KADAVAR, BOMB WHATEVA, 20.04.2013, Keller Klub, Stuttgart

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Foto: Steffen Schmid

Habt Ihr Euch mal überlegt, wie lahm es ist, bei Bands wie diesen von einer Zeitreise in die Vergangenheit zu sprechen? Ja, wir stecken mitten in einer Subkultur, die musikalisch da ansetzt, wo die Siebziger aufgehört haben. Bands greifen den Stil, das Songwriting und den Sound dieser Zeit auf und stricken daran weiter. Klar meint da einer aus dem Keller Klub-Publikum, man fühle sich wie vierzig Jahre zurückversetzt. Ist ja auch so: Je älter man wird, desto größer wird der Anteil an Zeit, die man damit zubringt, sich in dieser Weise zurückzuerinnern. Aber mal ehrlich: Ich kann mich nicht an vor vierzig Jahren erinnern, weil ich da noch flüssig war. Die Siebziger mögen einem vorkommen wie die gute alte Zeit, sie sind aber nicht unsere gute alte Zeit. Und um ins goldene Jahrzehnt zu gelangen, müssen wir gar nicht vierzig Jahre zurück reisen. Da reicht eine einfache Busfahrt zum Keller Klub.

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Foto: Steffen Schmid

Es wäre ein Fehler anzunehmen, dass wir es in der aktuellen Retro-Welle mit einem musikalischen Phänomen zu tun haben, in welchem nur abgegrast und wiedergekäut wird, was in der Vergangenheit schon da war. Im Gegenteil hört man bei den meisten Bands, wie sehr sie auch spätere musikalische Einflüsse atmen und/oder das, was sie aus der Vergangenheit aufgegriffen haben, weiterentwickeln. Musikalisch ist das alles noch nicht ausgeschöpft. Bomb Whateva zum Beispiel machen das. Man hört weit mehr Einflüsse als nur solche aus den Siebzigern. Zu dritt stehen sie da auf der Bühne – oder jedenfalls sehe ich nur drei, obwohl es ja vier sein müssten, aber die Typen vor mir sind einfach zu groß – und stricken ihren ganz eigenen Crossover aus Siebziger Rock-Einflüssen (Motörhead), Achziger Punk-Einflüssen (Ramones) und Neunziger Alternative- oder Crossover-Einflüssen (ich könnte mal Clawfinger sagen – jaja, ich weiß, da heult ihr jetzt auf). Dazu kommt dann noch aktueller Stoner und Südstaatenrock.

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Foto: Steffen Schmid

Das ist nämlich der Witz bei der Sache: Man kann aus all dem ein stimmiges Amalgam machen. Da hämmert dann das Schlagzeug von Marco einen geraden Rhythmus nach einfachen Rockstrukturen. Drüber liegt nicht minder prominent rhythmisch Cody Barcelonas Bass. Pavel oder Karl Francis – welcher von beiden das jetzt auch immer sein mag – bietet dazu den Fuzz. Mal klingt’s nach Psychedelic, mal nach klassischem Rock, mal ist es punkig, dann wieder werden Riffs gespielt, die mich sowohl soundmäßig, als auch mit all ihren peitschenden Breaks eben sehr an Clawfinger erinnern. Dazu röhrt Cody seine Texte. Man muss natürlich auch gleich an die Beatles denken, dieses Mal aber weniger aus musikalischen Gründen, hängt ihm da doch immer der Pilzkopf ins Gesicht bis zur Lippe, dass man immer nur das Bärtchen auf und ab hüpfen sieht, wenn er singt.

Das Ganze treibt ordentlich und heizt auch das Publikum schon mal kräftig vor – was sicherlich nicht nur daran liegt, dass Bomb Whateva hier ein Heimspiel haben. Dennoch fehlt mir etwas bei der Musik. Sie hat irgendwie nicht genug Brillanz und, so eigenständig die Melange auch sein mag, fehlt das Tüpfelchen auf dem i. Aber die Band ist noch jung. Da entwickelt sich noch viel. Sie stammen eben aus einem lebenden Untergrund und hängen nicht nur irgendwelchen musikalischen Idealen von vor vierzig Jahren nach.

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Foto: Steffen Schmid

Wenn man mal den Blick zurück in die Kulturgeschichte wirft, kann man feststellen, dass alle stilistischen Entwicklungen über große Zeiträume abgelaufen sind. Da gibt es mal Vorreiter und Nachzügler, da gibt es Variationen und Mischformen. Jeder stilistische Wandel hat sich langsam eingeschlichen bis er – und sei es nur innerhalb eines Teils der Gesellschaft – zu einem stilreinen Phänomen wurde und sich dann wieder langsam durch neue Einflüsse aufgelöst hat. Auch wenn sich dieser Prozess im 20. Jahrhundert beschleunigt hat, ist es ein Fehler, davon auszugehen, dass solche Sachen wie Psychedelic, Prog und sonstiger Siebziger Rock mit den Achtzigern in den Archiven der Geschichte verschwunden sind. Viele der alten Akteure sind noch aktiv. In den Achtzigern konnte eine Band wie Saint Vitus vielleicht noch darüber jammern, dass sie zu spät geboren wurden. Heute ist ihre Zeit erst wirklich gekommen. In den Neunzigern schrieb das Rock Hard in einem Black Sabbath-Interview, dass überraschend viele Bands, wie Psychotic Waltz, die Briten als Haupteinflüsse nennen. Gleichzeitig entwickelten sich Grunge und Stoner Rock und hielten eine Tradition hoch, in der wir immer noch leben.

