CLUTCH, 15.06.2014, LKA, Stuttgart

Clutch

Foto: Steffen Schmid

Es kommt nicht auf den Vollbart an, sondern auf das Herz, das in ihm schlägt. Kein Deut anders läuft das mit Hosen: Dicke Hose geht nur, wenn ein großes Herz darin schlägt, das einen nicht wie einen kompletten Deppen da stehen lässt. Als CLUTCH am glockenhellen Sonntagabend erst „The Mob Goes Wild“ spielen und dann „Earth Rocker“ hinterherschieben, ist eines klar: viel besser wird so schnell gar nix mehr werden.

„They got their probabilities, but I got somethin‘ much better“ – als Sänger Neil Fallon das fantastische „Crucial Velocity“ in die ersten Reihen gestikuliert, ist die Sonne draußen wahrscheinlich noch nicht ansatzweise untergegangen, aber der Sack längst zugemacht. Das ist der Rock’n’Roll von Männern, die nichts und niemandem etwas zu beweisen haben – und schon gar nicht sich selbst. Clutch wissen, wer sie sind. An den Fingern funkeln Eheringe, über dem Gürtel wölbt sich der Bauch und Fallons zufriedenes Grinsen ist ansteckender als Grippe. Man wird den Eindruck nicht los, dass er gerade völlig zu Recht denkt: „Gut, gell?“


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Foto: Steffen Schmid

Keiner will da auch nur ansatzweise widersprechen: Fäuste werden gen Hallendecke gereckt, ab und an auch ein Zeigefinger, Textzeilen werden zurückgebrüllt und wer kann, der lacht vor Freude. In einer Welt, in der Leute Linkin Park ungestraft „genial“ nennen dürfen, lässt sich eine Band wie  Clutch kaum noch in Gold aufwiegen – auch weil ihnen so vieles egal scheint. Keinerlei Zeitgeist, der stören könnte, keinerlei Gimmicks, die ablenken könnten und eben nicht einen Funken Dummheit. Selbst wenn Fallon sich ein paar „Yeah!“ von den circa 700 Leuten im LKA abholt, klingt er immer noch wie einer, der gerade seine Grillparty im Garten moderiert.

Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob man das alles hier „Stoner Rock“ nennen sollte, denn Clutch haben den Funk und den Soul – das ist schon vor Hallenöffnung mehr als das Gros aller Stoner-Bands anzubieten hat. Das liegt auch daran, dass Jean-Paul Gaster wahrscheinlich der lässigste Schlagzeuger der Welt ist. Der Mann groovt auch schon bevor er die Stöcke in die Hand nimmt. Und wenn Clutch wie in „Electric Worry“ den Blues auspacken, dann ist das auch meilenweit entfernt von dem Zeug, das Leute manchmal sagen lässt: „Ich kann Blues nicht leiden“.

Clutch

Foto: Steffen Schmid

Tim Sult (Gitarre) und Dan Maines (Bass) wollen wir hier auch gar nicht unterschlagen: Aktionsradius irgendwo zwischen Litfass-Säule und Gebirgskette, aber jeder Ton ein Volltreffer mitten ins Herz und voll auf den Boppes – wahrscheinlich haben sie irgendwann ihre Seelen an den Teufel verkauft. Vielleicht sind sie aber auch nur top Typen, das weiß man ja heutzutage nie so genau.

Neil Fallon wiederum reiht sich mittlerweile locker in die Riege der großartigen Rampensäue ein. Der Mann ist ständig unterwegs, gestikuliert sich die Hände schwindelig, rollt die Augen im Kreis und wieder zurück und lächelt die ganze Zeit zufrieden hinter seinem Vollbart hervor. Mit dem Typ kannste Pferde stehlen, sagt man. Obwohl ich wirklich kein Pferd brauche und zu Hause auch viel zu wenig Platz für eines hätte. Aber bei Clutch geht natürlich immer was. „Burning Beard“ zum Beispiel – „The Power of the holy ghost is coming to town“. Kann man immer gut gebrauchen.

Clutch

Foto: Steffen Schmid

„50.000 Unstoppable Watts“ sind immer noch die schönste Stromverschwendung der Welt und more Cowbell als bei „D.C. Sound Attack!“ gibt’s nur wenn Will Ferrell gerade in der Stadt ist. Einer schreit „Yiieehhhaawww!“, sein Begleiter sagt „Ja, Mann“ und ein anderer hält es für ein Kompliment „Weiter, ihr Schwuchteln!“ zu brüllen. Als er selbst bei seinen Freunden keinen Blumentopf damit gewinnen kann, macht er sich wieder als ihr Bierträger nützlich. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, wie man den Plural des Wort „Schwuchtel“ bildet. Ich glaub‘, ich fange jetzt auch nicht mehr damit an.

Achso, von wegen „Jungsmusik“. Schon Mitte der 90er-Jahre schaute der DJ in der Röhre immer, wie viele tolle Frauen im Laden sind, in dem er „Spacegrass“ von Clutch auflegte. Die kamen dann nämlich immer aus allen Ecken auf die Tanzfläche gerannt. Im LKA rennt niemand. Jeder schüttelt die Kiste, nickt zufriedener als Neil Fallon und will mehr. Ich ertappe mich bei leichter Extase und bin froh, dass ich keinen BH trage: ich hätte den feierlich auf die Bühne geworfen und „Huuuiii!“ gerufen.

Irgendwann war dann Schluss. Und das war das einzig Miese, das dieser Sonntag zu bieten hatte.

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