SCOOTER, 27.02.2016, Porsche-Arena, Stuttgart

Scooter

Foto: Sue Real

Gastauftritt Heinz Strunk im Scooter Video zu „Can’t stop the hardcore“: Großvater feiert 70. Geburtstag gediegen beim Griechen. Kreta-Platte und Rotwein, doch dann die Partyband: keine griechischen Mandolinen – nein, Scooter live. Techno gepaart mit Sirtaki. Und so artet der Abend entsprechend aus: Testosteron und Schnaps, einmal zu tief in ein Dekollete geguckt und schon wird geprügelt und dem Geburtstagskind die Torte ins Gesicht geschmiert. Heinzer (selbst ja durch seine Jahre in der Hochzeitsband „Tiffanys“ einiges gewohnt) holt Hans-Peter nach dem Gig ab und fragt: „Und wie wars?“ – H.P.: „Du, ganz normal.“

Normal ist im Scooter-Universum relativ und schon ertappe ich mich wieder beim Spekulieren und Interpretieren: Humor scheint er zu haben, der H.P. Baxxter, letztes verbliebenes Gründungsmitglied und Gesicht der Band. Vielleicht meinen die das ja alles gar nicht so. Idiotie oder Genialität? Sinn im Stumpfsinn? Dada?

Selbstreflektiert ist H.P. auch – die schönen Zitate „Den (Lied-)Text gibt es übrigens nur, weil es einen Text zwingend geben muss. Die Menschen reagieren auf die Stimme, nicht auf den Instrumentaltrack darunter“ oder „Unsere Musik muss man sich schön trinken“ beweisen es.

Scooter

Foto: Sue Real

Letzteres befolgen die Besucher der ausverkauften (!) Porsche-Arena fleißig. Nicht wenige müssen auch die Niederlage gegen Hannover schön trinken und machen sich trotzdem einen schönen Samstag, bei dem quasi ein Highlight das andere jagt. Grölen und Bier allerorten.

Zu Beginn ein Riesenknall und bam bam bam vibriert es mich in meinen Sitz, der laut Eintrittskarte eingeschränkte Sicht verspricht. Eingeschränkte Akustik wär mir lieber, und ist das wohl schädlich fürs Kind? Zugeballert auf allen Sinneskanälen: Unfassbar laut, hektische Bilder im Hintergrund, rhythmisch wechselndes Licht und Stroboskop, pornoeske Tänzerinnen, Feuerbälle in der Luft plus funkensprühende gezackte Gitarre. Von allem zu viel, Attacke aufs Kleinhirn.

Scooter

Foto: Sue Real

Viele schöne Wortschöpfungen existieren, um das zu beschreiben, was sich unseren Ohren bietet: Kindergeburtstagsmucke, Kirmestechno, typischer Scootersound – das heißt auch: eklektisches klauen, covern, sampeln aus allen Genres: Pop (The logical song, Supertramp), Punk (Oi fucking oi), Gothic  (?), Folklore (Was wollen wir trinken), Peter Maffays Tabaluga, etc. pp. Diese Strategie befolgend sind Scooter mittlerweile bei ihrem 18. Studioalbum („Ace“) angelangt und gehören zu den erfolgreichsten deutschen Acts aller Zeiten.

H.P. operiert in typischer Pose (breite X-Beinpose mit emporgereckten Fäusten) zwischen zwei erhöhten „Turntables“, hinter denen Phil Speiser (ersetzte 2014 das Gründungsmitglied Rick J. Jordan) und Michael Simon (ersetzte 2006 ein zuvor mehrmals wechselndes Bandmitglied) abhampeln, an irgendwelchen Knöpfchen drehen und Akkorde aufs Keyboard einhämmern. Oder zumindest versuchen, den Eindruck zu erwecken, als wäre dem so – wegen eingeschränkter Sicht und enormer Entfernung leider nicht genau zu sagen.

Scooter

Foto: Sue Real

H.P. ist anscheinend kein wenig müde und feiert mit der willigen Masse das „Weeeeeeekend“ ab. Jeder seiner Schnaufer zwischen zwei „Liedern“ wird durch das begeisterte Publikum bereitwillig nachgeahmt, gar nicht zu reden vom unsäglich eingängigen „Döp Döp Döp“ aus dem Song „Maria (I like it loud)“, der es ähnlich zu „Seven Nation Army“ wohl zur Fußball-Gröl-Hymne schlechthin geschafft hat.

Englisches Schreien mit norddeutschem Akzent: „Fuck the Millenium“, „I am your pusher“, „Lass uns tanzen oder ficken oder beides – denn morgen sind wir tot“ und natürlich „How much is the fish?“. Chefscreamer wurde H.P. mal genannt, wenn das keine schicke Berufsbezeichnung ist.

Scooter

Foto: Sue Real

Peinlich oder Poesie? Egal!

Nach einem Konzert voller Dröhnen, hektischem Zucken und beißenden Lasern gehen Scooter wahrscheinlich in ihr Hotelzimmer, trinken einen ungesüßten Detox-Tee und schmökern noch ein wenig in Derridas dekonstruktivistischen Abhandlungen. Hans-Peter ruft vor dem Schlafengehen noch seine neue, blutjunge Freundin an und erzählt ihr eine Gute-Nacht-Geschichte, in der ein Eichhörnchen und eine verlorene Nuss vorkommen.

Normaler Abend bei Scooter.

Scooter

Foto: Sue Real

2 Gedanken zu „SCOOTER, 27.02.2016, Porsche-Arena, Stuttgart

  • 1. März 2016 um 10:18
    Permalink

    It´s a kind of magic: Einmal „Döp Döp Döp“ gelesen und schon den ganzen Tag im Ohr ;-)

  • 9. März 2016 um 10:46
    Permalink

    Ehrlicher Artikel! Hut ab!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.