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Foto: Steffen Schmid

Und dann eben kommen diese drei sympathischen und etwas stillen Jungs von Kadavar daher. Klar setzen sie ganz vorne an: Sie klingen mehr nach Black Sabbath 1970 als Black Sabbath. Die Rauschebärte sehen aus wie frisch aus der Kommune, und die Hosen haben einen riesen Schlag. Aber so sehr sie das verinnerlicht haben, was da von vor vierzig Jahren auf uns überkommen ist, hört man doch sofort, dass seit damals eine ganze Musikgeschichte vergangen ist. Diese ausufernde Art von Soli beispielsweise wäre ohne die Achtziger nicht denkbar gewesen. Und diese gar nicht so stilreinen Einflüsse tun dem Gesamtergebnis mächtig gut, denn die Berliner gehen so souverän mit all diesen Elementen um und fügen sie zu so brillanten Songs zusammen, dass einem die Ohren schlackern.

Katrin hat mir das mal beigebracht: Wenn man sich ein gotisches Gebäude ansieht und wissen will, ob es nun wirklich aus dem Mittelalter stammt, oder in der Neogotik des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, muss man aufs Detail achten. Wenn alles bis ins Kleinste perfekt gestaltet ist, wenn die Steinmetzarbeiten exquisit sind, dann ist es Neogotik. Und so ist es auch hier: Willkommen in den Zehnerjahren, wo die Siebziger viel mehr Siebziger sind als die Siebziger.

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Foto: Steffen Schmid

Erst mal nimmt man den richtigen Sound. Wenn Wolf seine Gitarre anschlägt, wird einem gleich ganz warm ums Herz. Und das bestimmt auch die gesamte Atmosphäre im wirklich proppevollen Keller Klub. Zwischen dem Fuzz des Sechssaiters ist das Publikum wohlig eingepackt, während drüber der riesige Totenschädel im wie immer roten Licht schimmert. Man hat ein bisschen das Gefühl, als wäre schlagartig Sommer, auch wenn die Temperaturen draußen ja schon wieder gefallen sind. Am meisten ist das der Fall, wenn die Band in ihre langen Instrumentalpassagen übergeht, die ganz chillig daher kommen, voll von fuzzigen Geräuschen, Mammuts langsamen, groovigen Bass. Klar gibt es solche Stellen auch bei den Vorbildern Black Sabbath, aber dort haben sie nicht diesen Zug. Keine Ahnung, wie die Drei das machen, aber während bei den Briten die Gedanken an solchen Stellen immer abschweifen, wird man bei Kadavar gefesselt und von Ton zu Ton mitgetragen. Alles um einen herum, bis vielleicht auf das rote Licht, löst sich auf, und man wird ganz zum Klangteppich.

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Foto: Steffen Schmid

Dann aber rocken sie wieder. Die Soli glühen von der Bühne. Der Bass und Tigers Schlagzeug treiben den Herzschlag voran. Auch wenn in dieser Musik so viel von den Siebzigern steckt, hat man keineswegs das Gefühl, dass hier irgendetwas altbacken oder epigonenhaft vorgetragen wird. Kadavar sind eine Band, die ganz zu Recht ein stetig größer werdendes Publikumsinteresse auf sich vereinigt. Sie treffen einfach den Ton, sind stilsicher. Das ist egal, ob es um die schnarrende Stimme von Wolf oder den erdigen Sound der Saiteninstrumente geht. Es ist egal, ob sie beim Schreiben einfach von Songstrukturen ausgehen, denn sie fügen so viele Ideen und so viel Abwechslung zusammen, dass man beim Zuhören immer in diesen Zwiespalt gerät, ob man jetzt mit heruntergeklapptem Kinn gaffen oder voll abgehen soll. Da sitzt einfach alles. Umso mehr freut man sich deshalb auch, dass die Jungs mit der Veröffentlichung von „Abra Kadavar“ endlich mehr brandneue Stücke zur Verfügung haben. Siebziger Rock war nie lebendiger als heute Abend. Und so sieht man am Ende auch nichts als strahlende Gesichter. Nur länger hätte es natürlich mal wieder sein können … Aber vom Guten bekommt man ja nie genug!

Katatonia singen in „Burn The Rememberance“: „What will replace us? / What will be our memory of this time?“ Und in diesem Sinne müssen wir uns dann halt auch die Frage stellen, ob wir unsere Zeit als den epigonenhaften Versuch ansehen wollen, etwas Vergangenes wiederzubeleben, immer in dem verzweifelten Bemühen, das nachzuahmen, was ohnehin nicht zu erreichen ist, weil wir ja keine Originale schaffen können, oder ob wir endlich einsehen, dass dieses Retro gar nicht retro ist, sondern das lebendige Hier-und-jetzt. Das ist die Querelle des Anciens et des Modernes wie eh und je. Aber wir sind die neuen Siebziger. Und wie bei Gotik und Neogotik sind wir eben auch wesentlich weiter als die alten Vorbilder. Muss man ja nur Kadavar ansehen. Und ganz anders als es bei Saint Vitus heißt, sind wir nicht zu spät geboren. Wir sind genau da richtig, wo wir sind. Und das sind Kadavar auch.

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Foto: Steffen Schmid

Kadavar

Bomb Whateva

3 Gedanken zu „KADAVAR, BOMB WHATEVA, 20.04.2013, Keller Klub, Stuttgart

  • 22. April 2013 um 13:27
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    Erklär mal bitte einem alten Elektroheiner was „Fuzz“ ist?

    Ich verrate Dir dann auch, was ein „808er“ ist.

  • 23. April 2013 um 11:38
    Permalink

    Das „Rock Heart“ ist ja mal HammerHart…
    Gruß aus EDDINGBURG

  • 24. April 2013 um 00:24
    Permalink

    @ Jojo: Idiot. Verliebte Köche …
    @ Bertram: Kopfhörer, linkes Ohr: Fuzz

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