ASTRONAUTALIS, 03.08.2016, InDieWohnzimmer, Stuttgart

ASTRONAUTALIS, 03.08.2016, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Vor Wochen hatte ich für den heutigen Abend ein anderes Konzert in den Kalender eingetragen, aber als das InDieWohnzimmer in Feuerbach zu einem Gig des amerikanischen Hip-Hop-Künstlers Astronautalis einlud, konnte ich nicht widerstehen. Hip Hop ist eine meiner geheimen Leidenschaften und die Gelegenheit, einen hochgelobten Vertreter dieser Musikrichtung in einer kleinen feinen Runde zu hören, bietet sich mir nicht alle Tage. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an Claudia und Christine, die das möglich machen!

ASTRONAUTALIS, 03.08.2016, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Der letzte blonde Rapper, den ich live gesehen habe, hat sich mit flegelhaftem Benehmen und einer lahmen Show in mein Gedächtnis gebrannt. Der junge Mann, der jetzt einen halben Meter vor mir steht und alles gibt, tut es mit guten Texten, einer unglaublich kraftvollen Art, zu rappen und Bubencharm. In einem Song hängt er in seiner Bude ab und freut sich an den schönen Dingen, die er so besitzt. Und es gibt fünf Dinge, die er rettet, falls es mal brennt. Und diese fünf Dinge, suggerieren den Feuerwehrleuten, dass es in diesem Haus noch mehr geben muss, das zu retten sich lohnt. Aber nicht unbedingt die Schallplattenraritäten und unzähligen grellbunten Turnschuhe. Sind ja doch nur Sachen. Ach ja, Sachen. Da stehen auch welche vor Astronautalis, aus denen Beats und Melodien erklingen. Ich erkenne Controller, Laptop und auch ein Mischpult, aber er bedient noch ein weiteres Gerät, das ich noch nie gesehen habe – was das ist, werde ich nicht mehr erfahren, aber es ist auch nicht so wichtig.

ASTRONAUTALIS, 03.08.2016, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Wo ich die Musik einordnen soll, ist mir bei den ersten Songs nicht so klar. Klar, er rappt, aber die Klänge sind oft sphärisch und Astronautalis singt auch manchmal und das sehr gut. Im Internet hab ich gelesen, dass er seine Musik als „historical fiction hip hop“ bezeichnet. Na gut, noch eine Untermusikrichtung mehr. Er bewegt sich irre viel vor und zurück, er wirkt, als ob er unter großer Anspannung steht, er gestikuliert extrem und fährt sich oft über den Kopf und durch die blonde Tolle. Draußen laufen häufig Männer mit Hunden vorbei und schauen verwundert zu uns rein.

ASTRONAUTALIS, 03.08.2016, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Zwischendurch mal bedankt sich Astronautalis bei den Gastgeberinnen und erzählt uns, dass er schon viele Hauskonzerte gegeben hat, aber dass dies das erste in Europa sei. In seiner Heimat Amerika bedeutet Hauskonzert, dass man in einer abgerockten ekelhaften Bude spielt, wo man aufpassen muss, wo man hintritt und auf einem Müllhaufen schlafen muss. Hier hat er gutes Essen und ein sauberes Bett bekommen. Und er findet, dass wir Europäer ohnehin vieles viel cooler machen als seine Landsleute. Allerdings wundert und freut er sich, dass wir alle tanzen und schön verschwitzt sind. Wundern, weil wir so seriös gekleidet sind und so. Er dachte bei unserem Anblick wahrscheinlich, dass er den total öden Abend haben wird. Ha!

ASTRONAUTALIS, 03.08.2016, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Die Dualität der Welt beschäftigt den Künstler aus Florida auch sehr, besonders weil in Amerika täglich viele schlimme Dinge in der Zeitung stehen, anscheinend weil Amerika halt so ein großes Land ist. Und wenn er dann so nachgrübelt über dieses und jenes Schlimme, kommt er irgendwann zu dem Punkt, an dem er, was er hat, schöner findet und selbst näher an den Abgrund rückt, indem er z.B. viel zu schnell Motorrad fährt und dann noch schneller.

ASTRONAUTALIS, 03.08.2016, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Astronautalis (irgendwie komm ich mir blöd vor, wenn ich diesen Namen schreibe oder sage) verkündet nun, dass er sein Repertoire an ruhigen, hauskonzerttauglichen Stücken aufgebraucht hat und nur noch laute drauf hat. Da hat keiner was dagegen und es geht los. Jetzt steht wirklich keiner mehr still an seinem Platz, ob noch jemand sitzt, kann ich nicht sehen, aber es ist unvorstellbar. Seine Bewegungen werden größer, unsere auch. Über ein paar der Herren im Publikum muss ich mich nun aber doch wundern, die haben ja echt coole moves drauf! Hätt ich nicht gedacht. Jippieh und Mann, ist das heiß hier! Wenig später entpuppt sich A. als charmanter Animateur, er kündigt einen angry song an, zu dessen zweiter Hälfte wir tanzen und singen sollen, auch wenn wir den Text dazu erfinden müssen. Alle machen mit und wieder kann er es kaum glauben. Wir müssen echt fad aussehen!

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Foto: Michael Haußmann

Das vorletzte Stück soll improvisiert werden, A. bittet um Stichworte aus dem Publikum. Das ist erstmal zäh, aber dann sind doch welche gefunden und er textet wild um Jobs, Donald Trump etc. herum und da bleibt einem echt die Spucke weg, wo kommt das so schnell her? Kann man das lernen? Mit einem Swingstück animiert er uns ein letztes Mal zum Tanzen. Ich glaube selbst die, die nicht so auf Rap und Hip Hop abfahren, hatten einen tollen Abend.

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Foto: Michael Haußmann

Ein Gedanke zu „ASTRONAUTALIS, 03.08.2016, InDieWohnzimmer, Stuttgart

  • 5. August 2016 um 10:15
    Permalink

    So kraftvoll. In einem Wohnzimmer. Fast surreal. Und wunderbar!

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