Geboren in der Ukraine landete Eugene Hütz nach diversen Stationen schließlich in New York. Cineastisch Interessierte kennen ihn vielleicht aus seiner Hauptrolle neben Elijah Wood in „Everything is illuminated“ oder aus Madonnas Regiedebüt „Filth  and Wisdom“. Beide Rollen verdankt er allerdings seiner Hauptbeschäftigung, der Musik. Seine in New York gegründete Band Gogol Bordello veröffentlicht seit 1999 regelmäßig Alben und spielt sich weltweit durch Clubs und Festivals. Die Musik vereint dabei Einflüsse aus Roma-Musik, Punk, Dub, Rock. Aber auch wenn die ukrainischen und Balkan-Wurzeln nicht zu überhören sind, eine Sektion fehlt bei Gogol Bordello fast immer komplett: die Bläser. Auch im LKA kommt die Gruppe ohne aus und auch das sonst häufig vertretene Akkordeon bleibt diesmal in der Kiste. Zusätzlich zu den Klassikern Bass-Gitarre-Schlagzeug machen ein Geiger (dessen Sound ganz spannend immer wieder an Bläser erinnert), eine Backgroundsängerin und ein zweiter Sänger/Trommler/FX-Mensch ihre Aufwartung. Und natürlich Eugene selbst, der singende und Gitarre spielende Turbo-Unterhalter. Mit langem Haar und Schnauzer, drahtigem Körper, einer engen Lederhose inklusive eines mit Rosen gefüllten doppelten Pistolenholsters und der häufig mit dem Hals nach unten gerichteten auf dem Rücken getragenen Gitarre erinnert er an den coolen Outlaw eines Italowestern.

Gogol Bordello

Foto: Steffen Schmid

Und schnell wird klar, dass die Band Spaß bringen möchte. Das komplette Setting ist auf das Spiel mit dem Publikum ausgelegt. So hat die Bühne vorne in der Mitte eine extra Erhöhung, die dann immer vom gerade aktivsten Mitglied der Gruppe bestiegen wird, um dieses dann besonders in den Mittelpunkt zu rücken. Meist ist das Eugene selbst, der hat zusätzlich auf der erhöhten Bühne noch eine weitere Kiste stehen, auf die er immer wieder ganz cool das rechte Bein abstellt. Und dann das Publikum animiert. Mit Gesten, Aufforderungen, laszivem Tanz oder dem Verspritzen billigen Rotweins. Fast songweise legt er ein weiteres Kleidungsstück ab, Weste, Designer-Hemd (mit dem Aufdruck: ‚protect yo heart‘), Gürtel. Später finden auch die Rosen aus den Holstern den Weg ins Publikum. Dem gefällt das alles. Es ist vom ersten Song an dabei. Es singt und grölt laut mit (in allen Sprachen), der ganze Saal ist in Bewegung.

Gogol Bordello

Foto: Steffen Schmid

Und auch hier gilt: die stärksten Reaktionen kommen dann, wenn oben vom Alkohol gesungen wird. Dabei wird man als Publikum auf diesem Konzert mit Besserem verwöhnt. Eugene Hütz erzählt Geschichten. Nicht in Moderationen, da gibt es keine. Sondern in den Liedern selbst. Dem Inhalt ist nicht immer leicht zu folgen, immerhin wird fast zeilenweise zwischen englischen, ukrainischen, romani und auch spanischen Zeilen gewechselt. Unverkennbar ist aber trotz sprachlicher Barrieren: Gogol Bordello haben Inhalte; ob nun eher sozialkritisch („I got a passport, officer“) oder einfach aus dem persönlichen Umfeld („Start wearing purple“). Den inhaltlichen Höhepunkt scheint das gegen Ende des Konzerts in der einzigen ‚umfangreicheren‘ Moderation zu haben. Eugene informiert, dass er nun eine Lesung fortsetzen wolle, die er beim letzten Deutschland-Besuch begonnen habe. Er erbittet sich Respekt für die folgenden Worte, immerhin seien das nicht seine, sondern „William Blake’s Story, so either fuck off or listen“. Und beginnt dann tatsächlich aus einem dicken Schinken vorzulesen. Das hält allerdings nur ein oder zwei Sätze an, dann transformiert sich das Gesprochene in Gesang und man realisiert, dass man es schlicht mit einem Intro zu einem zugegebenermaßen epischen Song zu tun hatte. Wer bei William Blake sofort an Jim Jarmuschs „Dead Man“ und die geniale Vertonung durch Neil Young denken muss, wird auch bei Gogol Bordello nicht enttäuscht. Kern des Lieds ist ein gut einminütiges Gitarrensolo, das einen immer wieder an ‚Guitar Solo, No. 5‘ erinnert.

Gogol Bordello

Foto: Steffen Schmid

Man kann also ohne Weiteres sagen: Gogol Bordello bietet in einem fast zweistündigen, hochenergetischen, schnellen, ja, atemlosen Set etwas für alle Interessen. Unterhalten wird man ohne jeden Zweifel, egal ob man seinen Spaß eher bei Nennungen alkoholischer Getränke hat, tanzen möchte, interessiert an guten Geschichten ist oder einfach nur sehr gute Musiker in einem spannenden Stilmix hören möchte.

Aber kann der Auftritt die Marke einholen, die Pakava it Jahre zuvor mit ihrem Gig im Schocken setzte? Obwohl die Voraussetzungen durchaus gut waren, hat es dazu nicht ganz gereicht. Die Stimmung war gut, aber nicht überbordend; das Publikum war sehr gut drauf, aber es war nicht ekstatisch. Muss man dafür Eugene Hütz und seiner Band die Schuld geben? Vermutlich nicht. Zum einen ist das LKA kein Schocken. In seiner Weitläufigkeit verliert sich jede Stimmung zwangsweise zum Rande hin. Zum anderen konnte man das Gefühl bekommen, der Lichttechniker wolle die Euphorie absichtlich unterbinden. Nach jedem Song wurde das Publikumslicht komplett aufgedreht. Weißes Licht, wie auf der Dorfdisko, um alle zum Heimgehen zu motivieren. Einer durchgängigen Stimmung war das leider nicht sehr zuträglich. Auf diese kalten Lichtduschen hätten alle gut verzichten können.

Gogol Bordello

Foto: Steffen Schmid

Gogol Bordello

Fezzmo

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