NETZER, 11.08.2011, Merlin, Stuttgart

Netzer

Foto: Holger Vogt

Das Klinke-Festival im Merlin ist inzwischen eine Institution. Immerhin findet es dieses Jahr bereits zum zweiundzwanzigsten Mal statt und erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Und obwohl zeitgleich auf dem Schlossplatz ein Open-Air-Gottesdienst mit 40.000 Teilnehmern zelebriert wird, finden sich immer noch genug Zuschauer, um das Merlin gut zu füllen.

Kein Wunder: die heute Abend auftretenden Elektro-Jazzer Netzer haben sich über die Jahre eine solide Fan-Base erspielt und treten mit schöner Regelmäßigkeit beim Klinke-Festival auf. Angekündigt werden Sie mit einem Zitat aus der Stuttgarter Zeitung, die sie als „beste Band Stuttgarts“ bezeichnet haben soll.

Das Trio nimmt solche Lobhudeleien zwinkernd zur Kenntnis und macht sich an die Arbeit. Am liebsten würde man, so Bassmann Markus Bodenseh in einer der raren Zwischenansagen, ein Konzert wie ein DJ-Set spielen. Keine Pausen, ein Titel soll in den nächsten übergehen. Und dies gelingt an diesem Abend auch fast: bis auf drei kleinere Unterbrechungen fließen die Sound-Patterns ungebremst.

Für mich ist die große Kunst Netzers, dass Sie dem Genre Jazz jegliche Oberstudienrätigkeit nehmen und nicht nur auf das Hirn, sondern immer auch ganz direkt auf den Bauch zielen. Drummer Oli Rubow haut einmal packende Dance-Grooves raus, produziert mit verblüffender Leichtigkeit vertrackte Rhythmen und frickelt dann aus seinem Elektronik-Equipment spacige Dub-Loops heraus.

Markus Bodenseh liebt seinen Kontrabass: Er wird gezupft, geklopft, gestreichelt und geschlagen – hier wird mit Leidenschaft musiziert. Markus Birkles Gitarrenspiel, von raffiniert sparsam und akzentuiert bis hin zu massiven Verzerrer-Gejaule, findet immer wieder zurück zu simplen und eingängigen Melodien.

Überhaupt: was so scheinbar einfach aussieht – Gitarre, Bass und Schlagzeug – bekommt erst durch den massiven Einsatz von Elektronik den typischen Netzer-Sound. So stehen zu Füßen des Gitarristen sage und schreibe 26 mit den Füßen zu bedienende Tasten diverser Effektgeräte zur Verfügung. Schade nur, dass die Herren den Moog mit seinem bösartigen Tiefbass-Geknarze diesmal nicht mitgebracht haben.

Und während die Band nach den Zugaben längst von der Bühne ist, wabern die Loops noch eine ganze Weile durch den Raum …

Netzer

Foto: Holger Vogt

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