DEFTONES, 18.08.2011, LKA, Stuttgart

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Foto: Sue Real

Schweißnass, jeder. Bestimmt „a Subbrsach“ weiß Gott wo, aber eher bedenklich beim Konzert, es sind schließlich hauptsächlich wildfremde Leute anwesend. Da schlägt schnell die Stunde, in der irgendwie alles toller ist, als denen zu nahe zu kommen. Hier im ausverkauften LKA funktioniert das aber nicht. Da kleben einem ständig Haare von blonden Frauen oder Remsecker Headbangern am Arm. Wahlweise auch ihre Arme, ihre Rücken oder dann halt doch gleich ganze Menschen.

Eine patschnasse Frau, umarmt ihren Freund, ihr Make Up ist verlaufen, und sie sieht ein bisschen aus wie das Cover der „Around The Fur“-Platte der Deftones. Ihr Freund fasst sie an den Hüften und zieht sie noch näher an sich heran. Dann küssen sie sich. „Mein lieber Herr Gesangsverein. DAS muss dann wohl Liebe sein“, will ich rufen.

Chino Moreno, Sänger der Deftones ist schneller: „I really wish these snakes were your arms“. Ein Romantiker wird der nicht mehr, so viel ist sicher. Egal. Man weiß gar nicht, wo man sich zu erst bedanken möchte, aber am Donnerstagabend hat Moreno tatsächlich einen guten Tag erwischt. Da steht er auf seinem Podest, rudert mit den Armen, singt erschreckend sicher, schreit und kreischt mit allem Zubehör. Und er lässt sich feiern. Zu Recht. Der Kerl sieht endlich aus wie einer, der mit sich ins Reine kommt.

Das ist gut. Denn in genau diesen Momenten holen die Deftones die Sterne einzeln vom Himmel und hauen jedem aufs Maul, der versucht, sie daran zu hindern. Ist Moreno mies aufgelegt, dann ist sein Gewimmer schier unerträglich. Da bleibt dann nur der Gedanke, wie gut das eigentlich auf Platte klingt. Doch schöne Erinnerungen alleine sind halt eine nutzlose Währung, wenn man das Leben damit bezahlen soll. Die Deftones haben in den vergangenen Jahren viel Kredit verspielt.

„Diamond Eyes“, der Opener – passender geht’s kaum. Kurz mal mit der Faust auf den Tisch schlagen. „Diamonds reign across the Sky“ singt Moreno. Den Himmel kann man im LKA leider nur erahnen, ist schließlich ein Dach drauf. Unter dem staut sich jetzt aber schon die Hitze. Scheissdrauf, weiteratmen, weil’s Sinn macht.

„Be Quiet & Drive“, der Pophit von „Around The Fur. „I don’t care where, just far away“ – auch das kann ein Reiseziel sein. Trotzdem: Lieber da bleiben, denn das hier wird von Minute zu Minute besser. Auch wenn der Sound dumpf klingt und Moreno so viel Hall auf der Stimme hat, dass er klingt, als würde er in der Stiftskirche singen – die Wucht ist spürbar. „My Own Summer“, ein Kinnhaken. „Hey you, big star, tell me when it’s over“ – Arschlecken, hier ist noch lange nix zu Ende.

Ab und an machen die Kalifornier noch in Sportrock und erinnern an die schlimmen Zeiten, als Trottel in Rockbands, HipHopper sein wollten, obwohl sie schlechter als DJ Bobo rappten. Linkin Park haben eine Karriere daraus gemacht, die Deftones ihren Hals würdevoll aus der Schlinge gezogen – Nu Metal ist tot. Zu Recht. Die Deftones: lebendiger als sie das in den vergangenen Jahren je waren.

Ein Kerl im Limp Bizkit T-Shirt filmt das alles mit dem Handy. Das ist sehr zynisch. Hoffentlich schickt er das Filmchen an Fred Durst und schreibt dazu: „Seggl. So geht das!“

„Beauty School“, ist zum Umarmen schön. „You’ve Seen The Butcher“, ein grobes sperriges Ding. Eines dieser Lieder, zu denen nur Menschen tanzen würden, die wirklich nicht alle Latten am Zaun haben. Doch die ganze Halle wippt im Takt, einige springen, andere halten die Augen geschlossen. Abtauchen. Toll.

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Foto: Sue Real

Dazwischen zeigt Abe Cunningham, wie das mit dem Schlagzeug geht. Der Mann bringt Steine zum Tanzen. Stephen Carpenters unwirtlich verzerrte Gitarre klingt mittlerweile auch wie eine Walze. „Auuufff gehht’s“, schreit Shavy Eggmann neben mir. Recht hat er. Auf geht’s.

„Sextape“, macht endgültig den Sack zu und auch noch einen Knopf dran. Das ist Liebe, das ist Leidenschaft. „Take me one more time, take me one more wave, take me for one last ride, I’m out of my head“. Verdammtundzugenäht, ist das schön, man möchte Konfetti werfen. „The Sound of Waves Collide“. Konfrontation auf einem ganz anderen Level ist das. Selten machte der Tippfehler „Leid“ statt „Lied“ mehr Sinn – ein Schützenfest ist das, jeder Schuss ein Treffer.

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Foto: Sue Real

Da stimmt’s an allen Ecken und Enden. Auch rechts außen auf der Bühne. Da steht Sergio Vega, ein Traum von einem Bassisten, mit einer Baseballmütze, die Leute in seinem Alter normalerweise nicht mehr tragen. Der Mann lenkte schon bei den famosen Quicksand die Lieder, ohne großes Getue. Er macht das einfach.

Es ist trotzdem zum Kotzen. Chi Cheng, eigentlicher Bassist der Deftones, liegt seit November 2008 im Koma. Autounfall. Niemand weiß, ob er je wieder erwachen wird. Und was sein wird, falls er es je tun sollte. Ein Freund auf Stand-by, nur er selbst kann sich wieder anschalten, nicht Gott – gäbe es einen, hätte er es längst getan. Sergio Vega, ein anderer Freund, steht da, um das Loch wenigstens ein bisschen zu erhellen. Er macht das großartig. „Change (in The House of Flies)“, klang selten besser. „Minerva“, „The Earth“, „Feiticeira“ oder „Passenger“ ebenso.

Das ist Tragik, kein Fingerbreit witzig – und dennoch passt es zur brachialen Hoffnungslosigkeit, die das Quintett aus Sacramento seit Jahren konserviert. Nur halt schlimmer als immer erwartet. Besonders weil die Deftones nie besser waren als an diesem Abend.

Irgendwas ist da passiert. Vielleicht sind da Narben, wo früher Wunden waren. Auch das ist Fortschritt. Oder zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.

P.S.: Die Vorgruppe Animals as Leaders – ich geb’s zu: hab nur zwei Lieder mitbekommen. Es war schön, aber Progfusionjazzmetal – das ist nix für alle Tage. Donnerstag war so einer.

Animals As Leaders

Deftones

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