JOSÉ FELICIANO, 08.12.2016, Liederhalle, Stuttgart

José Feliciano

Foto: Michael Haußmann

Zur Begrüßung wird ein Film gezeigt. Eine zähe, auf annähernd zehn Minuten gedehnte Aufzählung an Preisen, die er gewonnen, und berühmten Persönlichkeiten, denen José Feliciano im Laufe seiner langen Karriere begegnet ist. Von zahlreichen Grammys ist die Rede, aber auch von Obskurem wie dem Ronald McDonald-Preis. Es gibt Fotos mit Paul und Linda McCartney, Frank Sinatra, Papst Johannes Paul II., Bill Clinton und den Obamas zu sehen. Carlos Santana preist ihn, der mit seinem „Light My Fire“-Cover tatsächlich eine Schlüsselrolle in der Genese des Latin Pop spielt, als großen Wegbereiter. Kurz gesagt, ist es ein Video zum Fremdschämen, das phasenweise an einen Nachruf erinnert.

„Wollt ihr das Video nochmal sehen?“, fragt José Feliciano kurz darauf, als er noch vor dem ersten Lied aus technischen Gründen zu einer Pause gezwungen wird. Die Akustikgitarre scheint nicht wie gewünscht zu funktionieren, und ein Ersatz ist vorerst nicht in Sicht. Feliciano sitzt auf einem Hocker in der Bühnenmitte und wirkt genervt. Er könne ja so lange Witze erzählen, meint er nach kurzem Überlegen. Das mit dem Video war keiner, aber glücklicherweise wird es dennoch nicht noch einmal gezeigt. „Ihr seid ein wundervolles Publikum, das sehe ich“, ruft der von Geburt an blinde Sänger mit einstudierter Selbstironie – kaum einer lacht. Begeistert ist das gesetzte Publikum dennoch, vorsichtig erhebt sich eine Dame von ihrem Rollator und applaudiert. Derweil reicht seine blonde Backgroundsängerin Feliciano eine E-Gitarre als Ersatz. Die möchte er zunächst nicht haben, entschließt sich dann aber doch für ein spontanes elektrisches Intermezzo zur Eröffnung. Der optisch an eine Mischung aus Paul Simon und Jon Bon Jovi erinnernde Musiker spielt ein äußerst funkiges Riff, die Band setzt ein und spielt „Superstition“. Der in New York aufgewachsene Sohn puertoricanischer Einwanderer singt kraftvoll und spielt tatsächlich fantastisch Gitarre. Am Ende muss man einsehen, dass das Stevie Wonder-Cover der eine nicht einstudierte, dafür aber wirklich großartige Moment eines nie wirklich guten, mitunter schwachen Konzerts ist.

José Feliciano

Foto: Michael Haußmann

Denn obschon Feliciano auch mit 71 noch über eine exzellente Soulstimme verfügt, gelingt es ihm mit wenigen Ausnahmen nicht zu berühren. „Ain’t no sunshine“, ein Song der von seiner Schlichtheit lebt, wird von Felicianos Band lieblos aufgeblasen. Da wirkt selbst eine tolle Stimme auf einmal überladen, genauso wie die an Casting-Formate erinnernden Posen der Backgroundsängerin. Ein Soloauftritt wäre vielleicht besser gewesen, aber Feliciano hat eine große Band dabei, mit einem Drummer, einem Percussionisten, zwei Keyboardern, einem Bassisten und erwähnter Sängerin. Nominell klingt das nach einer hervorragenden personellen Ausgangslage, jedoch erinnert die Band eher an eine Hotelbar- oder Kreuzfahrt-Kombo als an eine begeisternde (gerne auch Easy Listening) Latin Pop-Band. Und so ist die Folge, dass José Feliciano statt den glänzenden Latin Pop zu spielen, für den er in den späten 60ern berühmt wurde, sich in schmalzigen Schlagernummern verliert. Standards wie Bob Dylans „Knockin‘ On Heaven’s Door“ verkommen zu lauwarmen Aufgüssen großer Songs. Dazu gibt es gehörigen Friedenspathos, leise Esoterik und jede Menge kitschige Weihnachtslieder. Gut, es ist Vorweihnachtszeit und mit „Feliz Navidad“ hat Feliciano einen der unsterblichen Adventsklassiker des letzten Jahrhunderts geschaffen – und ja, auch wir sind durchaus aus vorweihnachtlicher Sentimentalität hier. Aber auf Crossover-Eskapaden à la Night of the Proms haben wir seit unseren letztjährigen Erfahrungen auch keine Lust mehr und so kann uns auch der Auftritt des bekannten österreichischen Countertenor Arno Raunig nicht beglücken.

Arno Raunig

Foto: Michael Haußmann

Raunig singt zwei verschiedene „Ave Maria“-Adaptationen der klassischen Musikgeschichte mit Feliciano im Duett. Jener berichtet, dass ihm Mutter Maria als Neunjähriger einst im Traum erschien und er am darauffolgenden Tag mit dem Gitarre spielen begonnen habe. „When I find myself in times of trouble / Mother Mary comes to me / Speaking words of wisdom“, oder so. „Stille Nacht“ singt er dann auch gemeinsam mit Raunig, während mir unser Fotograf zuraunt, dass Popmusik wohl so klingen würde, hätte es die Beatles nicht gegeben. Eine furchtbare Vorstellung. Passend folgt Lennons „Happy X-Mas (War is Over)“ und viel frohe Botschaft. Nach fast zwei Stunden scheint er es am Ende dann auch eilig zu haben. „Que Sera“, „Light My Fire“ und natürlich „Feliz Navidad“ folgen rasch aufeinander und zuletzt kommt sogar ein wenig Weihnachtsstimmung auf. Er sei überglücklich auf der Bühne zu stehen, nachdem er vor kurzem in Malaga mit Lungenproblemen zusammengebrochen sei. Ab und zu kann er ein Husten nicht unterdrücken und mich packt Mitleid mit ihm, dass er statt sich irgendwo an einem warmen Strand auszukurieren, durch Europa tingelt und eine mit Weihnachtsliedern durchsetzte Nummernrevue aufführt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.